THE SHINING

Veröffentlicht: 23. Dezember 2009 in reviews
Schlagwörter:, , , , , , , ,

SPOILER-WARNUNG!

Kleine Vorgeschichte:

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich THE SHINING das erste Mal gesehen habe, aber es ist mehrere Jahre her. Vor einiger Zeit habe ich mich nach dem Kauf der Blu-Ray entschieden, Stanley Kubricks Horrorfilm von 1980 ein zweites Mal zu sehen. Die grobe Handlung war mir natürlich noch im Kopf geblieben, genauso wie die prominentesten Szenen, die mittlerweile fest verankert sind in unserer modernen Popkultur und auch zahlreich zitiert und parodiert werden. Und doch meine ich sagen zu können, dass mich der Film jetzt nach diesem zweiten Anlauf wesentlich mehr fasziniert und gebannt hat. Das mag einerseits am Alter liegen oder an der besseren cineastischen Situation (Blu-Ray auf einem Plasma-TV mit Surroundton – dies stand mir beim ersten Mal nicht zur Verfügung), ich weiß es nicht. Jedoch beschäftigte mich der Film selbst Tage danach weiterhin.

Mastermind

Stanley Kubrick war ein Meister – das ist jedem bekannt, der sich halbwegs mit Film auskennt. Seine Filme haben eine hypnotische Art und sind in der Lage, den Zuschauer zu fesseln und verharren zu lassen, bis alles überstanden ist. Egal, ob es sich um eine futuristische Gewaltorgie (A CLOCKWORK ORANGE), dokumentierte Kriegsgeschichte (PATHS OF GLORY), eine Menschheitsoper (2001 – A SPACE ODYSSEY) oder eben einen Horrorfilm handelt, wir sitzen regungslos und starren gebannt auf die Leinwand, bzw. den Fernseher.

THE SHINING ist eine Buchverfilmung des gleichnamigen Werkes aus der Feder Stephen Kings, jedoch hat Kubrick aus seinem Film eine eigene, vom Original abweichende Geschichte gemacht. Ich habe das Buch nicht gelesen und beziehe mich daher lediglich auf den Film, ohne Vergleiche anzusetzen.

Der Plot ist schnell zusammengefasst: der erfolglose Schriftsteller Jack Torrance (Jack Nicholson) nimmt einen Winterjob an, bei welchem er sich um ein abgelegenes Hotel kümmern soll, welches im Winter komplett zugeschneit und von der Zivilisation abgeschnitten wird. Seine Frau Wendy (Shelly Duvall) und sein Sohn Danny (Danny Lloyd), der eine psychische Begabung (später „shining“ genannt) hat, begleiten ihn. Jack erhofft sich, durch die Isolation kreativ sein und sein Buch schreiben zu können. Vom Hotelmanager erfährt Jack beim Bewerbungsgespräch, dass in den Siebzigern einer seiner Vorgänger während der Ausübung seines Jobs durchgedreht ist und seine Frau und zwei Töchter mit der Axt ermordet hatte.

Es kommt wie es kommen muss: nach diversen Ereignissen und Erscheinungen im verfluchten Hotel dreht auch Jack durch und schnappt sich die Axt, um seine Familie zu töten und damit seine Aufgabe, die ihm das Hotel auferlegt hat, zu erfüllen. Dabei wird er am Ende jedoch von seinem Sohn übertölpelt. Wendy und Danny können fliehen – Jack erfriert im eiskalten Irrgarten vor dem Hotel.

„I’m just going to bash your brains in.“

Die Story ist an sich simpel und klingt fast schon banal nach drittklassigem Groschenroman, aber was mich an THE SHINING fasziniert, ist der gesamte Aufbau und die Bildsprache des Films.

„Here’s Johnny!“ Jack Nicholson in der berühmten und oft zitierten Einstellung

Wir wissen natürlich schon von Anfang an, dass Jack durchdrehen wird. Das Casting von Jack Nicholson war so eine Sache – richtig normal sieht der auch am Anfang nicht aus. Manchmal stellt man sich die Frage, ob nicht ein „gemäßigt“ aussehender Schauspieler die geeignetere Wahl gewesen wäre. Laut imdb.com waren u. a. Harrison Ford und Robert De Niro, sogar Robin Williams im Gespräch. Was overacting angeht, muss man eingestehen, dass Nicholson einfach das tut, was er am besten kann: diabolisch grinsen, den Psychopathen durchscheinen lassen. Aber würde man ihn nur darauf reduzieren, täte man ihm immenses Unrecht. Grandios ist die Szene auf der Männertoilette des „Golden Room“, wo Jack auf den Geist (?) seines mörderischen Vorgängers in Gestalt eines Butlers trifft. Der Dialog zwischen den beiden ist schauspielerisch elektrisierend, die Nuancen in Nicholsons Gesicht, das endgültige Aktivieren des Killers – hier zeigt Nicholson, was er kann. Da wir wie ich bereits schrieb wissen, was passieren wird, ist meiner Meinung nach Nicholson keine Fehlbesetzung, sondern wahrscheinlich genau der richtige.

Faszinierend ist als weniger die Tatsache, dass Jack zum Psychopathen wird, sondern wie das alles passiert, und wie der Film sich langsam auf das mörderische Ende aufbaut. Völlig anders als mittlerweile jeder Standardhorrorfilm, der uns in Regelmäßigkeit im Kino angetan wird, funktioniert THE SHINING mit ruhigen Einstellungen und Steadicam-Fahrten durch die Hotelflure, nicht mit hektischen Reissschwenks und Schnitten, Wackelkamera oder zahlreichen abgetrennten Körperteilen und Blutfontänen. In THE SHINING liegt der Horror in der Erwartung, in den aufgerissenen Augen der Darsteller, in den sporadischen Visionen, im bizarren Soundtrack. Der wirklich meisterliche Horror wird durch das komplexe Zusammenspiel der Darsteller, der Einstellungen, der Montage ausgelöst, und nicht durch Effekthascherei. Dies ist der Grund, warum für mich THE SHINING bei weitem ein besserer Horrorfilm ist als jeder x-te SAW Teil es je sein kann.

Doch auch noch ein paar Worte zu den anderen Darstellern: Shelly Duvall als hysterische, dümmliche Ehefrau ist manchmal etwas anstrengend und wirklich SEHR hysterisch, allerdings zum größten Teil verständlicherweise. Kubrick schafft es, Wendy in den Szenen, wo sie mit dem sichtlich genervten Jack zu tun hat, in eine Position zu schieben, in welcher der Zuschauer fast verstehen kann, wieso Jack sie zunehmend hasst. Es ist fast so, als würde der Zuschauer mitgenommen in den Wandel, den das Hotel bei Jack verursacht. Danny Lloyd macht einen Riesenjob als traumatisierter parabegabter Sohn, und bleibenden Eindruck hinterlässt auch Scatman Crothers als ebenfalls „scheinender“ Küchenchef.

More than meets the eye?

Hervorheben möchte ich das Gefühl, welches ich beim Schauen hatte, nämlich dass der Film ein gigantisches Puzzle sein könnte. Nach außen hin läuft eine recht klare, lineare Handlung ab, die teilweise durchstochen wird von der anderen Handlung, die sich auf die Hintergründe der vergangenen Morde und die Party beziehen. Bei genauer Betrachtung allerdings fallen einem gewisse Elemente auf, die darauf hindeuten, dass Kubrick mehr als nur die overte Handlung erzählen wollte. Sind Geister anwesend? Rücken Stühle innerhalb einer Szene von Schnitt zu Schnitt bewusst herum, oder handelt es sich um reine Anschlussfehler? Das wagt man sich bei dem Perfektionisten Kubrick kaum vorzustellen. Gibt es tatsächlich „verdeckte Botschaften“ in Form von Zahlenrätseln und Timecode-Zäsuren? Vor kurzem habe ich eine interessante Website gefunden, die sich ausgiebig mit THE SHINING befasst. Ich muss allerdings dazu sagen, dass ich vieles davon für etwas weit hergeholt halte und als zu sehr konstruiert erachte. Dennoch ist die Seite ein paar Klicks wert – denn große Mühe hat sich der Autor sicherlich gemacht, auch wenn er sich meiner Meinung nach zu sehr in Zahlenspielen versponnen hat.

Fazit

THE SHINING ist ein moderner Klassiker geworden und genießt einen Kultstatus; ich ziehe ihn so gut wie jedem Horrorfilm, der danach gedreht wurde, vor.

Die Bluray hat übrigens eine gute Bild- und Tonqualität, gerade das Bild ist angesichts des betagten Materials schön klar und absolut Bluray-würdig. Zur Ausstattung sei das Making Of hervorzuheben, welches von Kubricks Tochter gedreht wurde und einen interessanten Einblick in die schwierige und anstrengende Person Kubrick am Set gewährt – worunter offensichtlich Shelly Duvall am meisten zu leiden hatte.

THE SHINING
UK, USA 1980
Regie: Stanley Kubrick
Drehbuch: Stanley Kubrick, Diane Johnson
Kamera: John Alcott
Schnitt: Ray Lovejoy
119 min.

10/10


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s