LE MÉPRIS (dt. Titel: „Die Verachtung“, engl. „Contempt“) ist in drei Teile segmentiert. Der erste Akt führt uns in die Geschichte um den erfolglosen Theaterautor Paul (Michel Piccoli) und dessen Engagement in der italienischen Cinecittà, wo er für den amerikanischen Produzenten Prokosh (Jack Palance), der ständig mit deplatzierten Zitaten um sich wirft, das Drehbuch zu einer Odysseus-Verfilmung von Fritz Lang (spielt sich selbst) umschreiben soll. Der Autor befindet sich in dem bekannten Dilemma zwischen Kunst (Lang) und Kommerz (Prokosh), und sagt zunächst angesichts der hohen Gage zu.

Im zweiten Akt erleben wir eine ausgiebige Diskussion zwischen Paul und dessen Frau Camille (Brigitte Bardot) in deren Wohnung. Camille ist, seitdem sie den Produzenten kennen lernen durfte, schlecht drauf und Paul rätselt, wo die Gründe dafür zu finden sind. Das Finale schließlich spielt in der Villa des Produzenten, einer fantastischen Location auf einer Klippe zum Mittelmeer. Hier muss Paul seine endgültige Entscheidung treffen.

Der Mittelteil ist zweifellos ein, wenn nicht das, Highlight des Films. Hier inszeniert Godard Piccoli und Bardot nicht in klassischen Schuss/Gegenschuss-Montagen an einem fixen Punkt, sondern er nutzt den Raum der gesamten Wohnung. Die beiden wandern von hier nach dort, die Kamera hat oft nur eine Person im Bild, während die zweite nur zu hören ist. Die Kamera fährt und dreht sich, die Charaktere laufen durch Türrahmen, steigen in die Wanne, legen sich auf die Couch, ziehen sich an und aus. Teile des Dialogs sind lange ungeschnittene Einstellungen, zum Beispiel ein Teil des Zwiegesprächs, bei welchem das Ehepaar sich gegenübersitzt und die Kamera in kompletter Profilansicht zwischen den beiden Köpfen hin und her fährt. Nicht nur die Kameraarbeit (Raoul Coutard), sondern die gesamte Choreographie inklusive der Schauspieler macht die Szene zu einem hochinteressanten Augenschmaus. Godard spielt hier mit dem Cinemascope Breitbild, welches er im Film selbst belächelt, indem er Fritz Lang die Worte in den Mund legt, Cinemascope sei für „Schlangen und Särge“.

Auch im letzten Teil des Films sind interessante Bildkompositionen vorhanden. Charaktere laufen in sehr totalen Einstellungen auf den Zickzackwegen der Klippen oder auf den zum Dach führenden Treppen der Produzentenvilla. In einem interessanten Schnitt läuft Paul zusammen mit Fritz Lang auf den oberen Wegen der Klippe und unterhält sich über mögliche Drehbuchänderungen. Nach dem Schnitt auf das Dach der Villa winkt Bardot weit schwingend nach oben zu ihrem Mann, womit die räumliche Zuordnung gleich hergestellt wird.

LE MÉPRIS ist Film im Film. Er spiegelt zum Einen die kreativen Prozesse und Probleme hinter den Kulissen, den ewigen Kampf zwischen Kunst und Kitsch und das Hollywoodsystem, aber gleichzeitig verarbeitet Godard auch seine Erfahrungen in Person des Drehbuchautors. LE MÉPRIS wurde mit verhältnismäßig großem Budget gedreht und stand daher unter finanziellem Druck, ganz anders als seine sonstigen Nouvelle Vague Filme. Gleichzeitig sollen Dialogfetzen zwischen Paul und Camille direkt aus Godards privaten Zwistigkeiten stammen. Viele Nacktaufnahmen Bardots sind erst im Nachhinein auf Druck der Produzenten entstanden – auch hierzu gibt es eine Szene im Film, wo Produzent Prokosh im Vorführraum durchdreht und Fritz Lang vorwirft, in betrogen zu haben, da er mehr nackte Haut erwartet hatte.
Die griechische Tragödie schwebt nicht allzu subtil über der gesamten Handlung, und es liegt nahe, Parallelen zu den Charakteren zu ziehen.

Fazit

Alles in allem ist LE MÉPRIS ein sehr interessanter Film, der handlungstechnisch wenig vorzuweisen hat außer den inneren Kampf des Autors, der sich nur im Disput mit seiner Frau und der letzten Szene in der Villa offenbart, aber dieses Wenige in äußerst raffinierten Montagen zu einem Film über den Film macht, auch wenn er nicht ganz so revolutionär ist wie der drei Jahre zuvor gedrehte À BOUT DE SOUFFLE.

LE MÉPRIS
F 1963
Regie: Jean-Luc Godard
Drehbuch: Jean-Luc Godard
Kamera: Raoul Coutard
Schnitt: Agnès Guillemot
103 min.

8/10


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