THE DEPARTED ist das Remake des Hongkong-Thrillers INFERNAL AFFAIRS von 2002 und der bisher letzte Film von Martin Scorsese (bald kommt SHUTTER ISLAND ins Kino), welcher nach sieben Nominierungen im achten Anlauf endlich den überfälligen Oscar erhalten hat. Außer den Regie-Oscar hat THE DEPARTED noch in der zweiten Königsdisziplin Bester Film, sowie für den besten Schnitt und das beste Drehbuch gewonnen. Nominiert war zudem Mark Wahlberg als bester Nebendarsteller, musste sich aber Alan Arkin (LITTLE MISS SUNSHINE) geschlagen geben.

Interessant an THE DEPARTED ist, dass er vom Aufbau nahezu identisch ist wie INFERNAL AFFAIRS. Ganze Szenen laufen gleich ab, sogar vereinzelte Dialoge ähneln sich, einige Szenen sind gar fast gleich inszeniert. Und dennoch trägt THE DEPARTED den Scorsese-Stempel – nach den eher schweren THE AVIATOR und GANGS OF NEW YORK hat Scorseses Signatur diesmal auch wieder eine gewisse Leichtigkeit vorzuweisen; vielleicht ein wenig „back to the roots“. Kamera führte mal wieder Scorseses Weggefährte Michael Ballhaus – den Schnitt übernahm wie üblich Thelma Schoonmaker.

Das Setting ist Boston und damit dessen Bewohner, was für Außenstehende schwierig zu beurteilen ist. Tatsächlich scheint hier ein ganz eigener Menschenschlag zu agieren, und es ist fast eine Milieustudie, Alec Baldwin und Mark Wahlberg beim gegenseitigen Beschimpfen zuzusehen.

Es ist interessant zu sehen, wie unterschiedlich die gleiche Geschichte abläuft, wenn nur die Umgebung eine andere ist. Scorsese hat also wieder einen Gangsterfilm gedreht, durch das Setting aber diesmal nicht über italoamerikanische (GOODFELLAS) oder jüdische (CASINO) Gangster, sondern diesmal irische.

Do you want to be a cop, or do you want to appear to be a cop?

Die Story ist wie erwähnt die gleiche wie in INFERNAL AFFAIRS: der Kopf der irischen Mafia, Frank Costello (Jack Nicholson), schleust schon von dessen Jugend an seinen Schützling Colin Sullivan (Matt Damon) bei der Polizei ein, um dadurch einen perfekten Spitzel zu haben. Die Polizei wiederum setzt Billy Costigan (Leonardo DiCaprio) als Undercover Cop ein, der sich bei Costello einschleusen und genug Material liefern soll, damit ihm der Prozess gemacht werden kann. Nur der Polizeichef (Martin Sheen) sowie sein Assistent (Mark Wahlberg) kennen die Identität ihres Spitzels, genauso wie nur Costello die Identität von Sullivan kennt. Beide Lager erfahren jedoch, dass sie einen Spion in ihren Reihen haben und versuchen diesen ausfindig zu machen. Wer findet den Maulwurf (oder engl.: die Ratte) zuerst?

Leonardo DiCaprio, Jack Nicholson

Look at me. I’m not the fuckin‘ rat. Okay?

Die große Stärke von THE DEPARTED, abgesehen von einem sehr guten Plot und der Inszenierung Scorseses, ist das Ensemble, das für diesen Film engagiert wurde. Die schauspielerische Qualität bei allen Beteiligten sorgt dafür, dass er in dieser Hinsicht im Vergleich zum Original punktet und dieses wahrscheinlich übertrifft. Jack Nicholson ist ein wenig überdreht, wie man es von ihm kennt, und vielleicht wäre ein etwas kontrollierterer Charakter passender gewesen. Leonardo DiCaprio liefert eine sehr gute Performance ab und kann diese einreihen in seinen Lauf, den er mit BLOOD DIAMOND und BODY OF LIES auch unter Beweis gestellt hat. Seine Fähigkeiten und sein Potential sind überragend, und es ist schön zu sehen, dass Scorsese seinen neuen „De Niro“ gefunden hat.

Matt Damon

Matt Damon ist mit DiCaprio auf Augenhöhe und überzeugt ebenso. Mark Wahlberg und Alec Baldwin waren mir ein wenig zu extrovertiert, aber wie oben schon erwähnt, ist es als Außenstehender schwierig zu beurteilen, ob diese Porträts nicht doch authentisch sind, wie sie dargestellt werden. Außerdem möchte ich die sympathische Psychiaterin Madolyn (Vera Farmiga) erwähnen, die sich ohne Wissen aller Beteiligten plötzlich mitten in einer quasi-Dreiecksbeziehung mit Sullivan und Costigan befindet…

Vera Farmiga

In meinen Augen liegt THE DEPARTED auch was die Eröffnungssequenz betrifft vor INFERNAL AFFFAIRS. Die Hintergrundgeschichte der beiden zukünftigen Spione wird hier für meinen Geschmack eleganter und gekonnter erzählt als im etwas hektischen asiatischen Original. Ansonsten halten sich beide Filme die Waage. THE DEPARTED ist genauso sehenswert wie INFERNAL AFFAIRS. Es ist einfach der gleiche Film in zwei unterschiedlichen Milieus.

Übrigens lohnt es sich auf die Einführung von Jack Nicholson zu achten. Die ersten Leinwandminuten sind so interessant ausgeleuchtet, dass Nicholson fast nicht zu sehen ist, kein Licht strahlt ihn an, er ist nahezu schwarz, während der Rest der Szene in normalem Licht steht – nice!

Ich habe in einigen Rezensionen Kommentare gelesen wie „Scorseses bester Film“ usw. Das kann ich nicht unterschreiben. THE DEPARTED bekommt von mir zwar die Bestnote, aber Scorsese hat definitiv bessere Filme gemacht. Man sollte vielleicht in der Zeit zunächst ein wenig zurückdenken und nicht erst die Filme ab GANGS OF NEW YORK berücksichtigen. Wenn ich an Filme denke wie GOODFELLAS, RAGING BULL oder TAXI DRIVER, dann kommt THE DEPARTED ganz klar nicht vor diesen Titeln.

Fazit

THE DEPARTED ist ein klasse Film, Scorsese, wie er leibt und lebt. Starkino dank eines großen und überzeugenden Ensembles, raffinierter Plot dank genialer Vorlage, der von Scorsese gewohnt geniale Musikeinsatz (Rolling Stones, John Lennon, The Band usw.) und ein vom Original abweichendes, auch gutes, Ende machen ihn zu einem Toptitel, den man gesehen haben sollte.

THE DEPARTED
USA 2006
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: William Monahan
Kamera: Michael Ballhaus
Schnitt: Thelma Schoonmaker
151 min.

10/10

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Kommentare
  1. glazerfazer sagt:

    https://spielerberger.wordpress.com/2015/05/05/departed-unter-feinden/ Ich stimme dir zu, Indy, ist ein richtig geiler Film! Schau mal in meinen Blog rein- finde es richtig geil wie du deinen Blog machst, vielleicht kannst du mir ein paar Tipps geben?

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