SPLICE

Veröffentlicht: 5. Dezember 2010 in reviews
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Ein junges, hippes und sehr ambitioniertes Wissenschaftlerpärchen hat blobartige Lebensformen aus verschiedenen Tiergenen erschaffen, aus denen sich offenbar medizinisch wertvolle Enzyme produzieren lassen. Das Pharmaunternehmen will auch sofort in die Produktion gehen, unsere beiden Protagonisten Elsa (Sarah Polley) und Clive (Adrien Brody) jedoch, insbesondere die verbissene Elsa, gehen einen Schritt weiter: sie mischen der neuen Form menschliche DNA bei und erschaffen ein ganz neues Wesen…

Vincenzo Natalis (CUBE, CYPHER) Sci-Fi Film weiss nie so recht, in welche Richtung er gehen soll. Er ist nie ganz Body Horror in B-Movie Stil à la Cronenberg, denn dazu wurden zu viele Seriosität suggerierende Szenen eingebaut. Gleichzeitig sind die ernsten Untertöne und moralischen Fragen, die aufgeworfen werden sollen, so platt und fast dilettantisch inszeniert, dass jene Szenen unglaubhaft und vor allem lächerlich wirken. SPLICE muss sich den Vorwurf gefallen lassen, in allen Richtungen inkonsequent zu sein. Hat der Film Anspruch auf Anspruch? Dafür sind die Charaktere und ihre Dialoge zu unrealistisch und vor allem die gesamte Darstellerführung viel zu hölzern und desorientiert. Abgesehen davon, dass man in SPLICE die womöglich unsympathischsten Figuren seit langem kennen lernt, so könnte man sich damit abfinden, wenn sie wenigstens überzeugend wären. Stattdessen sehen wir eine Sarah Polley (BEOWULF & GRENDEL), die von ehrgeiziger und überambitionierter Forscherin zur Kathy Bates für Arme wird, während Adrien Brody (THE PIANIST) in jeder Szene signalisiert, dass er keine Ahnung hat, was er in diesem Film zu suchen hat. Er stolpert von Szene zu Szene, spielt eine Figur, in die er sich nie einleben konnte und ist völlig unterfordert. Man muss Natali vorwerfen, seinen Darstellern keine klaren Anweisungen gegeben zu haben außer „Du läufst von A nach B und sagst deine Zeile.“

Viele dieser Punkte wären mir nie durch den Kopf gegangen, wenn ich den Eindruck gehabt hätte, einen bewusst etwas trashigen B-Movie Horrorstreifen mit kritischen Kommentaren zu sehen. Da SPLICE aber versucht, „seriöses“ Kino zu sein, kommt man einfach nicht herum, die zahlreichen haarsträubenden Einzelheiten des Films entsprechend zu werten. Wissenschaftler sehen nicht aus wie Clive und Elsa, sie agieren nicht so, reden nicht so. Das Forschungsumfeld (wer kam auf die Idee, die Einrichtung NERD zu nennen?) ist unrealistisch genauso wie die bizarren Mitarbeiter – oder möchte jemand vielleicht erklären, welche Funktionen David Hewletts und Brandon McGibbons Charaktere in dem Film haben? Der Brutkasten mit der gezüchteten Lebensform macht Geräusche wie ein Windkanal oder irgendein NASA-Raketentest, abgesehen davon, dass scheinbar kein Mitarbeiter mal auf die Idee kommt zu hinterfragen, was Elsa und Clive wochenlang im Labor treiben oder mal vorbeischaut. Man hat sich ja mittlerweile daran gewöhnt, dass in Spielfilmen Computer pausenlos Geräusche von sich geben, aber hier wurde maßlos übertrieben – genauso wie bei der völlig bizarren wissenschaftlichen Präsentation, die eher wie eine Oscarverleihung anmutet. An den meisten Stellen des Films habe ich mich gefragt, ob Drehbuchautor Natali sich auch nur ansatzweise überlegt und berücksichtigt hat, wie ein Labor von innen aussieht oder wie ganz grob Arbeiten in diesem Umfeld ablaufen. Man gewinnt den Eindruck, als wären ihm solche Punkte völlig unwichtig. Diesen inszenatorischen Dilettantismus, der sich auch in klinisch-sterilem Setdesign und flachen Nebencharakteren äußert, habe ich bereits bei CYPHER bemängelt. Dort hatte ich es noch teilweise auf das geringe Budget geschoben – für SPLICE hingegen war genug Geld vorhanden, und trotzdem sehen auch hier die meisten Szenen so aus, als würden Schauspieler auf einer dunklen Bühne unter einer Laterne stehen. Die Beleuchtung ist absolut fragwürdig, passt überhaupt nicht zu den jeweiligen Szenen und lässt sich auch nicht einfach mit künstlerischem Ausdruck abtun. Meine Einschätzung nach der Sichtung von CYPHER und SPLICE ist, dass Vincenzo Natali ein Regisseur mit nur begrenzter Vision ist. Er hat gute Ideen, seine Filme zeigen gute Ansätze, aber er ist zu limitiert in seinem Ausdruck. Seine Handschrift ist zwar zu erkennen, aber zumindest für mich leblos und uninspiriert.


Es ist wirklich schade, denn man hätte aus SPLICE einen richtig guten Film machen können, und er hat wie gesagt auch viele brauchbare und gelungene Elemente. Dren, die erschaffene Mischung aus Mensch und Tier, ist eine visuell gelungene Figur, bleibt aber charakteristisch unerschlossen und an vielen Stellen unplausibel. Da Natali nie wirklich wusste, was er bezweckt, verfährt er sich und liefert einen emotional zu schwachen und dadurch den Zuschauer nicht bindenden Film, der auf der anderen Seite mit den Horror- bzw. Ekelszenen nie ganz die andere Schiene erreicht.

Was mir an SPLICE trotzdem gefällt

Die visuellen Effekte des Films sind gelungen, vor allem die Herausforderung der Darstellung Drens. Hier gehen die Grenzen zwischen Realität und CGI nahtlos ineinander über und SPLICE nimmt diese Hürde gekonnt. Außerdem ist der Aspekt interessant, dass nicht das erschaffene Wesen, sondern eher seine Erschaffer sich als „Monster“ entpuppen.

Fazit

SPLICE ist eine Enttäuschung und für mich der Punkt gewesen, an dem ich das Interesse an Vincenzo Natali verloren habe. Ich habe vor Jahren CUBE gesehen, müsste diesen aber nochmals schauen, um einen richtigen Eindruck zu haben, da ich ihn recht positiv in Erinnerung habe. Durch CYPHER und jetzt SPLICE jedoch bin ich zu der Einsicht gekommen, dass hier ein Regisseur agiert, dessen handwerkliches Können nicht ausreicht, um wirklich gute Titel abzuliefern. Vielleicht strafen mich seine zukünftigen Filme Lügen, doch bisher bin ich nicht überzeugt. SPLICE hatte Potential, nutzt dieses aber nicht aus, wirkt hölzern und steril, wirft zwar moralische Fragen auf aber ist gleichzeitig unplausibel und rettet sich schließlich wie die meisten Durchschnittsfilme in einen simplen Verfolgungs-Action-Showdown. Kann man sich mal anschauen, aber lieber ohne hohe Erwartungen.

SPLICE
CAN, F, USA 2009
Regie: Vincenzo Natali
Drehbuch:  Vincenzo Natali, Antoinette Terry Bryant, Doug Taylor
Kamera: Tetsuo Nagata
Schnitt: Michele Conroy
104 min.

5/10

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Kommentare
  1. chris sagt:

    klingt alles nachvollziehbar, dennoch konnte ich dem film (trotz großem produktionstechnischem aufwand) einen gewissen (handlungsbedingten) trash-charme abgewinnen. vielleicht lag es auch daran, dass ich ihn mir zeitnah mit re-animator angeschaut habe – nimmt man den film auf solch einer (80er) ebene wahr, kann man ihm vielleicht mehr abgewinnen.

    cube habe ich mir vor kurzem wieder angesehen und war enttäuscht, beim ersten mal war ich begeistert, heute hingegen hinterlässt er irgendwie einen fahlen und unfertigen eindruck… würde mich freuen, wenn du deine meinung zu cube nach dem erneuten sehen preisgeben würdest.

  2. milliband sagt:

    Ich stimme voll zu, wobei ich das Problem der hanebüchenen Plot- und Darstellerführung nicht ganz allein dem Regisseur, sondern mindestens zu gleichen Teilen den Drehbuchautoren zuordnen würde. Auch am Drehbuch wiederum hat nun Vincenzo Natali mitgewirkt – in welchem Maß, entzieht sich aber wohl unserer Kenntnis. Ich würde aber schon sagen: wenn schon Natali, dann eher der Regisseur als der Drehbuchautor.
    Weitere kleine Anmerkung: trotz in der Tat miserabler Personenführung – jetzt einmal unabhängig, ob mehr drehbuch- oder regieverursacht – sieht man tw. erstaunliche darstellerische Leistungen insbesondere von Sarah Polley und – nicht so leicht zu beurteilen – Delphine Chanéac, die es bei mir – neben den in der Tat tw. bemerkenswerten CGI-/Animantionssequenzen – bewirkt haben, dass ich mir den Film tatsächlich bis zum Ende angesehen habe.

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