KNOWING

Veröffentlicht: 30. August 2010 in reviews
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Es hat mich sehr viel Überwindung gekostet, KNOWING zu schauen. Der Grund? Obwohl Nicolas Cage zu den Schauspielern zählt, die mir gefallen, haben mich die meisten Filme, die er in letzter Zeit gemacht hat, sehr enttäuscht. Zwischen einigen Perlen dreht er immer wieder reichlich viel Müll, auch wenn er selbst sicherlich nicht immer dafür verantwortlich gemacht werden kann. Mein letzter sehr schwacher Film mit Nicolas Cage war NEXT (2007, Lee Tamahori), und aus irgendwelchen Gründen habe ich KNOWING stets damit assoziiert. Letztlich überzeugte mich das Regie-Argument, diesem Film doch eine Chance zu geben, auch wenn meine Erwartungen entsprechend tief waren. Alex Proyas hat ein paar interessante Filme vorzuweisen, von denen DARK CITY, THE CROW und I, ROBOT zu den bekannteren zählen. Was ich schließlich sehen durfte, ist ein überraschend guter Sci-Fi-Film mit einem guten Hauptdarsteller und äußerst schicker Optik. Der anfangs befürchtete platte „ich rette die Welt“ Streifen entpuppte sich als ein stimmungsvoller, spannender und trotz vieler typischer Mainstream Elemente als ein Film mit Tiefgang. KNOWING hat Schwächen, ganz klar, jedoch punktet er eindeutig im Vergleich mit den üblichen Blockbustern.

Im Nachhinein musste ich feststellen, dass Proyas‘ Film überwiegend sehr schlechte Kritiken ertragen musste. Die Vorwürfe, die dem Film gemacht werden, kann ich nur teilweise nachvollziehen. Kritik hinsichtlich der angeblichen religiösen Motivation und des Endes jedoch keineswegs.
So mache ich mich also auf, eine der wenigen positiven Reviews zu KNOWING zu schreiben…

Der Film eröffnet im Jahre 1959, wo bei einer Jubiläumsfeier eine Schulklasse eine so genannte Zeitkapsel herstellt: alle Schüler sollen ein Bild malen, wie sie sich die Zukunft in fünfzig Jahren vorstellen. Unter den Schülern ist auch die verschlossene Lucinda (Lara Robinson), die anstelle eines Bildes das komplette Papier wie besessen mit aneinander gereihten Ziffern voll schreibt. Irgendetwas merkwürdiges geht vor mit dem Mädchen, doch auch ihr Blatt wird in der Zeitkapsel versiegelt und in den Boden vor der Schule vergraben.
Dann springt der Film in die Gegenwart. Nicolas Cage spielt John Koestler, einen Astrophysiker, dessen Frau bei einem Brand ums Leben gekommen ist und der nun alleine mit seinem Sohn Caleb (Chandler Canterbury) lebt. Er ist ein niedergeschlagener Mann, er trinkt zu viel und doziert vor seinen Studenten über die Natur des Universums. Dabei stellt er die Frage, ob das Universum deterministisch oder chaotisch sei. Auf die Gegenfrage einer Studentin nach seiner Meinung sagt er: „I believe that…shit happens.“
Mittlerweile wird in der Schule von Caleb bei der Jubiläumsfeier die alte Zeitkapsel geöffnet, und die Umschläge werden an die Kinder verteilt. Caleb erhält Lucindas Umschlag mit ihren Zahlenreihen. Zuhause bemerkt John zufällig, dass sich aus den Zahlen Daten erschließen lassen. Tatsächlich stellt er fest, dass die Daten Ereignisse der letzten fünfzig Jahre beschreiben, nämlich Katastrophen, die exakt vorhergesagt wurden bis hin zur Opferzahl. John bemerkt auch Daten, die noch in der Zukunft liegen und ahnt, dass eine Katastrophe bevorstehen könnte.

Was mir an KNOWING gefällt

Alex Proyas hat Stil. Er kommt ursprünglich aus der Werbung und er hat ein sehr grafisches Auge mit klaren visuellen Vorstellungen. Er dreht seine Filme schnell, seine Vorbereitungen und Planungen hingegen dauern oft mehrere Jahre. Dies sieht man seinen Filmen an. Die zahlreichen Kamerasetups sind penibel geplant, seine Filme sind bereits lange vor der ersten Klappe in seinem Kopf fertig gestellt. Auch in KNOWING beweist er sein gutes Auge, und Kameramann Simon Duggan, mit welchem er bereits GARAGE DAYS und I, ROBOT drehte, schafft stimmungsvolle Einstellungen und Farben. KNOWING wurde übrigens komplett mit der Red One, also auf Video, gedreht.
Mir gefällt die bedrückende Stimmung, die bereits während der Opening Credits mithilfe Beethovens siebter Sinfonie vermittelt wird.

Das Spiel von Nicolas Cage in KNOWING ist ruhig, ohne sein oft gefürchtetes Overacting (wobei es eine Szene gibt, in welcher er mit einem Baseballschläger gegen einen Baum schlägt und in den Wald hinein schreit, wo wir Wild Nic wieder finden). Es gibt die ein oder andere Szene, die etwas hölzern wirkt, aber insgesamt macht er hier einen guten Job und überzeugt als einsamer Vater.
Die visuellen Effekte sind grundsätzlich gut und überzeugend, vor allem im Finale spektakulär, allerdings gibt es eine Szene mit einem Flugzeugabsturz, die sehr nach CGI schreit (es ist schlimm als verwöhntes Publikum – vor ein paar Jahren wären jedem die Augen ausgefallen bei besagter Szene). Insgesamt ist der komplette Look des Films ansprechend. Er wirkt hier und da wie der handelsübliche Tony Scott-Blockbuster, und dennoch hebt er sich aus dem Einheitsbrei ab und trägt auch über das Grading zu der interessanten Atmosphäre des Films bei.

Mir haben außerdem die mysteriösen „Flüsterer“ gut gefallen, die im Film meist weit von der Kamera entfernt herumstehen und interessant ausgeleuchtet sind. Sie wirken komplett schwarz, bis auf die hellen Haare, die einer weißen Krone ähneln. Sie sind einerseits spooky, ohne den Zuschauer zu sehr in die Irre zu führen, was angesichts des Handlungsverlaufs auch gut ist.

Was mir an KNOWING nicht gefällt

Immer wieder erinnert der Film daran, dass man einen Mainstream Film sieht. Ich mag diese Differenzierungen eigentlich nicht. Ein Film ist gut oder nicht, egal, welchem Genre oder Budget er zugeordnet werden kann. Dennoch kann man nicht leugnen, dass es gewisse „Codes“ gibt, die sich in „typischen Mainstream Filmen“ immer wieder finden lassen. So gibt es eben auch in KNOWING bekannte Situationen, Dialogpassagen, Klischees, die scheinbar dazugehören, um einen Film kassentauglich zu machen.  Den dozierenden Professor kauft man Cage nicht wirklich ab, abgesehen davon, dass er den Unterschied zwischen Determinismus und Zufall nicht korrekt darstellt und daher dem Zuschauer, der es nicht besser weiß, falsche Informationen liefert. Ich kann mich aber spontan an kaum einen Film erinnern, in welchem Professoren oder allgemein Schulszenen wirklich authentisch und realistisch dargestellt wurden. KNOWING hat narrative Schwächen, ist teilweise unplausibel. Hinterfragt man die Struktur der Geschichte streng, so findet man Löcher. Aber ich denke, so wie man einem Film vorwerfen kann, dass er Mainstream-Elemente vorzeigt, sollte man dann auch zugestehen, dass fragwürdige Plots in den meisten Blockbustern vorhanden sind. Letztlich geht es dort um das Erlebnis, man akzeptiert also ein paar Grundvoraussetzungen, um dann den Film genießen oder hassen zu können, je nach dem, wie er unter diesen Voraussetzungen funktioniert. Über die logistischen Meisterleitungen des Jokers in THE DARK KNIGHT sollte man sich auch nicht allzu lange Gedanken machen, sondern einfach akzeptieren, dass er alles so einrichten konnte. Und dennoch ist THE DARK KNIGHT ein Hammerfilm.

(Ab dieser Stelle gibt es Spoiler!)

Über das Ende wird in den Foren des Internets offensichtlich heftig debattiert. Religiöse Propaganda wird KNOWING vorgeworfen, Stärkung der kreationistischen Ansichten des „intelligent designs“, pseudo-biblischer Märchenkitsch im Garten Eden usw.
Ich finde, diese Argumentation geht meilenweit an dem, was durch den Film vermittelt und gezeigt wird, vorbei. KNOWING ist weder ein pro-religiöser Film, noch bejaht er ein total deterministisches Universum. Im Gegenteil: Cage spielt keinen wirren Zahlenfreak wie Max aus PI. Er ist ein seriöser Wissenschaftler, der jedoch mit einem Artefakt konfrontiert wird, welches er einfach nicht falsifizieren kann! Die Daten, die auf dem Zettel stehen, sind korrekt, und er kann nichts an den Ereignissen ändern, obwohl er Bescheid weiss. Seine Überzeugungen geraten nicht ins Wanken, weil er wie ein Irrer Muster und Codes sucht und sieht, sondern weil die Tatsachen, die sich ihm präsentieren, nicht zu negieren und weit vom Zufall entfernt sind. Allein aus dieser Perspektive liefert KNOWING einen interessanten Konflikt des Protagonisten.

Die Annahme, dass die Außerirdischen am Ende Engel seien, welche die Kinder in den Himmel oder in den Garten Eden bringen, ist so engstirnig und egoistisch, wie man es oft nur von Fanatikern kennt. Proyas spielt auf jeden Fall mit Symbolik und deutet an, dass die Wesen wie engelhaft wirken müssen ob ihrer (über-)außerirdischen Existenz. Diese Ambivalenz ist auch in Ordnung so. Der Vater von John ist Pfarrer, und am Ende kehrt der Sohn wie geläutert zur Familie zurück, doch ist die Versöhnung mit dem Vater zwangsweise eine Sache der Religion? Kann jemand nur mit der Religion seinen Frieden finden? Eine Ansicht, die mir zutiefst zuwider ist. Die Fürsprecher des „religiösen“ Endes argumentieren in Foren mit Bibelzitaten und eifern vehement gegen alle ansatzweise atheistischen Interpretationen, doch sie argumentieren natürlich für ein streng christliches Ende (auch wenn ganz Schlaue dabei sind, die darauf hinweisen, dass Engel nicht nur in der Bibel vorkommen), und lassen dabei die anderen Weltanschauungen außer Acht. Es werden aber nicht nur Caleb und Lara abgeholt (im Stile Adam & Evas), sondern zahlreiche Kinder aus der ganzen Welt und zahlreichen Glaubensrichtungen, wie uns die letzten Einstellungen zeigen, in welchen eine Armada von Raumschiffen (!) die Erde verlässt. Allein die Einführung einer außerirdischen Intelligenz führt traditionelle und rivalisierende Glaubensrichtungen der Erdbevölkerung ad absurdum. Ob die Aliens auch auf Alpha Centauri III die Kinder vor dem Weltuntergang retten, indem sie sie in den Garten Eden führen? Diese Gedanken sind müßig und verfehlen wie eingangs erwähnt den eigentlichen Punkt der Geschichte: die eigentliche Frage nach Determination oder freiem Willen.
Denn Lucinda hatte keine göttliche Eingebung, als sie die Zahlen aufschrieb. Sie hörte das Flüstern der Außerirdischen, genauso wie Caleb und Lara fünfzig Jahre später ihren Ruf wahrnehmen können. Bedeutet die Tatsache, dass die Aliens die Katastrophen auf der Erde im Vorfeld kannten, dass unser Universum absolut determiniert ist und es keinen freien Willen gibt? Auf keinen Fall, es bedeutet nur, dass hier eine extrem fortschrittliche Intelligenz, welche die interstellare Raumfahrt beherrscht (und daher mit einigen Zeitparadoxien konfrontiert ist und scheinbar mit ihnen klarkommt), relativ gesehen ein anderes Wissen hat als wir auf der Erde. Sie entscheiden sich, zu helfen. Am Ende könnte man sogar auf die Idee kommen, dass dieser Prozess nicht der erste seiner Art war. Vielleicht wurde die Erde vor Urzeiten auf genau diese Weise bevölkert?
Man kann sehr viele Theorien spinnen zu KNOWING, aber der Vorwurf der Religiosität ist meiner Ansicht nach Unsinn.

Fazit

Alex Proyas hat mit KNOWING nicht seinen besten Film abgeliefert, aber dennoch ist dies ein Film, der insgesamt überzeugt, funktioniert und interessante Fragen stellt. Intelligentes Sci-Fi Kino, welches im Jahre 2009 in guter Gesellschaft steht und den Vergleich mit den anderen Produktionen nicht zu scheuen braucht.

KNOWING
USA/UK/AUS 2009
Regie: Alex Proyas
Drehbuch: Ryne Douglas Pearson, Juliet Snowden, Stiles White
Kamera: Simon Duggan
Schnitt: Richard Learoyd
121 min.

8/10


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Kommentare
  1. Dr. Borstel sagt:

    Den habe ich vor allem wegen der schlechten Kritiken nicht gesehen, obwohl ich Cage mag. Sollte ich dann vielleicht noch mal überdenken.

  2. P.R.G. sagt:

    Unglaublich, wie man einen Film, der nahezu 1,5 Std ziemlich interessant – und aus dem wissenschaftlichen Aspekt auch gar nicht so abwegig – ist (abgesehen von ein paar „Ja, ne is klar“-Szenen), innerhalb von 15 Min. am Ende mit – meiner Meinung nach – total unpassenden und kitschigen Science-Fiction-Elementen zerlegen kann.

    Mir hätte ein No-Happy-End besser gefallen. Wäre mal was anderes gewesen. Einfach mal einen Film, in dem man das Ende voraussieht (à la Armageddon, Deep Impact, etc.), aber eben nichts unternehmen kann… Dann wär das ein richtig guter Film geworden. So rutscht er durch die letzten 15 Min. von einer 1- auf eine 3-. Schade.

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