ÔDISHON (AUDITION)

Veröffentlicht: 12. Mai 2010 in flashback reviews
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Shigeharu Aoyama (Ryo Ishibashi) ist TV-Produzent und seit sieben Jahren Witwer. Er lebt mit seinem Sohn zusammen und entscheidet sich auf dessen Anraten endlich, wieder nach einer Frau zu suchen und erneut zu heiraten. Doch wie soll er die perfekte Frau für seine hohen Ansprüche finden?

Sein Berufskollege Yasuhisa Yoshikawa (Jun Kunimura – der von Lucy Liu in KILL BILL enthauptete Yakuza Boss) hat schließlich die zündende Idee: die beiden werden ein Casting in die Gänge leiten für eine angebliche Frauenhauptrolle. Unter den Bewerberinnen soll Aoyama nach seiner Zukünftigen suchen und fündig werden.

Auf der Suche nach der Ehefrau: Ryo Ishibashi (rechts), Jun Kunimura

Beim Sichten fällt Aoyama die Bewerbung von einer jungen Frau namens Asami Yamazaki auf. Er ist sofort bezaubert von ihrem kleinen Essay und kann am Tag des Castings kaum erwarten, sie zu sehen. Für alle anderen Bewerberinnen hat er keine Augen und Ohren mehr, doch schließlich kommt Asami (Eihi Shiina) ganz in jungfräulichem Weiss gekleidet, und für Aoyama steht fest, dass das seine Frau werden muss.
Die beiden lernen sich nach dem Casting etwas besser kennen, treffen sich gelegentlich in schüchternen Dates, und trotz der Skepsis des Kollegen, der ihn darauf hinweist, das einige Angaben im Lebenslauf Asamis sich als nicht korrekt erwiesen haben, sehen sich sich die beiden weiterhin und kommen sich näher – bis zum bösen Erwachen – oder auch bis der Albtraum beginnt…

Engelsgestalt: Asami (Eihi Shiina)

Dass Takashi Miikes ÔDISHON nicht nur rührendes Liebesdrama ist, wird wahrscheinlich den meisten bewusst sein, die sich auf den Film einlassen oder im Vorfeld davon gehört haben. Drum macht es wenig Sinn, die Wandlung des Films zum blanken Psychohorror zu verheimlichen. ÔDISHON baut in der ersten Stunde die Geschichte und seine Figuren langsam und liebevoll auf – die Inszenierung ist stark und wurde von Hideo Yamamoto (HANA-BI) in schönen Einstellungen und interessantem Farbcode auf Zelluloid gebannt. Doch schließlich kommt die unausweichliche Wendung des Genres und auch der Struktur des Films. Jetzt wird viel mehr gesprungen – dem Zuschauer fällt es zunehmend schwerer, der Handlung zu folgen und zu erkennen, was real und was Vorstellung ist. Je weiter sich der Film dem Ende zuneigt, desto mehr kann man interpretieren und knobeln, wie die einzelnen Szenen zu verstehen sind – und was tatsächlich passiert ist.

Fest steht, dass Miike dem Zuschauer im zweiten Teil des Films verstörende Bilder und exzessive Gewalt in Form von Folterszenen zumutet. Leicht besaitete Menschen sollten gut überlegen, ob sie die sehr blutigen und ekelerregenden Szenen verarbeiten können oder doch lieber die Finger von ÔDISHON lassen möchten.

Das Grauen beginnt...

Es ist zum Schluss nicht ganz klar, ob Aoyama die Folter wirklich erlebt, oder sie nur Teil eines Albtraums ist und Projektion seiner Gedanken auf die junge Frau. In diesem Zusammenhang habe ich eine höchst interessante und plausible Interpretation des gesamten Films gelesen, die ich bei Interesse gerne weitergeben kann, und die besagt, dass tatsächlich die Gewalt nur im Kopf Aoyamas geschieht.

Fantasie oder blutige und fatale Realität, der Qualität des Films tut dies keinen Abbruch. ÔDISHON ist ein sehr intensiver, sehr gut gespielter und hochgradig packender Film, der den Zuschauer schon im ersten Teil fesselt. Er spricht mehrere Themen an als nur Folter. Es geht um Kindesmissbrauch, Vereinsamung, japanische Gesellschaftskritik – und natürlich psychische Krankheit. Ein Klassiker des modernen asiatischen Kinos und ein wirklich guter Horrorfilm, von dem sich viele westliche Möchtegernschocker eine dicke Scheibe abschneiden können. Nebenbei bemerkt war der Film Inspiration und ist einer der Favoriten von Quentin Tarantino.

Fazit

Ganz klar nichts für schwache Gemüter, aber für alle anderen eine eindeutige Empfehlung. Nervenaufreibender Horror mit einer Folterszene, die es in sich hat. Sehr gute schauspielerische Leistungen von den beiden Hauptakteuren, aber auch von Nebendarstellern wie u. a. Jun Kunimura. Insgesamt ein höchst bizarres und zum Denken anregendes Konstrukt, welches von der ersten bis zur letzten Minute fesselt.

ÔDISHON (AUDITION)
JAP 1999
Regie: Takashi Miike
Drehbuch: Daisuke Tengan
Kamera: Hideo Yamamoto
Schnitt: Yasushi Shimamura
115 min.

8/10

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