GOHATTO (TABOO)

Veröffentlicht: 6. Mai 2010 in flashback reviews
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Kyoto im Jahre 1865. Japan öffnet sich langsam dem Westen, und die Zeit der Samurai neigt sich dem Ende. Ein Bürgerkrieg droht, und um das Shogunat zu schützen werden neue Rekruten in den Samuraiorden aufgenommen.
Unter diesen Neulingen ist der ungewöhnlich schöne und androgyn wirkende Sozaburo Kano (Ryuhei Matsuda), der sofort die Blicke der umstehenden auf sich zieht. Der Hauptmann Toshizo Hijakata (Takeshi Kitano) vermutet alsbald eine Liebesbeziehung zwischen Kano und einem der anderen Neulinge, Hyozo Tashiro (Tadanobu Asano). An sich sind solche gleichgeschlechtlichen Tendenzen in einem Samuraiorden nichts ungewöhnliches und auch akzeptiert. Das Problem ist hierbei vielmehr, dass Kanos Ausstrahlung Begehren und Eifersucht unter den Männern, die ansonsten in Isolation leben und selten Frauen sehen können, verbreitet. Dadurch wird letztlich der Zusammenhalt der Truppe gefährdet. Es kommt zu Ausschreitungen und Gewalt, und als die ersten Morde geschehen, ist unklar, wer aus welchen Motiven getötet hat. Feststeht, dass die vorgesetzten Samurai ein Problem haben mit Kano, dass sie in den Griff kriegen müssen.

Die eigentliche historische Handlung wird in GOHATTO nur erwähnt und ist für das eigentliche Thema kaum von Belang. Daher wird sie auch bewusst vernachlässigt. Stattdessen konzentriert sich Regisseur Nagisa Ôshima, bekannt vor allem durch den Skandalfilm AI NO KORÎDA (dt. „Im Reich der Sinne“) aus dem Jahre 1976, voll auf die Gefühle der einzelnen Akteure im Orden. Gleichzeitig fokussiert er sich überwiegend auf die Personen um Kano herum, während das Objekt der Begierde stets regungslos und passiv gezeigt wird – tatsächlich zum Objekt wird. Interessant ist für Ôshima also weniger Kano, sondern, was er bei dem Rest auslöst.

Das Thema der Homosexualität in militärischen Truppen oder generell in abgekapselten Männerkreisen, ist schon seit Ewigkeiten Teil der Geschichte in zahlreichen Ländern der Erde. An GOHATTO ist vielmehr interessant, dass das Thema in dieser Gesellschaft nicht wirklich als Ausnahmeerscheinung, Perversion oder gar Tabu angesehen wird, sondern dass die gleichgeschlechtliche Liebe eine Selbstverständlichkeit ist, die weder verdammt ist noch unterdrückt wird. Allein daher wirken die Reaktionen und Gespräche zwischen den führenden Samurai sehr sympathisch. Sie sorgen sich lediglich um den Zusammenhalt und nicht um die sexuelle Orientierung der Samurai. Mit Kano haben sie nun eine Erscheinung im Orden, die den Zusammenhalt massiv gefährdet. Gleich zu Beginn, wenn Kano beim Aufnahmeritual vorkämpft, sehen wir in subjektiven Einstellungen wie Kano von Hijakata detailliert beobachtet wird und Aufsehen erregt. Bis zum Ende des Films fragt der Zuschauer sich, ob der junge Mann nicht auch bei ihm Begehren entfacht hat.
Apropos Ende: dieses hat es in sich. Ôshima lässt dem Zuschauer reichlich Platz für Interpretation, sowohl was die Morde angeht als auch bezüglich der Gefühle einzelner Samurai, insbesondere der Vorgesetzten.

GOHATTO ist in typisch japanischer Art ein ruhiger Film, der sich in langen Einstellungen entwickelt und für den europäischen oder amerikanischen Schnittgewöhnten eine Herausforderung an die Geduld darstellen könnte. Hat man aber Gefallen an diesen Stil gefunden oder lässt sich darauf ein, dann ist GOHATTO ein schöner Film mit überaus überzeugenden Darstellungen selbst in den kleinen Rollen. Takeshi Kitano spielt den grübelnden Samurai vorzüglich und Ryuhei Matsuda ist wahrscheinlich die perfekte Besetzung für den jungen Kano.
Actionszenen sollte man nicht erwarten, GOHATTO ist ein Drama. Nichtsdestotrotz gibt es einige interessante Sparringkämpfe mit Holzschwertern und auch ein paar sehr kurze echte Kämpfe auf Leben und Tod.

Fazit

GOHATTO ist ein schöner und sehenswerter Film, der einen interessanten Einblick in die geheimnisvolle Welt der Samurai gibt und gleichzeitig ein Thema behandelt auf einer Weise, die verglichen mit den aktuellen Verhältnissen in einigen westlichen Ländern geradezu fortschrittlich anmutet. Auch die Musik möchte ich an dieser Stelle positiv erwähnen – das einprägsame Thema ist auch im unten verlinkten Trailer zu hören.

GOHATTO [御法度] (TABOO)
JAP 1999
Regie: Nagisa Ôshima
Drehbuch: Nagisa Ôshima
Kamera: Toyomichi Kurita
Schnitt: Tomoyo Oshima
100  min.

7/10


Kommentare
  1. Dr. Borstel sagt:

    Hm, ich habe mich eher gelangweilt. Für ein Drama blieb mir der Film deutlich zu oberflächlich, lediglich eine Ansammlung von Eifersüchteleien und kleinen Intrigen, die sich einfach viel zu lange hinzogen, zusammen mit dem Versuch, das Ganze dann noch in Richtung einer echten Story zu lenken, was in einem mäßigen möchtegern-schockierenden Finale gipfelte. Kein guter Film, wie ich meine.

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