ANTICHRIST

Veröffentlicht: 15. Januar 2010 in reviews
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Ich tue mich zugegebermaßen etwas schwer mit meiner Review zu ANTICHRIST von Lars von Trier. Bekannt für schwierige, provozierende Filme, die dem Zuschauer manches abverlangen, bietet uns der Däne mit seinem neuesten Film ein verstörendes Werk über Schuld, das Böse und Krankheit.

Die zwei einzigen namenlosen Protagonisten sind ein Ehepaar, gespielt von Willem Dafoe und einer unglaublichen Charlotte Gainsbourg, welches gleich in der Eröffnungssequenz während der ekstatischen Ausübung des Geschlechtsakt nicht bemerkt, wie ihr kleiner Sohn aus seinem Gitterbett steigt und schließlich aus dem Fenster fällt. Die Eltern, die mit ihrer Schuld und Trauer umgehen müssen, reagieren völlig unterschiedlich auf den Verlust. Während Sie offen kollabiert und regelmäßig in Panik ausbricht, versucht Er (ein Psychotherapeut) auf dominante, fast penetrante Art, seine Frau zu behandeln, um mit ihrer Trauer umgehen zu können. Sie entscheiden sich, zu ihrer Waldhütte, Eden genannt, zu fahren, um dort mit allem fertig zu werden, was sich jedoch als fatal erweist.

Wie der Film schon durch sein Intro andeutet, wird in diesem Film nichts gut, sondern alles nur noch schlimmer. Beide erleben in der Hütte und im Wald den blanken Horror, eine Orgie aus Gewalt, Sex und Bloßstellung.

Charlotte Gainsbourg

Drei Akte

Lars von Trier hat ANTICHRIST in drei Akte aufgeteilt: Trauer, Schmerz und Verzweiflung. Die vordergründige Handlung, die mit dem Verlust des Kindes und dessen Aufarbeitung zusammenhängt, wird dabei vermischt mit einem weiteren Aspekt, nämlich der (bösen) Natur. Hier ist der deutsche (Alltags-)Begriff „Natur“ vielleicht nicht ganz hilfreich, denn er bezieht sich nicht  nur auf das Grüne, sondern wird als Entität verwendet – hier satanisiert, wenn man so will. Das ganze wird in Zusammenhang gebracht mit der Recherche, die Sie in der Vergangenheit (in der Eden Hütte) betrieben hatte zum Thema Gewaltausübung gegen Frauen im 15./16. Jahrhundert z. B. in Form der Hexenverbrennung. Diese böse Natur (des Menschen?) schleicht sich zunehmend in das Leben der Beiden und kulminiert in der Gewaltorgie, welche durch explizite Einstellungen dargestellt wird. Ich habe bereits in mehreren Kritiken den Vorwurf des „porn torture films“ gelesen, aber ich finde, dass dem Film dadurch Unrecht getan wird. Zugegebenermaßen sind explizite Darstellung von Sex, Close-Ups von Genitalien u. ä. nicht jedermanns Sache, doch muss man sich fragen, ob die Reaktion, die dadurch bei den meisten Zuschauern ausgelöst werden dürfte, nicht genau die gewollte ist. Die wenigsten werden sich bei den betreffenden Szenen sexuell erregt fühlen, sondern eher verstört die Schmerzen „mitfühlen“ – dieser Effekt dürfte beim durchschnittlichen Kinogänger stärker sein als bei einem Slasher-abgestumpften Horrorfan.

Gott ist tot.

Ist ANTICHRIST anti-Religion? Ich glaube nicht. In meinen Augen wird das Thema Religion gar nicht behandelt. Sicherlich wird mit Begriffen und Symbolik gespielt, so dass die Assoziation entsteht (wahrscheinlich auch aus Provokationswunsch). Ist ANTICHRIST anti-Frau? Wohl eher anti-Mensch.

Willem Dafoe

Ich glaube ein Hauptthema ist ein anderes – wie ich oben kurz angedeutet habe: Krankheit. Dazu kann ich nicht zu viel schreiben, da ich sonst den Film spoilern würde. Jedenfalls konnte ich mir dadurch einen gewissen Sinn in die Geschichte bringen, und es hat mir geholfen, mir dann auf der anderen Ebene Gedanken zu machen, wo es um die Natur und ihren Umgang mit dem Tod geht.

ANTICHRIST ist kein Feel-Good Film. Er ist explizit, verstörend, eklig. Gleichzeitig beeindruckt mich die Kamera (Anthony Dod Mantle), die auf groteske Weise Schönheit in den Wahnsinn bringt. Viele Einstellungen sehen aus wie Gemälde. Dies ist kein Dogma-Film! Die schauspielerischen Leisungen von Defoe und Gainsbourg sind überragend. Es ist unfassbar, wie stark sich Schauspieler Lars von Trier hingeben und sich ihm völlig ausliefern. Sämtliche Barrieren fallen, und es bleibt das Tier übrig. Wer hat nicht schon mal eine Situation erlebt, in der man sich aufgrund irgendwelcher kopulierender Tiere, denen die Anwesenheit von Menschen völlig egal ist, fremdschämt („Mama, was macht der Affe da?“)? Hier ist alles animalisch. Die Anfängliche Rationalität, verkörpert durch Ihn, weicht letztlich dem Unzähmbaren. Dies wird nahezu perfekt gespielt (und wirkt in Symbiose mit den eingebauten Tier-Sequenzen fast harmonisch).

Allein schon deswegen ist ANTICHRIST eine Empfehlung, und die Tatsache, dass ich mich auch lange nach dem Film noch damit beschäftige, hat mich zu der Erkenntnis gebracht, dass mir der Film sehr gut gefallen hat (wobei man hier nicht wirklich von „gefallen“ sprechen kann). Darüber war ich mir zu Beginn nicht im Klaren.

Fazit

Intensiver und verstörender Film mit expliziten Gewalt- und Sexszenen, daher nicht für jedermann geeignet. Gleichzeitig aber beeindruckende Kameraleistung, unglaubliche Leistung zweier völlig entblößter Darsteller – sowohl physisch als auch psychisch – und die in den Raum gestellte Frage nach der Natur des Menschen, nach Moral und Existenz. Der Film geht unter die Haut, und die Stimmung, die er aufbaut, kann ich nur mit Böse beschreiben. Ein Einblick in die dunkelsten Ecken des Gehirns von Lars von Trier.

ANTICHRIST (2009, Lars von Trier), 104 min.

9/10


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