TWELVE MONKEYS

Veröffentlicht: 10. August 2010 in flashback reviews
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Fünf Milliarden Menschen sterben im Jahre 1997 an einem tödlichen Virus, hinter dem offensichtlich die mysteriöse Armee der „12 Monkeys“ steckt. Die Überlebenden fliehen unter die Erdoberfläche, während die Tiere die Erde zurückerobern. Einige Jahre später wird James Cole (Bruce Willis), ein Gefangener, der immer wieder an die Oberfläche geschickt wird, um nach Hinweisen über das Virus zu suchen und sich dabei als guter Beobachter bewährt hat, von einer Gruppe „Wissenschaftler“ mit einer wichtigen Mission beauftragt: Er soll durch die Zeit reisen, in das Jahr 1996, um Schlüsselinformationen über die 12 Monkeys in Erfahrung zu bringen und dadurch den Wissenschaftlern helfen, ein Gegenmittel zu finden. Diese Mission soll die Strafzeit Coles verkürzen, daher erklärt er sich bereit. Doch der Sprung durch die Zeit geht schief, Cole landet im Jahre 1990, durch die Reise geistig völlig desorientiert, und findet sich kurze Zeit später in einer Irrenanstalt wieder, wo er den Ärzten, u. a. die Psychiaterin Kathryn Railly (Madeleine Stowe), seine unglaubwürdige Geschichte über die tödliche Zukunft glaubhaft machen muss.

Zeitreisefilme spielen mit dem Problem des Paradoxons, der Klassiker ist das Großvaterparadoxon: wenn ich in die Vergangenheit reise und meinen Opa ermorde, kann ich nie geboren werden und zurückreisen, um ihn zu ermorden, oder? Geht man von nur einer linearen Zeitlinie aus, wie die meisten Geschichten, die sich damit befassen (eine der Ausnahmen wäre THE BUTTERFLY EFFECT), so sind Zeitreisefilme letztlich sinnlos. Aber das ist nicht der Punkt. Das Paradoxe ist der Reiz an solchen Geschichten, die Fragen aufwerfen nach Determination, freiem Willen und unserem Verständnis für Kausalität. Cole soll eigentlich nur Informationen sammeln, damit in seiner Gegenwart ein Antivirus hergestellt werden kann, somit würde die Vergangenheit nie geändert und seine Zukunft nicht von ihr beeinflusst werden. Aber was ist, wenn Coles Zeitsprung selbst Dinge in die Wege leitet, die sonst nicht passiert wären? Man kann sich argumentativ endlos im Kreise drehen und froh sein, wenn alle paar Jahre ein solcher Film erscheint, über den man lange hinaus nachdenken und diskutieren kann.

Aber Zeitreise ist nur ein Thema von Terry Gilliams TWELVE MONKEYS, wenn auch ein dominantes. Sein Film ist auch eine Frage nach der Realität, nach der Definition von Verrücktheit. In einer Schlüsselszene erklärt Dr. Railly einem Polizisten, dass die Psychiatrie eine moderne Religion sei und festlegen könne, was oder wer als verrückt oder als gesund, bzw. „normal“, einzustufen sei.  In einer weiteren Szene sagt ihr Vorgesetzter zu ihr, dass sie als rationaler Mensch unterscheiden könne, was real sei und was nicht. Aber auch der rationalen Medizinerin kommen im Laufe der Geschichte, in der sie mehrmals mit dem scheinbar geisteskranken Cole konfrontiert wird, zunehmend ernsthafte Zweifel auf, die sich im kompletten Gegensatz zu ihren Überzeugungen stellen und sie daher in ein Dilemma stürzen.

TWELVE MONKEYS ist auch ein Film über die Vision eines Mannes, der seit eh und je mit dem Hollywoodsystem auf Kriegsfuß zu stehen scheint. Finanzierungs- und Vertrauensprobleme stellen ihm regelmäßig Steine in den Weg. Man muss zugeben, dass Gilliams Filme (BRAZIL, THE FISHER KING, FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS) keine leichte Kost sind und bei vielen Zuschauern auf Unverständnis stoßen oder zumindest die Grenzen der Geduld austesten. Gilliams Visionen werden auch in TWELVE MONKEYS, der von seinen Filmen ironischerweise am ehesten dem Mainstream zugeordnet werden könnte, da er an sich einen klaren und herkömmlichen Plot aufweist, in jeder Szene deutlich: schiefe Kamerawinkel (Kamera: Roger Pratt) verstärken die Verwirrung der Charaktere und des Zuschauers, das Licht ist soft und diffus wie in einer Traumwelt, und das völlig abgedrehte Produktionsdesign, vor allem in den Szenen, die in der Zukunft spielen, sind die bekannte Unterschrift des ehemaligen Monty Python Mitglieds. TWELVE MONKEYS wurde mit einem vergleichsweise kleinen Budget realisiert, daher wurde bei vielen Sets improvisiert und verwendet, was immer man auftreiben konnte (die Dokumentation THE HAMSTER FACTOR, welche auf der Blu-Ray mitgeliefert wird, bietet interessante Einblicke in die Entstehung des Films und Gilliams ewigen Kampf gegen das System). Allein deswegen sollte man staunen darüber, wie Terry Gilliam es dennoch schafft, seine künstlerische Kraft durchzusetzen, auch wenn er selbst vielleicht verzweifelt, dass er seine Visionen nicht so umsetzen konnte, wie sie in seinem Kopf vorschwebten.

TWELVE MONKEYS hätte nicht realisiert werden können ohne das Staraufgebot, welches die Produktion am Leben gehalten hat. Mit Bruce Willis (DIE HARD) und Brad Pitt (FIGHT CLUB) standen zwei Kassenmagneten vor der Kamera. Ersterer war bereits ein Superstar dank zahlreicher Actionfilme, und Brad Pitt stand kurz vor dem Durchbruch, denn noch während der Produktion kamen LEGENDS OF THE FALL und INTERVIEW WITH THE VAMPIRE in die Kinos. Seine Darstellung des völlig durchgeknallten Bewohners in der Anstalt ist natürlich ein amüsantes Highlight des Films. Mit Madeleine Stowe (THE LAST OF THE MOHICANS) wurde Willis der perfekte Gegenpart vorgesetzt – einerseits zart und verletzlich, aber in den Momenten, in denen Cole selbst zusammenzubrechen droht, spielt Stowe eine Frau, die die Initiative in die Hand nimmt.

TWELVE MONKEYS beginnt und endet mit einem Bild, inspiriert durch den französischen Kurzfilm aus den sechziger Jahren LA JETEE: ein Mann träumt von seinem eigenen Tod. Diese Szene, die den Film eröffnet, plagt Cole in seinen Träumen, bis wir sie am Ende vollständig und von mehreren Perspektiven sehen können und der Kreis geschlossen wird.

Fazit

TWELVE MONKEYS zählt zu den verständlicheren Filmen Terry Gilliams, ohne dabei seine künstlerische Integrität zu gefährden. Seine Vision und sein Stil drücken auch diesem Film seinen Stempel auf, und gleichzeitig wird eine spannende Zeitreisen-Geschichte erzählt voller damit einhergehenden aufkommenden Fragen. TWELVE MONKEYS ist ein Highlight der Neunziger und gehört zu meinen All-Time-Favorites.

TWELVE MONKEYS
USA 1995
Regie: Terry Gilliam
Drehbuch: David Webb Peoples, Janet Peoples
Kamera: Roger Pratt
Schnitt: Mick Audsley
129 min.

10/10

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Kommentare
  1. Peter sagt:

    Ein irrer Film, den man sich mehrfach anschauen muss/sollte, um alle Details aufzunehmen.

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