DEAD OR ALIVE: HANZAISHA

Veröffentlicht: 20. Mai 2010 in flashback reviews
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DEAD OR ALIVE: HANZAISHA und ÔDISHON kamen beide 1999 raus. Takashi Miike, bekannt als Fließband-Regisseur (dreht gerne mal ein halbes Dutzend Filme im Jahr), mit Wurzeln im Direct-to-Video- (und damit auch B-Film- und Trash-Bereich) machte sich durch diese zwei Werke auch dem Westen bekannt. Beide sorgten für gespaltene Reaktionen und unterschiedliche Meinungen. Fest steht, dass Miike Aufsehen erregt hatte und die Zuschauer überraschen konnte mit unvorhersehbaren Wendungen und Einfällen.

Während mir ÔDISHON außerordentlich positiv aufgefallen ist, bin ich von HANZAISHA leider ziemlich enttäuscht. Wie bereis erwähnt, scheiden sich hier die Geister, und viele sehen Elemente des Films, insbesondere das Ende, als genialen Coup an.

HANZAISHA fängt bombastisch an. Zwei hockende Gängster zählen den Film rockmäßig an, und es folgt ein ca. fünfminütiges Intro (siehe youtube-Link unten), welches der reinste Overkill für die Sinne ist: eine wilde Montage von absurdesten Morden, Gewaltausübungen, Sex, eine rekordverdächtig lange Koksline und zahlreiche Charaktere, die „eingeführt“ werden, ohne dass man so wirklich den Überblick bekommt. Für viele Fans von Miike ist diese Sequenz ein Beweis seines Genius. Ich bin etwas skeptischer, denn natürlich ist das Intro spektakulär und leitet die Achterbahnfahrt des restlichen Films passend ein – gleichzeitig aber sehe ich keine großartige cineastische Kunstfertigkeit in der Aneinanderreihung von unzähligen, teilweise extrem kurzen, Clips zu einer Quasi-MTV-Collage, welche dann auch mit entsprechender Musik unterlegt ist. Das Intro ist spektakulär und passend für den Film – aber filmisch nicht wirklich etwas besonderes. Die Macher von CRANK reizen diese Optik in ihren Filmen auch ziemlich aus – mit Kunst hat das meiner Meinung nach weniger zu tun – es wird nur eine Tendenz der Filmindustrie und -geschichte auf die Spitze getrieben. Hat man jedenfalls diesen anfänglichen Trip überstanden, geht es etwas langsamer weiter mit der eigentlichen Handlung.
Im Tokyoter Shinjuku Viertel geht es ab: die Yakuza und die ortsansässige chinesische Mafia befinden sich in Friedensverhandlungen, während eine Bande chinesisch-stammender Verbrecher um den Anführer Ryuuichi (Riki Takeuchi) einzelne Yakuza ermordet und mehr und mehr die Kontrolle im Viertel erlangt. Die Yakuza schlagen zurück, und so eskaliert die Gewalt. Gleichzeitig versucht Polizist Jojima (Shô Aikawa) die Verbrechen im berüchtigten Stadtteil einzudämmen und Ryuuichi einzubuchten. Jojima hat zudem eine schwer kranke Tochter, für deren ärztliche Behandlung 200.000 Yen fällig wären. Da er sich diese Summe von seinem Polizeihonorar nicht leisten kann, bleibt ihm schließlich nichts anderes übrig, als sich das Geld von einem Yakuza-Boss auszuleihen.

Der Film ist in seiner narrativen Struktur langsam und lässt sich für einzelne Figuren, wie Jojima, Ryuuichi und dessen Bruder Zeit. Unterbrochen wird dieser Fluss immer wieder von ausbrechender Gewalt und allerlei mehr oder weniger schockierenden Szenen. Man bekommt das Gefühl, dass Miike sich einen Spaß daraus macht, die Zuschauer mit immer massiveren Grenzüberschreitungen zu provozieren und zu testen, wie weit er gehen kann. Wer als Zuschauer mit asiatischem Kino nicht allzu vertraut ist und erst recht Miike nicht kennt, der wird sicherlich den ein oder anderen Schockmoment haben, der manchmal bis zur Übelkeit gehen könnte. So gibt es Szenen mit massiver sexueller Erniedrigung von Frauen, welche für viele die Grenze zum guten Geschmack überschreiten könnten. Zuschauer, die unvoreingenommener an diesen Film (und andere) rangehen, runzeln vielleicht eher die Stirn oder sind schlichtweg „entertained“.

Mir hat an sich der Verlauf des Films, auch wenn bei genauerer Betrachtung nicht wirklich viel passiert, gefallen. Ich habe mich von der Handlung und den typischen Miike-Schockern überraschen lassen und war dadurch gut unterhalten. Eine Affinität zur japanischen Kultur und generell zu asiatischem Film ist dabei natürlich von Vorteil.

Ein Problem habe ich allerdings mit der Auflösung des Films. Hier dreht Miike völlig ab und führt die Narration ad absurdum. Gegen Genrewechsel habe ich nichts einzuwenden, dies ist bei ÔDISHON vorzüglich gelungen und passte in das Gesamtkonzept. Bei HANZAISHA hingegen ist die Schlusssequenz für meinen Geschmack nur ein absurdes Beenden des Films, um den Zuschauer ein letztes Mal zu verblüffen. Niemand kann mit diesem Ende rechnen, uns somit gelingt dem Filmemacher die Überraschung. Dies allein kann aber nicht Sinn und Motivation sein. Für mich sind die letzten Minuten, bei denen Miike ins Fantastische übergeht, eine schwache Lösung, um die Handlung schlichtweg zu kappen. Einige sehen im absurden Ende (welches ich an dieser Stelle nicht verraten möchte für Interessierte, die den Film noch nicht kennen) eine geschickte Metapher des Regisseurs, ein fulminantes Gipfeltreffen zweier Wahnsinniger, die nichts mehr zu verlieren haben und den anderen tot sehen wollen – während um sie herum alles den Bach runter gehen kann. Wenn das so ist, so funktioniert diese Metapher für mich jedenfalls nicht.

Nach dem Genuss des Films blieb für mich das Gefühl der Enttäuschung übrig. Ich kenne noch nicht viele Filme von Takashi Miike, hoffe aber, dass ich bei den weiteren Sichtungen wieder so positiv überrascht werde wie bei ÔDISHON. HANZAISHA ist zwar in einiger Hinsicht interessant und man kann ihn sich ansehen, allerdings ist der Film um Längen schwächer und für meine Begriffe schlecht aufgelöst.

Fazit

Für Hardcore-Fans sicherlich interessant, für Miike-Fans ein Muss, für „Neueinsteiger“ aber eher ungeeignet. Viele heftige, teilweise ekelerregende Momente, gepaart mit exzessiver Gewalt, kulminierend in einem grotesken Ende, welches Ausgangspunkt einer wilden Diskussion sein kann.

DEAD OR ALIVE: HANZAISHA (1999, Takashi Miike), 105 min.

6/10

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