THERE WILL BE BLOOD

Veröffentlicht: 12. Januar 2010 in reviews
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Wo soll man nur anfangen, wenn man einen Film wie THERE WILL BE BLOOD rezensiert? Einen zweieinhalb Stunden langen Streifen über Öl, Reichtum, Hass, Religion und Wahnsinn, untermalt von befremdend dissonanter Musik, mit einem Hauptdarsteller, der so sehr mit seiner Rolle verschmilzt, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Paul Thomas Andersons neuester Film ist keine einfache Kost, aber sie ist intensiv und berauschend. THERE WILL BE BLOOD ist keine Minute zu lang, die Musik ist trotz ihrer schrägen Klänge genau die richtige, die von Robert Elswit geführte oscarprämierte Kamera zeigt jede Szene stets im optimalen Rahmen, und Daniel Day-Lewis ist eine Naturgewalt.

„I’m an oil man.“

THERE WILL BE BLOOD handelt von einem Mann namens Daniel Plainview (Daniel Day-Lewis), der Anfang des 20. Jahrhunderts nach Öl sucht und dieses fördert. Dabei ist er getrieben von Erfolgssucht und Geldgier. Ihm reicht es nicht, erfolgreich zu sein – er will zudem, dass die anderen es nicht sind, und dass sie es erkennen und bekennen. Plainview ist ein Misantroph, wird im Laufe der Zeit zum wahren Soziopathen. Seinen adoptierten Sohn benutzt er als nettes Gesicht, um Land schneller aufkaufen zu können. Er hat keine Frau, keine Freunde, nur seine Mitarbeiter.

Daniel Day-Lewis

Nachdem er das Land der Sunday Farm gekauft hat und dort mit der Förderung beginnt, gerät Plainview zunehmend in Konflikt mit dem örtlichen Prediger Eli Sunday (Paul Dano). Gleichzeitig mit Plainviews Bohrtürmen wächst auch die Gemeinde der „Church of the Third Revelation“, und Plainviews Hass kanalisiert sich schließlich auf Eli. Es entstehen eine Konkurrenz und ein Hass zwischen den beiden, welche an mehreren Stellen in offener Gewalt ausbrechen, bis hin zum Ende.

Church of the Third Revelation

THERE WILL BE BLOOD verspricht vom Titel schon nichts Gutes, und so schweben Gefahr, Schmerz und Tod permanent wie das Damokles-Schwert über den Protagonisten.

Was mir an THERE WILL BE BLOOD gefällt:

Schlicht und ergreifend: nahezu alles. Hier stimmt einfach alles, das historische Setting kommt extrem authentisch rüber, dafür sorgen neben der Ausstattung und Maske/Styling auch die Dialoge Andersons. Kamera und Musik (Johnny Greenwood von Radiohead) rahmen die Handlung wie erwähnt passend ein. Einstellungen bleiben stehen, so lange sie nötig sind. Auch der Ton ist überragend (die erste knappe viertel Stunde des Films kommt beispielsweise völlig ohne Dialog aus). Paul Thomas Anderson zeigt, was für eine Ausnahmeerscheinung er ist. PUNCH-DRUNK LOVE war ein schöner Film, doch hier knüpft er wieder an MAGNOLIA und BOOGIE NIGHTS an – und übertrifft diese.

Letztlich kommt man an Daniel-Day Lewis nicht vorbei. Er trägt den Film mit seiner Verkörperung des brodelnden, Zähne malmenden Besessenen. Seine schauspielerischen Fähigkeiten hat er in der überschaubaren Anzahl seiner bisherigen Spielfilme mehrmals unter Beweis gestellt, und auch diesmal kann man als Zuschauer seine Verwandlung nicht fassen. Falsch formuliert: eine Verwandlung sehen wir erst gar nicht, Day-Lewis IST dieser Charakter bis ins Mark hinein. Sein Oscar war mehr als verdient, alles andere wäre eine Farce gewesen. Es gibt keinen Schauspieler, der momentan in der Lage ist, das zu tun, wozu Daniel Day-Lewis imstande ist. Seine Darstellungen erreichen die Intensität und Authentizität eines Robert De Niros in besten Jahren. Unglaublich, und allein deswegen schon für jeden Interessierten ein Muss.

Was mir an THERE WILL BE BLOOD nicht gefällt:

Fast gar nichts. Der einzige Kritikpunkt, den ich habe, ist, dass ich für die Rolle des Eli Sunday einen anderen Schauspieler gecastet hätte. Paul Dano macht einen sehr guten Job, aber er kann einfach noch nicht in der gleichen Liga wie sein Gegenüber sein. Ich finde, ein etwas älterer Darsteller wäre überzeugender gewesen.

Fazit

THERE WILL BE BLOOD ist ein Meisterwerk, und kommt in meine Top25 Liste meiner Lieblingsfilme der Dekade. Ich habe ihn nun zwei Mal gesehen, und beim zweiten Mal hat er mir noch besser gefallen und wirkte noch intensiver auf mich, vielleicht deswegen, weil ich mich jetzt auf bestimmte Situationen einstellen und konzentrieren konnte. Filmtechnisch einwandfrei, schauspielerisch überragend (auch die hier nicht erwähnten Nebendarsteller sind allesamt gut und authentisch), klassisches großes Kino – aber vor allem Filmkunst! Man muss immer vorsichtig sein mit dem Ausdruck „perfekt“, aber dieses Werk kommt dem nur theoretisch vorstellbaren perfekten Film verdammt nahe.

THERE WILL BE BLOOD
USA 2007
Regie: Paul Thomas Anderson
Drehbuch: Paul Thomas Anderson
Kamera: Robert Elswit
Schnitt: Dylan Tichenor
158 min.

10/10

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Kommentare
  1. Ratzfatz sagt:

    Tolle Review.
    Ich fand Day-Lewis Darstellung ebenfalls exzellent und nicht mehr so übertrieben wie bei Gangs of New York. Besonders die ersten 15, fast wortlosen Minuten waren grandios.
    Musik stimme ich dir ebenfalls zu.

    Was ich allerdings negativ sehe, ist das Ende. Für mich endete der Film an dem Punkt wo er eigentlich beginnen sollte. Ich habe mir eigentlich erwartet, dass sich der Konflikt zwischen dem Priester und dem Ölmann immer weiter zuspitzt und in ein Desaster endet. Tat es zwar dann auch, aber dieser plötzliche Zeitprung in die Zukunft und die Szene in der Bowling-Halle, ging mir dann doch etwas zu abrupt von statten.

    • indy sagt:

      Danke Ratzfatz!

      Ja, an dem Ende scheiden sich wohl die Geister. Mir hat es gefallen, andere mögens nicht, manche halten es für eine Traumsequenz…

      Die Frage ist natürlich, welches Ende wäre wirklich besser, um den Wahnsinn zu zeigen, dem Plainview verfällt.

      • Ratzfatz sagt:

        Ach, von mir aus hätten sie statt dem schnellen Ende auch einen zweiten Teil mit abermals 3 Stunden drehen können.😉

        Traumsequenz? Hör ich das erste Mal. Find ich aber gut.

  2. Dr. Borstel sagt:

    Dass „There Will Be Blood“ ein Meisterwerk ist, sehe ich absolut genauso – dummerweise eines, zu dem mir völlig der Zugang fehlte. Ich habe dem Film schon angemerkt, wie genial er ist; umso mehr hat es mich geärgert, dass ich mich die meiste Zeit über nur gelangweilt habe. Vielleicht brauche ich dann doch so etwas wie Identifikationspotential, um einen Film wirklich genießen zu können, und sowohl Daniel Day-Lewis, der in der Tat eine Jahrzehntleistung abgeliefert hat, als auch Paul Dano – beziehungsweise deren Charaktere – haben mich den gesamten Film hindurch einfach nur abgestoßen. Hätte man „There Will Be Blood“ vor achtzig Jahren gedreht, tatsächlich als Stummfilm und eine gute Stunde kürzer, hätte ich vielleicht mehr damit anfangen können; so kann ich dem Film bloß objektiv eine Meisterleistung bescheinigen, mich selbst hat er beinahe zum Einschlafen gebracht. War halt nicht mein Fall.

    (Seltsamerweise fand ich „No Country for Old Men“ auch subjektiv genial. Hmm …)

    • indy sagt:

      Naja, jeder nimmt jeden Film eben subjektiv wahr. Aber was du beschreibst, kenne ich gut. Mir fällt jetzt auf Anhieb nicht ein direktes Beispiel ein…vielleicht so ein Klassiker wie CITIZEN KANE. Außer Frage für die Filmgeschichte DER Film und daher ein Meisterwerk, aber ich werd nicht warm und finde ihn einfach nur „interessant“…

      Glaub, da hat jeder so seine Favoriten und Filme, zu denen er keinen subjektiven Zugang hat.😉

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