THE GIRLFRIEND EXPERIENCE

Veröffentlicht: 8. September 2010 in reviews
Schlagwörter:, , , , , ,

Steven Soderbergh hat es in Hollywood auf erfolgreiche und beneidenswerte Weise geschafft, sein Ding durchzuziehen. Frei nach dem Motto: eins für mich, eins fürs Studio. So bringt er in teilweise irrem Tempo und ökonomischer Verlässlichkeit kassentaugliche Blockbuster wie die Ocean-Filme, ERIN BROCKOVICH oder TRAFFIC hervor, ohne dabei seine weiteren Ambitionen und Wünsche zu vernachlässigen und mit „kleinen“ Filmen im Independent-Stil zu überraschen. Diese Filme bringen natürlich lange nicht so viel Geld ein wie die großen Kassenmagneten, sie sind aber auch selten Flops und aufgrund von geringen Budgets meist auch rentabel. Diese zweigleisige Schiene fährt Soderbergh seit eh und je. Einer der Pioniere des neuen Indie-Kinos ist er seit SEX, LIES AND VIDEOTAPE (1989), und trotz (oder dank) großer und erfolgreicher Studioproduktionen konnte er immer wieder interessante Filmchen für den geneigten Cineasten dazwischen streuen. Filme wie FULL FRONTAL, BUBBLE und auch THE GIRLFRIEND EXPERIENCE, Thema dieser Review.

THE GIRLFRIEND EXPERIENCE ist kein massentauglicher Film. Die meisten werden ihn womöglich als langweiligen Dialogfilm abtun, der weder Handlung noch Spannungsbogen aufweist. In einem haben diese Kritiker Recht: Soderberghs Film über das High-Class Call Girl in New York ist ein Dialogfilm, und er ist ein Location-Film, und er ist ein Kameraeinstellungs-Film. Dies sind zugleich seine Stärken und Schwächen, machen ihn einerseits etwas spannungsarm und langatmig, andererseits ungemein interessant.

Was mir an THE GIRLFRIEND EXPERIENCE gefällt

Wie eben geschrieben, ist der Film ein „Location Film“, damit will ich meinen, dass Soderbergh an unzähligen unterschiedlichen Locations gedreht hat. Diese Locations sind meist exquisit und auf Hochglanz poliert: schicke Apartements mit ausgefallenen Möbeln, Lampen und Bildern an den Wänden. Glasfronten mit Blick auf den Big Apple. Cafés, Restaurants, Clubs, Fitness-Studios, Ateliers. All diese zahlreichen Orte werden durch Soderberghs Kamera (der sie wie immer selbst führt) in ausgefallenen Einstellungen und Farben gezeigt. Auch für THE GIRLFRIEND EXPERIENCE setzte Soderbergh mal wieder auf die Red One Kamera und drehte somit auf hochauflösendem Video. Er arbeitet mit Sprüngen in den Szenen und der Narration. Der Film hat einen interessanten Look, und wer Soderberghs Filme gut kennt, wird die Handschrift des Regisseurs auch in THE GIRLFRIEND EXPERIENCE sofort erkennen.

Was mir an THE GIRLFRIEND EXPERIENCE nicht gefällt

Seine Stärken sind seine Schwächen, und wenn einerseits die zahlreichen Locations die pure Lust am Filmdreh und am Experimentieren mit Einstellungen in den verschiedensten Settings reflektieren, so wirken sie gleichzeitig wie das Renomée eines A-List Regisseurs, der einfach überall rein darf. Man hat den Eindruck, dass Soderbergh nur an eine Ladentür zu klopfen braucht, und schon darf er seine Kamera aufbauen. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Punkt wirklich negativ ist, aber der Gedanke ging mir beim Sichten durch den Kopf. Hinsichtlich der Optik möchte ich sagen, dass der Film an vielen Stellen wie Hochglanz-Werbung für Boutiquen und Designer-Immobilien auf mich wirkt. Sicherlich wird hier nur eine ganz bestimmte Schicht in New York porträtiert, dennoch spürt man eine gewisse Dissonanz, wenn man reiche Menschen in teuren Outfits teure Drinks zu sich nehmen sieht, die sich darüber unterhalten, wie sehr ihnen die Wirtschaftskrise Sorgen bereitet. Ich bezweifle jedoch nicht, dass es diese Menschen gibt. Dennoch hat man als Zuschauer wenig Bindung und Sympathie für die Charaktere. Das gilt zum großen Teil auf für die Hauptfigur, gespielt von Pornostar Sasha Grey. Wir folgen ihr zwar als Voyeure und begleiten sie bei ihrer kleinen Mini-Krise, aber so, wie sie bei all ihren Kunden stets zustimmend nickt und lächelt, nehmen wir ihre Geschichte nickend hin und sind nicht weiter berührt. Das liegt nicht unbedingt an den schauspielerischen Fähigkeiten von Grey. Sie macht einen gar nicht mal schlechten, sehr minimalistischen Job. Letztlich beobachten wir Charaktere, denen es objektiv gesehen recht gut geht und deren Leiden uns nicht allzu sehr involvieren.

Fazit

Dennoch ist THE GIRLFRIEND EXPERIENCE trotz seiner Schwächen ein gelungener kleiner Film mit vielen interessanten filmischen Aspekten. Kein Film für das große Publikum, kein Film, in welchem besonders viel passiert und dennoch: Respekt für Soderbergh, dass er weiter seiner Linie treu bleibt.

THE GIRLFRIEND EXPERIENCE
USA 2009
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: David Levien, Brian Koppelman
Kamera: Steven Soderbergh
Schnitt: Steven Soderbergh
77 min.

7/10

Weitere Steven Soderbergh Reviews:

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s