THE ROAD

Veröffentlicht: 19. Juli 2010 in reviews
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Es passierte auf einmal, ohne dass jemand sagen könnte, was genau geschehen ist. Ein globaler nuklearer Krieg? Ein Meteoriteneinschlag? Ein Supervulkanausbruch? Im Handumdrehen ist aus der Erde eine sterbende Einöde geworden – die Sonne ist von einem dunklen und dichten Wolkenteppich verdeckt und nicht mehr zu sehen. Tiere gibt es nicht mehr, Pflanzen wachsen nicht mehr nach. Die Relikte der untergegangenen Zivilisation der Menschen sind abgebrochene Strommasten, zusammengestürzte Brücken und verlassene Häuser. Die verbliebenen Menschen sind verzweifelt auf der Suche nach Nahrung, um zu überleben. Die meisten der Überlebenden haben die letzte Schwelle der Moral längst überschritten, und halten sich am Leben, indem sie Ihresgleichen verspeisen.

In dieser toten und lebensfeindlichen Welt versucht ein verzweifelter Vater, zusammen mit seinem Sohn zu überleben, ohne dabei zum Tier zu werden…

 

 

Es gibt einige Filme, die sich mit Endzeit-Szenarios befassen oder dieses zumindest thematisch ansprechen. Spontan fallen mir Camerons TERMINATOR Filme ein, die immer wieder mit dem Blick in die von Maschinen beherrschte Zukunft die düstere Erde zeigen. TERMINATOR SALVATION spielt komplett in diesem Szenario (allerdings versagt der Film). Terry Gilliams TWELVE MONKEYS beginnt auch in einer von einem Virus verseuchten Zukunft, ehe Bruce Willis in die Vergangenheit geschickt wird, um die Menschheit zu retten (ein großartiger Film, den ich mal wieder schauen muss, wie ich gerade feststelle). Die MAD MAX-Trilogie habe ich zu meiner Schande noch immer nicht gesehen und muss das wohl schnellstmöglich nachholen. Wenn ich an Endzeitfilme denke, dann fallen mir spontan diese eher dem Sci-Fi-Genre zuzuordnenden Filme ein (auch THE MATRIX kann man dazu zählen). Als Endzeitfilm macht THE ROAD all das richtig, was ein Film wie I AM LEGEND falsch gemacht hat: es ist kein cooler Genre-Film mit gut aussehendem Helden, sondern ein tristes und hartes Drama, denn es legt den Schwerpunkt nicht auf das Setting, sondern auf die Charaktere und wie sie in dem Setting agieren. Das macht ihn zu einem außergewöhnlich guten und originellen Film, der den Zuschauer am Ende mit dunklen Gedanken und hoffentlich sehr nachdenklich zurücklässt.

Liegt bei den genannten Filmen oft der Schwerpunkt auf Actionszenen, Zeit für Helden und Unterhaltung, so ist THE ROAD ein trübes, pessimistisches und unglaublich real anmutendes Drama – die Verfilmung des gleichnamigen Romans aus der Feder von Cormac McCarthy. Der Vater, gespielt von Viggo Mortensen (THE LORD OF THE RINGS, EASTERN PROMISES), ist kein Gunslinger, der in jeder brenzligen Situation zum Übermenschen wird und die Feinde kalt macht. Er ist ein durchschnittlicher Mann mit Ängsten, körperlichen Schwächen, Unsicherheiten – jedoch mit dem unbändigen Willen, zu leben! Um fast jeden Preis will er sich und seinen Sohn durchbringen, auch wenn die Frage gestellt werden darf, wo der Weg überhaupt hinführen soll. Das ist einer der Clous des Films. Seine Handlung ist kaum existent. Es gibt kein wirkliches Ziel, zumindest nicht im geografischen Sinne (auch wenn der Vater die Atlantikküste als „Ziel“ anpeilt). Auch die Suche nach Nahrung ist müßig, denn wenn, dann werden nur übrig gebliebene Reste zu finden sein – es gibt keine frische Nahrung, und somit ist das Ende eine reine Frage der Zeit.

In einer Welt, in der nichts mehr von Wert ist außer Nahrung (eines der beeindruckendsten Bilder ist auf dem Boden verstreutes Geld und Schmuck, welches auf der Suche nach Lebensmitteln keine Beachtung erhalten hat und auch von unseren beiden Protagonisten nicht zur Kenntnis genommen wird), darf die rationale Frage gestellt werden, worin der Sinn des Lebens noch existieren kann. Es gibt die eine Sorte von Menschen, die angesichts der neuen Situation von Anfang an keinen Ausweg mehr sieht und sich ein weiteres Leben nicht vorstellen kann. Dies muss auch der Vater erleben, wie die in sporadischen Rückblicken gezeigte Vorgeschichte auf emotionale Weise zeigt. Und dann gibt es diejenigen, welche überleben wollen unter den neuen Bedingungen. In ihrer Verzweiflung geben sich einige dem Kannibalismus hin. Diejenigen, die diese Grenze nicht überschreiten, haben schlechte Karten, länger weiter zu leben.
Der Tod begleitet Vater und Sohn permanent, nicht nur in Form der Bedrohung durch jeden fremden Menschen, der sich am Horizont zeigt, durch menschenfressende Banden, oder durch verängstigte Personen, die erst schießen ehe sie auf sich schießen lassen wollen. Wie ein Damoklesschwert schwebt der eingesteckte Revolver über ihren Köpfen, der nur noch zwei Patronen in der Trommel hat und für den gegenseitigen Suizid gedacht ist, wenn der Hunger zu groß wird und die letzte Lebenschance vertan ist. Der Vater erklärt seinem Sohn die Prozedur zu Beginn der Reise, so dass dieser gewappnet ist. Es sind verstörende Szenen, wenn der Vater zitternd und weinend die Waffe auf die Stirn des Kindes hält, und man sieht sich als Zuschauer mehrmals während des Films mit der Frage konfrontiert: „Wie hätte ich gehandelt?“

Eine weitere Schlüsselszene ist die Begegnung mit dem Dieb (Michael K. Williams), hier kämpft der Sohn dagegen an, dass der Vater den eigenen Moralprinzipien entsagt, und wieder findet der Zuschauer sich in einer extrem ungemütlichen reflexiven Situation wieder.
Das ist die Haupthandlung und das Motiv des Films: die grundsätzliche Einstellung zum Leben und zum Verhalten in dieser Situation. Bejaht man das Leben bis zum bitteren Ende, auch wenn kein Funken Hoffnung besteht, oder gibt man gleich auf? Wenn man weitermachen will, bleibt man einer der „Guten“, oder überschreitet man die letzte Barriere in den Hobbes‘schen Naturzustand?
Will man überhaupt in einer toten Welt leben?

THE ROAD ist ein dunkler (auch im wahrsten Sinne des Wortes), überwiegend sehr ruhiger Film, der die Protagonisten auf ihrer mühsamen Reise oder beim Rasten zeigt. Und gleichzeitig ist der Film auf einer sehr intensiven Art spannend und fordernd, und er explodiert geradezu, wenn sich Konfliktsituationen abzeichnen. Begegnungen mit den Menschenfressern oder Durchsuchungen von verlassenen Häusern treiben die Spannung teilweise fast wie ein Horrorfilm auf die Spitze, und die weiten Einstellungen der zerstörten Erde bieten dann trügerische Ruhepausen. Diese fast wie Gemälde anmutenden Bilder des Untergangs haben eine geradezu bizarre Schönheit. Der Film ist in überwiegend entsättigten Brauntönen gehalten (Kamera: Javier Aguirresarobe). Die minimalistische und melancholische Musik kommt von Nick Cave.

Ein paar Worte möchte ich noch zu den Schauspielern aufbringen. Viggo Mortensen ist unglaublich. Als Herr der Ringe Fan habe ich ihn natürlich seit seiner Darstellung von Aragorn ins Herz geschlossen, aber ich bin so begeistert darüber, wie er seit der Trilogie mit intelligenten und intensiven Rollen faszinieren konnte. A HISTORY OF VIOLENCE, APPALOOSA und besonders EASTERN PROMISES waren bereits großartige Leistungen von ihm; mit THE ROAD setzt er noch einen drauf und bestätigt, dass er einer der ganz Großen ist.
Kodi Smit-McPhee spielt den Sohn und hat einige sehr intensive und beeindruckende Szenen. Filme mit Kinderrollen sind immer kritisch, wenn der Darsteller bestenfalls durchschnittlich ist, doch der vierzehnjährige liefert eine absolut glaubwürdige und herzergreifende Leistung ab, trotz der schwierigen Rolle.
Charlize Theron spielt in den Rückblicken die Mutter und passt mit ihrer Leistung perfekt zu den anderen beiden. Außerdem sind noch Kurzauftritte von Robert Duvall und Guy Pierce sowie Michael K. Williams eine Erwähnung wert, die ich aber aus Spoilergründen nicht weiter kommentieren möchte.

Fazit

THE ROAD ist kein Film, der den Zuschauer mit guter Laune hinterlässt. Im Gegenteil, die Stimmung wird während und nach dem Film höchstwahrscheinlich in dunkle Gefilde stürzen, aber das ist gut so. John Hillcoats Werk bietet einen wahrscheinlich realistischen Blick in ein Horrorszenario, und wir können alle nur hoffen, dass wir niemals in solch eine Situation geraten und in die Verlegenheit kommen, uns genau diese moralischen Grundfragen zu stellen. Filmisch ist THE ROAD herausragend, rund und intensiv – durch und durch ein großartiger Film. Man kann Hillcoat gar nicht hoch genug anrechnen, daraus keine Effektorgie gemacht zu haben, sondern ein „character driven“ Drama. Kurioserweise dachte ich bis vor kurzem, dass ich dem Film 9 Punkte gebe und keine 10, da ich anfangs nicht ganz sicher war, ob das Ende des Films optimal ist – ich kann aber mittlerweile beim besten Willen keinen Grund finden, warum dieser Film keine Bestwertung verdient. Gut, dass ich drüber geschlafen habe. Als kleine Randnotiz: der unten beigefügte Trailer täuscht ziemlich und wirkt viel actionlastiger und „mainstreamiger“, als er tatsächlich ist.

THE ROAD
USA 2009
Regie: John Hillcoat
Drehbuch: Joe Penhall
Kamera: Javier Aguirresarobe
Schnitt: Jon Gregory
111 min.

10/10


Kommentare
  1. Dr. Borstel sagt:

    Viggo❤😉 Die eher durchwachsenen Kritiken, um es mal vorsichtig auszudrücken, haben mir das Interesse am Film noch nicht ganz ausgetrieben. Ist vorgemerkt.

    • indy sagt:

      Echt, es gab durchwachsene Kritiken zu THE ROAD? Da ich bisher keine bis auf heute die aus dem filmpalast gelesen habe, überrascht mich das sehr. Für mich wie gesagt ein absoluter Filmtipp! Bin gespannt, was du sagen wirst!😉

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