MARATHON MAN ist ein paranoider Thriller von John Schlesinger (MIDNIGHT COWBOY). In der Hauptrolle spielt Dustin Hoffman (THE GRADUATE, ALL THE PRESIDENT’S MEN) den introvertierten Studenten Babe, geplagt von Dämonen aus der Vergangenheit – die in Form von Rückblicken und Anspielungen auf die McCarthy-Ära den Selbstmord seines Vaters thematisieren. Babe gerät als völlig Unschuldiger in die verwickelte Maschinerie der Politik und Geheimdienste. In der Eröffungsmontage des Films, die dem Zuschauer noch kaum Möglichkeiten gibt, den Plot zu begreifen, spielen sich an unterschiedlichen Orten der Welt scheinbar unzusammenhängende Ereignisse ab, und erst im Laufe der weiteren Handlung lässt sich nach und nach rekonstruieren, wie Babe, dessen Bruder Doc (Roy Scheider), die  undurchsichtige Elsa (Marthe Keller) und der gesuchte Alt-Nazi Dr. Szell (Laurence Olivier) zusammenhängen.

Is it safe?

Dabei sind gewisse Handlungslöcher und Ungereimtheiten zu vernachlässigen – der Film lässt auch am Ende noch viele Fragen offen und einige der Konstruktionen erscheinen fragwürdig. Die Stärke von MARATHON MAN ist aber weniger seine eigentliche Handlung, sondern die Intensität einzelner Szenen, in welchen Schlesinger mit Verfolgungswahn, einem völlig ausgelieferten Protagonisten und dem bewährtem Prinzip “Traue niemandem” spielt.

Legendär ist natürlich die Zahnarzt-Szene sowie das berühmt gewordene Zitat “Is it safe?”, mit welchem Babe von Szell unentwegt geplagt wird. Aber nicht nur die brutale Folterszene, sondern auch andere Teile des Films sind von hoher Intensität und Qualität. Zu nennen wäre da Szells Gang durch das jüdische Viertel, bei welchem er von ehemaligen KZ-Gefangenen erkannt wird. Auch die Anfangsszene, in welcher eine Schimpftirade zwischen Autofahrern zum tödlichen Spiel ausartet, welches ironischerweise den ganzen Rattenschwanz der folgenden Handlung auslöst, ist mit ihrem eigenen Humor ein Highlight des Films.

Schließlich darf nicht unerwähnt bleiben, dass MARATHON MAN eine Glanzstunde der Schauspielkunst ist. Dustin Hoffman und Laurence Olivier spielen mit einer großartigen Authentizität – letzterer wurde für den Oscar als bester Nebendarsteller nominiert – musste jedoch Jason Robards (ALL THE PRESIDENT’S MEN) den Vortritt lassen. Method Actor Hoffman, der bereits in MIDNIGHT COWBOY mit Schlesinger zusammen gearbeitet hatte, bereitete sich wie immer intensiv auf seine Rolle vor; nicht nur in der Folterszene zeigt er seine überzeugende Angst, sondern jedes Element, jede Nuance seines Spiels ist abgewägt, wirkt nicht unrealistisch oder übertrieben. Wir empfinden seine Zahnschmerzen auf seiner Flucht nach, wir erschrecken uns mit ihm, wenn sein verblutender Bruder plötzlich bei ihm in der Tür steht, wir fürchten uns mit ihm in der klaustrophobischen Szene im Bad, aus der es keinen Ausweg für ihn gibt. Auch Roy Scheider darf in einigen Szenen glänzen und spielt keinen Überagenten à la Bond oder Hunt; zu sehr sorgt er sich um seine Haut – um es wie Robert De Niro in RONIN zu sagen: “It covers my body”.

Fazit

MARATHON MAN reiht sich ein in eine Reihe von Perlen der Siebziger Jahre, die mit Filmen wie SERPICO, THE FRENCH CONNECTION, ALL THE PRESIDENT’S MEN, THE CONVERSATION und zahlreichen anderen (Thriller-)Klassikern glänzten und zurecht als goldenes Jahrzent Hollywoods gelten.

MARATHON MAN
USA 1976
Regie: John Schlesinger
Drehbuch: William Goldman
Kamera: Conrad L. Hall
Schnitt: Jim Clark
125 min.

8/10


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