AVATAR

Veröffentlicht: 22. Dezember 2009 in reviews
Schlagwörter:, , , , , , , , , ,

Kleine Vorgeschichte:

Als ich vor einigen Jahren zum ersten Mal von James Camerons neuestem Projekt gehört habe, wurde ich sofort hellhörig und die Vorfreude stieg. Dann erfuhr ich, dass der Film computeranimiert sein sollte (das war meine erste Info) und ich wurde skeptisch. Bisherige „realistische“ Animationsfilme haben mich nicht überzeugt – die Zeit war einfach noch nicht reif. Da lobte ich mir lustige verniedlichte Animationsfilme à la Pixar, die gar nicht den Anspruch haben, Realismus zu simulieren. Meine Freude auf das angekündigte Sci-Fi-Spektakel war ein wenig getrübt.

Dann gab es im Sommer den ersten Trailer zu AVATAR, und immer noch war ich skeptisch ob der vielen bunten Bilder, die mir da gezeigt wurden und ein wenig an Videospiele erinnerten, war aber zugleich zugegebenermaßen fasziniert von den Animationen, die doch besser als bisher Dagewesenes wirkten. Es gab also im Grunde genommen eine Mischung von hohen Erwartungen und der Angst, massiv enttäuscht zu werden.

Heute war ich endlich im Kino, und zwar in der original englischen 3D Version von AVATAR. Es war das erste Mal, dass ich einen 3D Film im Kino gesehen habe, und trotz der Anstrengung und leichter Kopfschmerzen muss ich sagen, dass mich die Optik überzeugt, wenn ich mir das auch nicht immer antun könnte.

Eins vorneweg: AVATAR ist ein Spektakel, und visuell überzeugt der Film auf grandiose Weise!

Nächste Station: Pandora

Jake (Sam Worthington)

Gleich der Einstieg in den Film sorgt für einen „Wow!“-Effekt. Die Einstellung in einem schwerelosen Raumschiff ist so gut, dass man sich gleich einen ganzen Hard-Sci-Fi-Film wünscht. Hier hatte ich einen kurzen Schauer und dachte an 2001 – A SPACE ODYSSEY.

Aber wir reisen ja nach Pandora, wo die Menschheit in Persona einer mächtigen Firma dabei ist, geschützt durch das Militär eine wertvolle Ressource abzubauen. Unpraktisch dabei ist die einheimische primitive Bevölkerung, deren wichtigstes Heiligtum auch noch auf der größten Rohstoffader liegt. Eher aus Alibi-Gründen soll eine kleine Delegation aus Wissenschaftlern (u. a. Sigourney Weaver) mithilfe von Avataren Kontakt mit den Einheimischen aufnehmen und Informationen über sie sammeln, bzw. sie dazu bringen, das Heiligtum zu räumen. Avatare sind künstlich erzeugte Körper, die denen der Einheimischen, Na’vi genannt, gleichen, und in die sich die Wissenschaftler matrixmäßig einloggen und sie dadurch steuern. Im Wissenschaftsteam ist auch der querschnittsgelähmte Marine Jake Sully (Sam Worthington), der für seinen verstorbenen Zwillingsbruder einspringt – denn Avatare sind perfekt auf den Metabolismus ihres Gegenübers eingestimmt.

Im Verlauf der Story kommt Jake den Na’vi immer näher. Er wird von ihnen aufgenommen, lernt ihre Bräuche und Riten, entdeckt Flora und Fauna Pandoras und verliebt sich in die hübsche Häuptlingstochter Neytiri. Bald wird klar, dass die Na’vi keine Anstalten machen, ihren Ort zu verlassen, mit dem sie über eine Art symbiotische Beziehung in einem umfassenden kollektiven Netzwerk verbunden sind, und die skrupellosen außerweltlichen Plünderer entscheiden sich für die militärische Variante. Es entfacht eine Schlacht ungleicher Gegner, und Jake wählt seine Seite…

Was mir an AVATAR gefällt:

Pandora ist wunderschön. Schon der Landeanflug auf diese fremde Welt entfacht in mir den Wunsch, mehr zu sehen, und ich kann Expeditionen in den Dschungel kaum abwarten. Tier- und Pflanzenwelt sind fantasievoll gestaltet und (besonders die Pflanzen) überraschen immer wieder mit liebevollen Details. Der Einfallsreichtum der Macher beschert uns eine glitzernde bunte fremde Welt, die manchmal haarscharf an der Grenze zum Kitsch die Kurve kriegt, aber letztlich mit der greifbar nahen Optik überzeugt. Hier haben die Erfahrungen und Eindrücke, die der Taucher James Cameron unter Wasser gesammelt hat, eine große Rolle gespielt.

Die Animationen sind durchweg gelungen, vor allem auch der größte Stolperstein, die Na’vi, ist mit Bravour überwunden worden. Das hoch gewachsene blauhäutige indigene Volk ist plastisch, die Bewegungen wirken realistisch, die Gesichtsausdrücke sind faszinierend. Der Zuschauer weiß, dass die Figuren nicht echt sein können, aber er akzeptiert sie völlig als den realen Schauspielern ebenbürtige Charaktere.

Was mir ebenfalls extrem gut gefällt, ist die bekannte Technikverliebtheit von James Cameron. Computerterminals, durchsichtige tragbare Monitore, rotierende 3D-Modelle sowie die obligatorischen Exoskelette der Marines – all das gab es irgendwie schon in den meisten Filmen, aber hier ist das alles so trefflich und selbstverständlich in die Kulisse eingebettet, dass man sich wirklich ins Jahr 2154 versetzt fühlt.

Die Kamerafahrten, natürlich besonders bei den Jagden im Dschungel oder bei den Flugeinlagen, reißen den Zuschauer mit und werden durch den 3D Effekt ungemein verstärkt. Immer wieder kommt es vor, dass man schnell zur Seite zuckt, um einem Ast oder aufgewirbelter Erde auszuweichen, und wenn Jake über den Klippenrand aus haarsträubender Höhe auf den Grund lugt, dann kriegt so mancher schwitzige Hände. So far, ein voller Erfolg, und die teure Kinokarte hat sich gelohnt, denn die Erfahrung ist es allemal wert. Wer bereit war, für TRANSFORMERS Geld auszugeben, der hat kein Argument, weswegen er AVATAR verschmähen sollte.

Was mir an AVATAR nicht gefällt:

Die Story von AVATAR ist gelinde gesagt dünn und altbacken. Zivilisation trifft Naturvolk. Zivilisierter Charakter lernt Kultur kennen und schätzen, versucht die Katastrophe zu verhindern, schlägt sich auf die Seite des Naturvolks. Was wir von DANCES WITH WOLVES, THE NEW WORLD oder zig anderen Filmen kennen, wird in AVATAR 1:1 übernommen. Den Zuschauer erwarten weder plottechnische Überraschungen noch ein unvorhergesehener Ausgang. Die bewährte Story ist solide und dient als reines Skelett für dieses technische Experiment. Dies kann man kritisieren und sich fragen, ob nicht ein anspruchsvolleres Drehbuch das Meisterwerk schlechthin hätte generieren können – doch befinden wir uns hier im Mainstream-Bereich, wo andere Kalkulationen gemacht werden müssen angesichts gigantischer Budgets. Hier müssen eine Menge Zuschauer in den Kinosaal gelockt werden, und zwar nicht nur Hardcore-Fans oder Sci-Fi-Freaks, sondern eben auch der durchschnittliche Kinogänger und sogar der eher einfach gestrickte Michael Bay Fan. Da sind Filme wie THE DARK KNIGHT eher die Ausnahme, wo der Regisseur einen gewissen Anspruch einbaut, doch auch im Batman-Sequel sind genug Elemente vorhanden, die von seinem Mainstream-Schicksal zeugen. Doch zurück zu AVATAR. Ja, man hätte eine raffiniertere Geschichte entwickeln können, aber es scheint, als habe man lieber auf diese funktionierende Struktur gesetzt und dann mit dem eigentlichen Vorhaben loslegen wollen.

Dennoch gibt es Story-Elemente, die mich trotz aller Mainstream-Toleranz massiv gestört haben. Zunächst einmal wäre da die Figur des Colonel Miles Quaritch (Stephen Lang) zu nennen, die anfangs recht interessant eingeführt wird, sich dann allerdings mit zunehmender Handlung mehr und mehr auf die Rolle des wahnsinnigen irrationalen Psycho-Mainboss beschränkt. Da ist dann auch die letzte Glaubwürdigkeit weg.

Kritisch anmerken möchte ich auch zum Thema Naturvolk, dass die Na’vi eine extrem romantisierte Vorstellung eines perfekten, mit der Natur tatsächlich in Eintracht lebenden Naturvolkes sind. Somit kann man sie als unschuldige Engel im Paradies darstellen, die tatsächlich in perfekter Symbiose mit dem ganzen Planeten leben und über eine Art kollektives Bewusstsein verfügen. Natürlich KANN es so eine Welt geben, immerhin ist das Universum quasi unendlich in seinen Möglichkeiten. Damit macht man es sich aber auch irgendwie leicht. Ich hätte es schöner und realistischer gefunden, wenn es bei den Na’vi außer gelegentlichen Rivalitäten zwischen Macho-Kriegern auch Kehrseiten gegeben hätte. Wäre es nicht interessanter gewesen, wenn die Na’vi ihre eigenen Probleme hätten, und diese Welt dann von den Außerweltlern gestört würde? So drängt sich mir stets diese romantisierte Indianer-Sicht auf, die auf Dauer irgendwie nervt. NOCH schöner hätte ich gefunden, wenn die Rituale und gesellschaftlichen Strukturen der Na’vi völlig fremd und nicht-menschlich gewesen wären; dann hätte ich mich in der Tat von einer „perfekten“ Welt überzeugen lassen können. Aber das Na’vi Volk ist alles andere als originell – es ist die westliche Vorstellung von Naturvölkern, und deren Religion und Aberglaube wird bei den Na’vi auf Pandora auch noch westlich-wissenschaftlich fundiert (z. B. durch die Verbindungsmöglichkeit der Haarzöpfe der Na’vi mit so ziemlich allem was kriecht und wächst auf der Welt) und somit wird alles komplett, richtig und natürlich. Die Natur ist auf der Seite der Na’vi.

Wie gesagt, ein Gedanke, der gut wäre, wenn das Volk wirklich originell und eben nicht menschlich wäre. Das wäre dann eine wirklich interessante außerirdische und in wahrstem Sinne des Wortes fremde Zivilisation/Kultur.

Neytiri (Zoe Saldana)

Außerdem muss ich sagen, dass die Musik von James Horner mich auch nicht überzeugt. Ich muss sie mir ein weiteres Mal anhören, um ein finales Urteil fällen zu können, aber was mir in Erinnerung geblieben ist, das ist eine Art Ethno-Mix aus Indianer/Afrika-Style, der so ganz unterstreicht, was mich an der Unoriginalität der Na’vi genervt hat. Hier wäre ein mutiger Schritt zu wünschen gewesen, fremde Klänge, um die fremde Welt, die so schön präsentiert wird, zu unterstützen. Stattdessen trommeln im Hinterkopf weiter die Indianer, und die Schnulze während der Endcredits lässt das Fass schließlich überlaufen. Das ist doch nicht TITANIC (den ich mag, aber da hat es ja auch gepasst)!

Schließlich bleibt mir als Schlussurteil zu sagen, dass AVATAR ein sehenswerter Film ist. Es ist ein Film, der es tatsächlich schafft, fast nur von seiner Optik zu leben. Dies liegt wohl daran, dass er praktisch der Vorreiter ist und weiteren 3D-Animations-Produktionen den Weg ebnet, wenn die Rechnung am Ende aufgeht. Im Gegensatz zu TRANSFORMERS (1 & 2), wo man am Ende einfach nur erbost aus dem Kino kommt, oder üblichem Emmerich-Schrott, ist AVATAR ein Augenschmaus, der Eindruck hinterlässt.

Dies allerdings wird massiv getrübt von einer völlig ausgelutschten, vorhersehbaren Story ohne Twists und mit teilweise schlechten Charakteren. Viele kreative Ideen sind in diesen Film geflossen, leider überwiegend auf optischer Seite. Interessante Gelegenheiten wurden nicht genutzt, aus diesem Film auch als Gesamtwerk Filmgeschichte zu machen. 2001 – A SPACE ODYSSEY (man sollte eigentlich nicht vergleichen, aber dieser Vergleich wurde im Vorfeld so oft bemüht) konnte sowohl visuell als auch inhaltlich Maßstäbe setzen.

Würde man zwei Wertungen machen, dann wären es visuell 10/10, Rest 6/10 – so komme ich rechnerisch auf 8/10 – vielleicht zu gut, aber ich belasse es mal dabei.

FAZIT:

+ tolle Optik, unglaublich gute Animationen

– ausgelutschte Story, langweilige Musik

Anschauen, ist ein Erlebnis!

AVATAR
USA/UK 2009
Regie: James Cameron
Drehbuch: James Cameron
Kamera: Mauro Fiore
Schnitt: James Cameron, John Refoua, Stephen E. Rivkin
162 min.

8/10

Weitere James Cameron Reviews:


Kommentare
  1. gerry42 sagt:

    Ha, endlich mal jemand, der genau mein Hauptproblem mit Avatar anspricht. Nicht die dünne Story, das war klar, hatte aber immerhin eine Aussage, die auch fünfjährige verstehen können. Aber dieser dämliche Colonel mit seiner Klischee-Oberbadass-Attitüde ging mir so tierisch auf den Zeiger. Die anderen Fehler des Filmes sind mir natürlich auch aufgefallen, aber das war halt so mein persönlicher Aufregungspunkt😀 . Ernsthaft, kann James Cameron keine Charaktere schreiben? Das hat mich damals auch in Aliens schon angepisst, die ultraharten Space Marines. Nicht zu vergessen Titanic mit dem wild um sich ballernden gehörnten Verlobten.
    Ansonsten optisch beeindruckend und unterhaltend. Schönes Review.

    • indy sagt:

      Hallo gerry42 und willkommen auf dem Blog!😉
      Ja, Cameron ist schon ein Meister, wenn es um Action-Unterhaltung, Visualität, technische Errungenschaften und auch eine Prise Humor geht. Deshalb wird TERMINATOR 2 immer einer meiner Favoriten sein. Charakterliche Nuancen sind da schon etwas schwieriger, und da gibt es immer wieder Ausbrüche wie Billy Zane in TITANIC oder der erwähnte Na’vi Hasser in AVATAR. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mir dies in ALIENS negativ aufgefallen war, dort gingen mehr oder weniger alle miteinander so um, und so konnte man das fast als „Milieustudie“ abtun…😀

      Ich bin mal gespannt, ob Cameron in der Fortsetzung zu AVATAR die gleiche Formel und Schwarz-Weiss Malerei benutzen wird. Dass der Film Erfolg haben wird, ist vorprogrammiert. Aber mal schauen, ob er ein paar Schattierungen einbringen wird und den Film dadurch interessanter machen wird als den Vorgänger…

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s