Michael Mann ist einer der Meister des modernen amerikanischen Films. Mit Filmen wie HEAT und THE INSIDER hat er Filmgeschichte geschrieben, mit Werken wie COLLATERAL oder MIAMI VICE zunehmend HD-Videotechnik für den Spielfilmdreh auf beeindruckende Weise etabliert. Diese Motivation, klassische Motive mit neuer, revolutionärer Technik umzusetzen und damit das Kino voranzutreiben, setzt er in seinem neuesten Film PUBLIC ENEMIES in gewohntem Revier – dem Crimethriller – um.
Die Geschichte von John Dillinger, dem ersten offiziellen Staatsfeind Nummer Eins, wurde schon mehrmals filmisch nacherzählt, was den Mythos und Dillingers Popularität nachträglich gepusht hat.

Michael Mann ging wie gewohnt mit enormer Vorbereitung und Recherche vor, als  mit dem Projekt loslegte: originale Zitate, gedreht an Original-Locations, unter Nutzung von authentischen Kostümen und detailgetreuer Ausstattung.

Ein wenig erinnert PUBLIC ENEMIES an MIAMI VICE. Auch hier werden die Figuren in der Ausübung ihrer Rollen gezeigt – hart, humorlos, an ihren Kräften zehrend. Auch der dramaturgische Aufbau erinnert mehr an einer dokumentarischen Nacherzählung als an ein klassisches Hollywood-Drehbuch – einer der Faktoren, welche PUBLIC ENEMIES zu einem ungewöhnlichen Filmerlebnis machen und sicher nicht bei allen auf Anklang stoßen.

John Dillinger (Johnny Depp)

Fast ausschließlich auf Video gedreht in High Definition, gibt es einige fantastische Einstellungen und gestochen scharfe Bilder, seien es Close Ups der Protagonisten oder weite Hintergründe. Gleichzeitig kommen dadurch aber auch bei lichtarmen Verhältnissen die bekannten verrauschten Bilder zustande, die nach Video schreien und die Geduld testen.

Was mir an PUBLIC ENEMIES gefällt

Die Darstellungen der meisten Schauspieler sind durchweg überzeugend. Johnny Depp spielt keinen romantischen modernen Robin Hood, sondern einen knallharten Verbrecher, der alles aus dem Weg räumt, was sich ihm in den Weg stellt. Streng genommen ein Soziopath. Die einzigen Schwächen leistet er sich gelegentlich in Anwesenheit seiner Geliebten (Marion Cotillard). Das gleiche gilt für Christian Bale, der in der Rolle des FBI Agenten Melvin Purvis ebenso hart und zielstrebig vorgeht und nur dann kurz seine Gefühle an die Oberfläche kommen, wenn ein Kollege niedergeschossen wurde. Dieser Verzicht auf unnötiges Heldentum macht mir PUBLIC ENEMIES sympathisch.

Melvin Purvis (Christian Bale)

Die Bilder (Kamera: Dante Spinotti) sind wie erwähnt teilweise grandios, und durch das insgesamt sehr authentisch wirkende Ambiente kommt eine realistische Atmosphäre auf.

Meine Lieblingsszene ist eine interessante Zäsur, in der Dillinger in die FBI Abteilung, die sich mit ihm befasst, spaziert, und dort völlig unbemerkt umherläuft und sogar unerkannt mit den Beamten spricht. Ein ähnlicher Break wie der Wolf, welcher in COLLATERAL die Straße überquert. Auch der Ausbruch mit der unechten Pistole ist eine beeindruckende und extrem spannende Szene.

Was mir an PUBLIC ENEMIES nicht gefällt

Hier muss ich trennen nach technischen und dramaturgischen Aspekten. Technisch fällt beim Ansehen (oder besser: Anhören) der Originalfassung eines sofort auf: der Soundmix ist eine reine Katastrophe. Ich habe noch nie eine dermaßen schlechte Tonmischung gehört. Die Dialoge sind grundsätzlich sehr leise im Vergleich zu den bombastischen Schüssen, der Musik und der Atmosphärensounds. Das Problem ist aber, dass die Dialoge in sich völlig ungleich abgemischt sind. Innerhalb einer Dialogzeile kann der erste halbe Satz kristallklar und deutlich klingen, während die zweite Hälfte des Satzes völlig dumpf und unverständlich im Rest der Tonkulisse untergeht. Hier ist etwas böse schief gegangen, und nachdem ich zunächst dachte, dass meine Anlage ein Problem hat, oder dass die Blu-Ray ein Mängelexemplar ist, stellte ich nach einer kurzen Internetrecherche fest, dass tatsächlich die Originalfassung auch im Kino so schlecht abgemischt war und der Ton entsprechend auf allen Kopien gleich ist! Hier liegt also kein Fehler beim Blu-Ray Transfer vor, sondern tatsächlich ein grottiges Mastering! Unglaublich, dass ein Perfektionist wie Michael Mann hinter diesem Ton stehen kann. In den ersten 20 Minuten ist dieses Problem massiv, lässt dann im Laufe des Films wieder nach, taucht aber immer wieder auf – und versaut dadurch den Filmgenuss komplett. Interessierte Blu-Ray/DVD Käufer seien an dieser Stelle also gewarnt.

Marion Cotillard

Mein zweiter technischer Kritikpunkt ist das kritische Thema Video. So sehr ich (auch als Filmemacher) den Einsatz von HD-Video befürworte, und so sehr mich die bisherigen Filme von Mann überzeugt haben, so muss ich doch gestehen, dass einige Szenen in PUBLIC ENEMIES eine sehr krasse Video-Optik haben, die teilweise schon  TV-Anmutung haben – ja beinahe wie Home-Video aussehen. Besonders im Schusswechsel an der Holzhütte sind mir diese Bilder vor allem bei den Innenaufnahmen negativ aufgefallen.

Dramaturgisch mache ich PUBLIC ENEMIES lediglich den Vorwurf, dass man als Zuschauer nicht wirklich Teilnehmer ist, sondern sich auf den neutralen Beobachterposten beschränken muss. Zu schwach ist die Bindung zu den Charakteren, als dass man sich wirklich um ihr Wohlergehen scheren würde.

Fazit

Es ist schwierig für mich, PUBLIC ENEMIES zu bewerten, da durch den schrecklichen Soundmix meine Nerven von Beginn an strapaziert waren und die Verbinung mit der Geschichte kaum noch möglich war. Aber der Ton ist ein kritisches Element eines jeden Films, und muss daher berücksichtigt werden. Daher die vergleichsweise schlechte Bewertung. Ironischerweise werden die Leute, die sich die deutsche Synchronisation ansehen, dieses Problem nicht haben und vermutlich eine einwandfreie Tonfassung  und dadurch auch einen besseren Eindruck haben.
Alles in allem ist PUBLIC ENEMIES ein solider, harter und realistischer Film über ein interessantes Kapitel in Amerikas Geschichte. Über die Optik lässt sich streiten – sie ist letztlich reine Geschmackssache – für mich ist zum ersten Mal der Videoeffekt in einem Michael Mann Film an einigen Stellen sehr negativ aufgefallen.

Es bleibt zu hoffen, dass eines Tages der Ton neu gemastert wird, damit der Zuschauer keinen verfälschten Blick auf PUBLIC ENEMIES mehr hat.

PUBLIC ENEMIES
USA 2009
Regie: Michael Mann
Drehbuch: Ronan Bennett, Michael Mann, Ann Biderman
Kamera: Dante Spinotti
Schnitt: Jeffrey Ford, Paul Rubell
140 min.

6/10

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Kommentare
  1. christiansfoyer sagt:

    Da kann ich ja froh sein, den Film im Kino in der synchronisierten Fassung gesehen zu haben.
    Trotzdem gab’s von mir nur einen Punkt mehr als hier bei dir. Im Mann’schen Kosmos ist der Film damit schon ’ne Enttäuschung, besonders im Vergleich zu „Heat“. Aber ich bin ja der Meinung, dass man nicht jeden neuen Film in den Kontext des Gesamtwerkes eines Regisseurs setzen sollte (eben deswegen erkennt heute mancher nicht mehr, wie klasse Scorsese nach wie vor ist). Vollends überzeugend ist „Public Enemies“ aber auch losgelöst davon nicht. Erst im letzten Drittel fand ich ihn wirklich richtig gut und der Film hat Intensität aufgebaut. Einzelne Szenen allerdings, wie der Kampf um die Hütte oder auch das Ende: grandios inszeniert!

    • indy sagt:

      ich werde mir vielleicht irgendwann mal die synchronfassung ansehen, auch wenn ich das eigentlich gar nicht mehr tue – einfach nur um zu sehen, wie der film dann auf mich wirkt.

      die schlussszene ist in der tat grandios!

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