Die Legende des Robin Hood, englischer Outlaw im Sherwood Forest bei Nottingham, ist populär seit jeher und schon in zahlreichen Werken verarbeitet und interpretiert worden. Der Rächer der Armen und Schwachen wurde filmisch von zahlreichen Stars portraitiert, sei es von Douglas Fairbanks, Errol Flynn, Sean Connery, von einem gewitzten Fuchs aus der klassischen Animationsschmiede des Disney-Studios – und natürlich auch von Kevin Costner.
In meiner Kindheit habe ich die 80er-Jahre Robin Hood-Serie mit Spannung verfolgt und den Disneyfilm geliebt. Zudem hat Kevin Reynolds‘ Abenteuerfilm von 1991 ROBIN HOOD – PRINCE OF THIEVES mir mit Kevin Costner meinen ersten Leinwandhelden der Jugend beschert. Ich liebe diesen Film nach wie vor, auch wenn er mittlerweile mit erwachsenem Auge sicherlich seine Schwächen und Klischeemomente offenbart hat – dennoch ist es mir immer noch ein freudiger Genuss, Costner in Hochform und den grandiosen Alan Rickman als Sheriff von Nottingham zu sehen.

Als bekannt wurde, dass Ridley Scott (BLADE RUNNER, GLADIATOR) die Materie neu verfilmen würde, stieg bei mir die Aufregung. Als einer meiner Lieblingsregisseure, bekannt für seine großartigen Genrefilme, insbesondere natürlich seine Historienepen GLADIATOR und KINGDOM OF HEAVEN, konnte ich die Premiere kaum abwarten. Mit Oscarpreisträger Russell Crowe (gewonnen für GLADIATOR, eher verdient für THE INSIDER) in der Rolle des Outlaws konnte man an sich nicht allzuviel falsch machen – nachdem der Australier mittlerweile das fünfte Mal mit dem Briten gearbeitet und noch nie enttäuscht hatte. Die ebenfalls preisgekrönte Cate Blanchett (ELIZABETH, HEAVEN) als Lady Marion versprach auch keine Enttäuschung zu werden – gibt es einen Film, in dem sie nicht gut war?
Auch die leitenden kreativen Personen beim Projekt sind alte Bekannte. Lichtsetzender Kameramann John Mathieson sowie Editor Pietro Scalia gehören mittlerweile zum Stammpersonal von Ridley Scott.

Die Handlung von ROBIN HOOD ähnelt ein klein wenig BATMAN BEGINS, man kann den Film als Prequel zur eigentlich bekannten Geschichte sehen. So wird der Zuschauer mitten in eine wirre Zeit und die Rückkehr der Kreuzfahrer um König Richard „The Lionheart“ (Danny Huston) nach England hineingeworfen. Dort lernt er gleich mehrere Personen kennen, unter anderem den verlässlichen Bogenschützen Robin Longstride (Crowe). Desillusioniert und von Schuldgefühlen seinem Gott gegenüber geplagt, zweifelt Longstride an dem himmlischen Auftrag des Kreuzzugs, und will eigentlich nur noch aus der Sache heil rauskommen. Zusammen mit ein paar weiteren Männern, darunter Little John (Kevin Durand), Will Scarlet (Scott Grimes) und Allan A‘Dayle (Alan Doyle) desertieren die Kämpfer unmittelbar nachdem der König in der Schlacht auf französischem Boden gefallen ist, und werden darauf Zeuge eines Hinterhalts und Verrats. Die Krone des Gefallenen sowie das Schwert des sterbenden Robert Loxley (Douglas Hodge) gelangen dadurch in die Hände von Longstride, der einerseits mit der Krone sein Ticket zur Überfahrt nach England erkennt, gleichzeitig dem Sterbenden aber auch den Schwur ableisten muss, dessen Schwert den Händen des Vaters zu übergeben.
Robin Longstride übernimmt den Namen des Gestorbenen und macht sich damit unbewusst mächtige Feinde am von Intrigen durchgedrungenen englischen Königshof. Auf dem Anwesen Loxleys trifft er auf die Witwe Lady Marion (Blanchett) und dem erblindeten Vater Walter Loxley (Max von Sydow). Dieser macht ihm ein interessantes Angebot…

Wer leichtes, unterhaltsames Popcorn-Kino mit coolen One-Linern und permanentem Witz à la PRINCE OF THIEVES erwartet hat, der wird von Scotts ROBIN HOOD wahrscheinlich zunächst ziemlich erschlagen. Der Zuschauer wird hier von historischen Hintergrundinformationen, zahlreichen Charakteren und regelmäßigen Locationwechseln auf Trab gehalten. Es dauert eine Weile, bis wir uns über die einzelnen Handlungsstränge und Charaktere im Klaren sind und das Große Ganze erkennen können. Ridley Scott zeigt uns eine dunkle, dreckige und harte Welt. Russell Crowes Hände sind schmutzig und bandagiert. Die Männer haben Narben im Gesicht und schlechte Zähne (übrigens ein Detail, welches unter anderem einen guten historischen Film ausmacht und sich massiv von Trash wie KING ARTHUR unterscheidet. Dabei geht Ridley Scott aus (kommerziell) verständlichen Gründen nicht auf die ganz extreme Schiene wie etwa Aronofsky in THE FOUNTAIN, wo wir einen richtig verwahrlosten Hugh Jackman sehen können). Man kann den Gestank in vielen Szenen förmlich riechen, wenn man die dicht gedrängten schweissnassen Soldaten oder den tiefen Matsch betrachtet. Ständig hört und sieht man Fliegen. Mäuse huschen über die Esstische. Diese Bereitschaft, eine vergangene Zeit nicht einfach zu glorifizieren, sondern die teils katastrophalen hygienischen Zustände in den Bildern festzuhalten, verdient eine gewisse Bewunderung. Insgesamt ist die komplette Ausstattung des Films extrem gut gelungen. Die mittelalterlichen Bauten, seien es kleine Hütten in den Dörfern oder große düstere Burgen, wirken ungemein realistisch und authentisch. Man hat an vielen Stellen des Films das Gefühl, eine Zeitreise zu machen. Sowohl die nebligen Wälder, als auch die weiten Landschaftsaufnahmen Englands bieten eine prachtvolle Kulisse.

Die Handlung springt also hin und her zwischen der Geschichte um Longstride und seinen Männern, die aus den Wirren des Krieges plötzlich in eine ganz andere, nicht weniger bedrohliche Situation im eigenen Land, geraten, und Handlungsstränge am Hof, wo der neu gekrönte König John (Oscar Isaac) zusammen mit seinem finsteren Ränke schmiedenden Berater Godfrey (Mark Strong) damit loslegt, die Bevölkerung Englands über Steuererhöhungen ausbluten zu lassen. Gleichzeitig sehen wir, wie der Komplott in Frankreich geplant wird und wie aufgrund der Tyrannei Johns die Lords sich zusammenschließen und alles auf einen fatalen Bürgerkrieg hinausläuft.
Der Humor kommt dennoch nicht zu kurz. Es gibt immer wieder Momente der Leichtigkeit, besonders im Verhältnis zwischen Robin und seinen Begleitern. Die Beziehung zwischen Robin und Marion, die ja nun für niemanden wirklich eine Überraschung sein sollte, baut sich langsam und vorsichtig auf – ohne dass der Film zur kitschigen Romanze wird, was auch der tadellosen Leistungen der beiden Hauptdarsteller zu verdanken ist.

Wo wir grade bei den Darstellern sind: Russell Crowe ist ein wirklich guter Robin Hood. Dass er historische Führungspersönlichkeiten mit Kraft und Autorität, aber auch viel Gefühl spielen kann, hat er bereits in GLADIATOR und MASTER AND COMMANDER bewiesen, und auch in ROBIN HOOD spielt er den zunächst einfachen Mann, der über sich hinauswachsen wird, in gewohnter Stärke. Er überzeugt auch in den ruhigen Momenten. Die Chemie zwischen ihm und Cate Blanchett passt. Cate Blanchett ist großartig wie immer. Sie verkörpert die mittelalterliche Frau mit überzeugender Präsenz. Max von Sydow (SHUTTER ISLAND, MINORITY REPORT) spielt ihren alternden und erblindeten Schwiegervater und ist ein Highlight des Films, ebenso wie der fantastische William Hurt (A.I., GORKY PARK) in der Rolle des William Marshal. Hurt hat mich mit am meisten beeindruckt. Er hat nicht viele Szenen, und die meisten sind nur kurz mit wenig Dialog, doch er schafft es mit seiner Darstellung einen bleibenden Eindruck seiner Figur zu hinterlassen. Selten hat der Spruch „weniger ist mehr“ so gut gepasst wie auf William Hurt in ROBIN HOOD.
Mark Strong und Oscar Isaac (beide in BODY OF LIES) spielen die Hauptantagonisten in ROBIN HOOD. Sie sind gut und spielen böse – für meinen Geschmack aber zu eindimensional böse. Während man argumentieren könnte, dass John einfach nur dumm ist und deshalb nicht versteht, dass seine Handlungen nicht produktiv sind, stellt Godfrey eine Art Mastermind im Hintergrund dar und erscheint mir in vielen Szenen als zu unnötig böse und irrational. War Alan Rickman in der Verfilmung von 1991 noch eine rein böse überzeichnete Karikatur des psychopathischen Sheriff von Nottingham, so hätte in Scotts Film eine etwas komplexere Charakterdarstellung eher zum Gesamtbild gepasst und nicht ganz in Schwarz-Weiss-Kategorien gehalten sein müssen.
Die Actionszenen sind von Scott (und Mathieson und Scalia) gewohnt aufwendig und gekonnt in Szene gesetzt – wenn auch leider erstaunlich unblutig und kaum brutal. Ein bisschen mehr BRAVEHEART hätte mir in den Schlachten besser gefallen.

Fazit

Alles in allem ist ROBIN HOOD ein guter bis sehr guter Film – allerdings kein Ausnahmefilm und nicht der beste von Ridley Scott. Doch es lohnt sich, Scotts Vision des Mittelalters, die wir bereits in KINGDOM OF HEAVEN bestaunen konnten, auf der großen Leinwand zu betrachten. Gelungener und spannender Film, der viel Authentizität in grandiosen Bildern versprüht und mit vielen großartigen Darstellern aufwartet, aber in manchen Momenten gerade bei den Bösewichten etwas ins Eindimensionale abrutscht.

ROBIN HOOD
USA, UK 2010
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Brian Helgeland
Kamera: John Mathieson
Schnitt: Pietro Scalia
140 min.

8/10

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Kommentare
  1. palast sagt:

    klingt gut, werde mir den film nun doch auf der leinwand anschauen.
    kingdom of heaven gefiel mir sehr gut in dern directors cut fassung, in der kinofassung fehlte irgendwie der zusammenhalt der geschichte und religiöse hintergründe haben völlig gefehlt. …nur die sache mit 3d werde ich mir wohl sparen.

  2. Dr. Borstel sagt:

    Kann man im Wesentlichen so stehen lassen. Natürlich ist „Robin Hood“ bei Weitem nicht der beste Ridley Scott; gerade im Vergleich mit „Gladiator“ und „Kingdom of Heaven“ treten die Mängel dann doch deutlicher zutage, als sie einem zunächst bei der Kinovorführung auffallen. Trotzdem geht der Film so weit in Ordnung. Eine Fortsetzung braucht es für mich aber nicht wirklich.

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