SLUMDOG MILLIONAIRE

Veröffentlicht: 2. Januar 2010 in reviews
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Kleine Vorgeschichte:

Danny Boyle war für mich lange Zeit eine Person ohne direkten Bezug. Ich hatte TRAINSPOTTING, A LIFE LESS ORDINARY und auch THE BEACH gesehen, ohne realisiert zu haben, dass sie vom selben Regisseur gemacht worden sind – nämlich Danny Boyle. Erst mit 28 WEEKS DAYS LATER und SUNSHINE hatte ich die Verbindung zum Briten endlich gemacht – auch retrospektiv auf die bereits gesehenen Filme. Bis auf SUNSHINE, welcher für mich eine der größten Enttäuschungen gewesen ist (da er grandios anfängt und sich aufbaut, um dann ins Bodenlose zu fallen) gefallen mir alle bisher gesehenen Filme von Boyle. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein, und jeder einzelne hat seinen eigenen Reiz, Charme und Humor.

Als SLUMDOG MILLIONAIRE ins Kino kam, hatte ich keine Möglichkeit, den Film in der Originalfassung zu sehen, was ich seit vielen Jahren (zum Leidwesen vieler Freunde) ausschließlich tue. Irgendwann lief er nicht mehr im Kino – hatte mittlerweile 8 Oscars abgeräumt – und ich setzte mir das ehrgeizige Ziel, bis zum Blu-Ray Release zu warten, um eine annähernde Kinoatmosphäre generieren zu können. Also verschloss ich meine Augen vor jeglichen Reviews, Making Ofs usw., und gleichzeitig stiegen meine Erwartungen, natürlich auch aufgrund des Oscar-Erfolgs. Kann so ein Film überhaupt schlecht sein? Eigentlich nicht. Aber SO gut?

At last!

Vor wenigen Tagen war es dann endlich so weit, mit ein wenig Verspätung nach dem Release wurde die SLUMDOG MILLIONAIRE Blu-Ray aus der Videothek ausgeliehen und zum Filmabend eingeladen. Das Tolle: alle fünf Zuschauer hatten den Film noch nicht gesehen!

Was mir an SLUMDOG MILLIONAIRE gefällt:

Danny Boyle erfüllt die Erwartungen. SLUMDOG MILLIONAIRE ist ein satter, frischer und erfrischender Film. Das liegt wahrscheinlich zum größten Teil an dem für uns Westler nahezu unbekannten indischen Setting. Jedes Bild zeigt dadurch was Neues, die Einstellungen zeigen wunderschöne Eindrücke mit kräftigen Farben (Kamera: Anthony Dod Mantle). Filmformate wechseln von hochauflösendem Film zu digitalem Video, welches  bei dunklen Szenen für starkes Rauschen sorgt, dafür aber den Hintergrund zeigt (wie auch z. B. in Michael Manns MIAMI VICE). Der Ton ist grandios, fast bombastisch – die musikalische Untermalung von A.R. Rahman trifft den Nagel auf dem Kopf.

An keinem der Darsteller ist etwas auszusetzen, selbst die Kinder spielen ihre Rollen wunderbar und herzergreifend. Dev Patel, der die Hauptrolle spielt, gefällt mir vor allem durch sein ruhiges sparsames Spiel. Er explodiert nur an bestimmten Stellen, ansonsten ist sein Minimalismus fast perfekt und zeigt ein Riesenpotential. Freida Pinto als Latika, die Angebetete und der Lebensmittelpunkt von Jamal Malik (Dev Patel), ist eine bildhübsche Neuentdeckung, die auch sofort für Woody Allens neues Ensemble rekrutiert worden ist. Mir persönlich gefällt auch besonders Irrfan Khan als der Inspektor. Er war mir auch in A MIGHTY HEART positiv aufgefallen. Zu den Kindern habe ich mich bereits geäußert – spitze!

Jamal (Dev Patel)

Was mir außerdem so gut an SLUMDOG MILLIONAIRE gefallen hat, dass ist die gesamte Atmosphäre des Films, und auch die Botschaft, die sich zumindest mir so gezeigt hat. Die Hauptfiguren machen die Hölle auf Erden durch, doch anstatt mit großem Pathos auf der Mitleidschiene zu fahren, oder irgendwelche Rache-Varianten durchzuspielen, machen die Akteure stets das beste aus ihrer momentanen Situation – allen voran natürlich Jamal Malik. Er hat nur das Ziel vor Augen, seine Latika wiederzusehen, und alles andere sind an sich nur Begleitumstände – die Slums, das Stehlen, die Rückschläge und das Geld. Er schafft es bis in die indische Version von „Wer wird Millionär“, um dadurch auf sich aufmerksam zu machen. Dabei kommt er durch bis zur allerletzten Frage, und wird aus Misstrauen zum polizeilichen Verhör gebracht. Er muss erklären, wie ein ungebildeter Slumdog wie er bisher alle Antworten richtig wissen konnte. Er erzählt dem Inspektor von seiner bisherigen Lebensgeschichte…

Was mir an SLUMDOG MILLIONAIRE nicht gefällt:

Erstaunlich wenig. Dieser Film ist großartig, und ich wäre fast geneigt gewesen, ihm die Bestnote zu geben, aber irgendwie habe ich ganz kleine Abstriche gemacht. Beispielsweise erreicht der Film gegen Ende einen Punkt, wo man nicht mehr wirklich mit Überraschungen oder massiven Twists rechnet – und so kommt es auch nicht. Irgendwie plätschert er dem erwarteten Ende zu – jedoch auf gekonnte und wunderschöne Weise. Dennoch spiele ich Bad Cop und verweigere aus diesem Grunde die Bestnote. Ich muss aber gestehen, dass das Meckern auf hohem Niveau ist.

Fazit:

SLUMDOG MILLIONAIRE ist ein wunderbarer Film mit grandiosen Farben, Einstellungen, Locations, Schauspielern, Musik und einer herrlichen Prise Optimismus. Danny Boyle hat es geschafft, meine ca. ein Jahr gestauten Erwartungen doch zu erfüllen und mir einen perfekten Filmabend beschert. Der Film hat 8 Oscars bekommen: Film, Regie, Kamera, Schnitt, Musik, Song, Ton, Drehbuch. Von den damals fünf nominierten Filmen für den „Besten Film“ habe ich bisher nur SLUMDOG MILLIONAIRE, MILK und THE CURIUS CASE OF BENJAMIN BUTTON gesehen. FROST/NIXON und THE READER muss ich noch nachholen. Bis jetzt aber geht der Oscar für den Film und die Regie so schon ok – obwohl ich es David Fincher gegönnt hätte.

Heute habe ich die Blu-Ray bestellt, denn dieser Film gehört definitiv in meine Sammlung.

SLUMDOG MILLIONAIRE (2008, Danny Boyle), 120 min.

9/10


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