MINORITY REPORT

Veröffentlicht: 8. August 2010 in reviews
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Philip K. Dick lieferte mit seinen zahlreichen Geschichten voller bahnbrechender Ideen, aber auch Einblicken in Ängste und Paranoia, Stoff für viele bekannte und erfolgreiche Filme, u. a. BLADE RUNNER (Ridley Scott), TOTAL RECALL (Paul Verhoeven), A SCANNER DARKLY (Richard Linklater).

Auch MINORITY REPORT von Steven Spielberg aus dem Jahre 2002 wandert auf dem schmalen Grat zwischen Wunsch und Faszination einer genialen Erfindung und der bedenklich totalitären Vision eines kompletten Überwachungsstaats. Mord ist im Jahre 2054 kein Problem mehr dank „Precrime“, einer Polizeieinheit, die mithilfe von drei präkognitiven Wundermenschen Einblicke in die Zukunft bekommt und somit Mörder noch vor der Ausübung des Verbrechens verhaften kann. Zwei Fragen werden dadurch zwangsläufig aufgeworfen: darf man jemanden verhaften, wenn er keinen Mord ausgeübt hat? Das hieße nämlich, dem Konzept eines absolut deterministischen Universums zuzustimmen, indem freier Wille keinen Platz mehr hat. Und zweitens: kann es sein, dass das präkognitive System Fehler hat und vielleicht einen Mord sieht, wo keiner stattfinden wird?
Eine ungemein reizvolle Idee, denn einerseits ist die Verlockung da, durch Precrime eine friedliche Gesellschaft zu haben, aber gleichzeitig kommt diese Welt gehörig ins Wanken, sobald man über die (un-)geschriebene Zukunft nachdenkt.


Genau das ist das Problem von John Anderton (Tom Cruise), der als Polizist bei Precrime schon zahlreiche zukünftige Mörder eingebuchtet hat, und nun plötzlich mit einer schockierenden Tatsache konfrontiert wird: die „Precogs“ prophezeien nämlich, dass Anderton einen Mord ausüben wird an eine Person, die er gar nicht kennt. Anderton, der keine Sekunde daran zweifelt, dass er keinen Menschen töten wird, muss das System, an das er so sehr glaubt, hinterfragen, und bekommt auf seiner jetzigen Flucht vor der Polizei immer mehr Zweifel über die Validität der Prophezeiungen.
Steven Spielberg schafft es, die geniale Idee Dicks in einen höchst unterhaltsamen und spannenden Sci-Fi-Film einzubauen, der somit gleichzeitig zur Popcorn-Unterhaltung dient und beim Zuschauer Denkprozesse anstößt.

Das Intro des Films zeigt uns zunächst auf eindrucksvolle Weise, wie die Prozedur funktioniert und sich bewährt. Diese Szene ist gleichzeitig ein Highlight des Films und eine der Szenen, an die man sich auch viel später noch erinnern wird, denn die hier vorgestellte Technologie – die Kommunikation zwischen Mensch und Computer – ist ein Vorgeschmack auf eine technische Entwicklung, die zwar noch in den Kinderschuhen steckt, aber wohl sehr bald für uns zum Alltag werden wird.  Gleichzeitig wird auch die traumatische Vergangenheit Andertons ausgeleuchtet, dessen Sohn seit sechs Jahren vermisst wird, und der sich aufgrund des Verlusts schuldig fühlt. Seine Schmerzen betäubt er mit Drogen, die er sich nachts in den dunklen Gassen besorgt, und hier bekommen wir einen ersten Einblick in die Schattenwelt der nach außen hin so makellosen und glänzenden Zukunft. Sobald sich die Ereignisse um Anderton überschlagen und er auf der Flucht ist, wächst auch bei uns mit ihm die Paranoia. Überwachungsanlagen und Augenscanner an jeder Ecke, in jeder U-Bahn, an jeder Haustür. Personalisierte Werbeplakate an den Wänden und in Kaufhäusern, kleine Metallspinnen, die auf warme Körper reagieren und in jede Wohnung zwecks Augenscan eindringen können und dürfen. Eine Privatsphäre scheint es in dieser Welt nicht mehr zu geben.
Bald schon muss Anderton feststellen, dass sein angeblich bevorstehender Mord nur ein Teil eines viel größeren Puzzles ist, welches er lösen muss, ehe die Zeit abgelaufen ist. Ein ungleiches Wettrennen beginnt…


MINORITY REPORT gehört zweifellos zu den intelligenteren Sci-Fi-Filmen und ist ein durch und durch gelungener Film, der allerdings immer wieder mit kleinen Momenten versehen ist, die zu sehr auf der reinen Unterhaltungsschiene angesiedelt sind und scheinbar das Publikum garantiert im Sessel halten sollen. Meiner Meinung nach unnötig, liefert die Handlung alleine schon genug Suspense, um auf haarsträubende und unrealistische Verfolgungsjagden in Autofabriken verzichten zu können. Hier und da geht es also etwas durch mit Spielberg, und vor allem die letzte Einstellung mit Anderton nehme ich ihm etwas übel, die wirkt auf mich wie ein Familienfilm-Kompromiss. Schafft man es aber, von diesen Wermutstropfen abzusehen, so bleibt ein sehr guter Sci-Fi-Thriller mit einem guten Tom Cruise sowie überzeugenden Nebendarstellern (u. a. Colin Farrell, Max von Sydow, Samantha Morton als Precog „Agatha“, Tim Blake Nelson und Peter Stormare in einer unangenehmen, an A CLOCKWORK ORANGE erinnernden Szene) übrig, welcher visuell bahnbrechend und absolut sehenswert ist. Sowohl die visuellen Effekte als auch die erstklassige Kameraarbeit von Janusz Kaminski und das detailversessene Produktionsdesign sorgen dafür, dass sich der Look des Films auch im Nachhinein in das Gedächtnis des Zuschauers einbrennt.

Fazit

MINORITY REPORT ist für SF-Fans ein Muss und auch für den Rest ein sehenswerter und spannender Thriller, der zum Nachdenken anregt. Die beste Philip K. Dick Verfilmung bleibt BLADE RUNNER, aber Spielbergs Film ist auch oben anzusiedeln und zählt zu den guten Sci-Fi-Filmen des letzten Jahrzehnts.

MINORITY REPORT
USA 2002
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: Scott Frank, Jon Cohen
Kamera: Janusz Kaminski
Schnitt: Michael Kahn
145 min.

9/10

Kommentare
  1. Dr. Borstel sagt:

    Ich würde wohl einen Punkt weniger geben, aber ein wirklich guter Film. Tom Cruise hat zwar schon besser gespielt und wird hier von Farrell klar in den Schatten gestellt, aber das fällt eigentlich nicht so sehr auf, dass es den Film verschlechtern würde. Sehenswert.

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