Es ist zehn Jahre her, dass ich im Kino saß und gespannt auf Ridley Scotts GLADIATOR wartete. Meine Erwartungen waren gemäßigt, ich wusste nicht, was auf mich zukommen würde. Wahrscheinlich dachte ich, im besten Fall einen soliden Abenteuerfilm zu sehen. Doch ich wurde eines besseren belehrt. Was die nächsten zweieinhalb Stunden auf der Leinwand projiziert wurde, war mehr als nur ein gelungener Film. Es war ein Game Changer. Die Optik, die Musik, Russell Crowe (den ich zuvor nur aus THE INSIDER kannte!), die visuellen Effekte, die unglaubliche Licht- und Kameraarbeit. Einerseits war GLADIATOR ein Klassiker à la BEN HUR (oder wie John Cleese sagen würde: „A costume thing!“), gleichzeitig aber auf neue und visionäre Art umgesetzt, somit also kein Ausschlachten und Schwelgen in der Vergangenheit, sondern ein Schritt nach vorne, ein Revival des Genres. Game Changer auch für die Industrie selbst, denn wie viele Filme erinnerten nach GLADIATOR visuell und musikalisch an Scotts Film? Er selbst orientierte sich gerne daran (KINGDOM OF HEAVEN, ROBIN HOOD).

GLADIATOR gewann fünf von zwölf Oscars. Russell Crowe bekam die Auszeichnung, die er sich schon im Jahr zuvor für THE INSIDER verdient hatte und wurde zum Weltstar, Joaquin Phoenix und Ridley Scott selbst mussten jedoch Platz machen für Soderberghs TRAFFIC.


Doch warum ist GLADIATOR ein besonderer Film? Ist er nicht einfach ein guter Historienfilm, eine herkömmliche Heldengeschichte mit viel Action und Pathos? Der Film ist in der Tat actionreich, mit blutigen und abwechslungsreich inszenierten Kämpfen in den Arenen. Pathos kommt auch nicht zu kurz, besonders im letzten Akt. Doch GLADIATOR ist mehr und wartet zudem mit einem erstklassigen Cast auf. Neben Russell Crowe, der in der Tat eine mehr als überzeugende Performance liefert, glänzen auch Joaquin Phoenix (WALK THE LINE, SIGNS), jedoch auch Nebendarsteller wie der während der Produktion verstorbene Oliver Reed als Gladiatorenbesitzer sowie Richard Harris (UNFORGIVEN) als sterbender Cäsar. Sie haben kleinere Rollen, doch sie hinterlassen ihre Duftmarke in ihrer gegebenen Zeit. Dank dieser Schauspieler verkommt GLADIATOR nicht zum reinen plotdriven Actionfilm, sondern lässt echte Charaktere agieren, die in einzelnen Szenen schauspielerische Highlights setzen. Meist sind es nur feine Nuancen, die jedoch den Zuschauer für die Figur gewinnen und sie glaubwürdig machen. Man achte nur auf die erste Einstellung von Russell Crowes Gesicht:

Er erwacht aus seinem Tagtraum, sieht einen kleinen Vogel. Ein leichtes Lächeln ist in seinem Gesicht, als er den davonfliegenden Vogel mit seinen Augen verfolgt. Es dauert nur wenige Sekunden, und sein Blick richtet sich auf einen fernen Punkt hinter der Kamera. Sein Gesicht versteinert – die Realität hat ihn wieder und wir wissen, dass etwas bevorsteht. Dieses kurze Minenspiel eröffnet den Film und macht sofort klar, dass wir hier keine muskelbepackte leblose Hülle vor uns haben, sondern einen echten Charakter, mit dem wir uns für den Rest des Films identifizieren wollen.

Die Handlung an sich ist in der Tat simpel, und ohne Vision und sichere Hand hätte sie ein durchschnittlicher Abenteuerstreifen bleiben können. Doch mit Ridley Scott realisierte jemand mit dem richtigen Auge und Plan das Projekt. Der Film eröffnet mit besagter Tagtraumsequenz, der wunderschönen Einstellung einer durch ein Kornfeld gleitenden Hand, um sofort darauf mit großem Getöse eine brutale Schlacht in Germanien zu zeigen, die einen ersten Paukenschlag ausführt. Diese erste Szene dient als Intro und erfüllt mehrere Zwecke: sie setzt einen ersten Akzent und deutet an, mit was für einen Film wir es zu tun haben werden. Wir lernen den Protagonisten, General Maximus (Russell Crowe), kennen. Dieser genießt das Vertrauen der Soldaten, ist offensichtlich ein Sympathieträger, kompetent und ein Kriegsheld. Auch die Beziehungen der Charaktere zueinander werden kurz nach der Schlacht verdeutlicht: Maximus genießt die Gunst Marcus Aurelius‘ (Richard Harris), des amtierenden Cäsaren, sehr zum Missfallen von dessen machtgierigem Sohn Commodus (Joaquin Phoenix).

Dieser erscheint erst nach der Schlacht. Er fragt: „Did I miss the battle?“ Marcus Aurelius antwortet: „My son, you missed the war.“ Commodus ist das Gegenteil von Maximus: er ist feige in der Schlacht, er ist unmoralisch, er ist ungeliebt, und unter letzterem leidet er am meisten. Er wird begleitet von seiner Schwester Lucilla (Connie Nielsen), welche eine romantische Vorgeschichte mit Maximus hat. Es ist der klassische Stoff von Dreiecksbeziehungen und Figuren, die sich seit ihrer Jugend kennen und unterschiedliche Wege eingeschlagen haben. Der Zuschauer beginnt das sich anbahnende Problem zu ahnen.


Aurelius spürt den nahenden Tod und entscheidet, Maximus zu seinem Nachfolger zu ernennen, auf dass dieser wieder die Republik ausrufe und die Macht dem Senat zurückgebe. Auf seine alten Tage möchte er nicht als Tyrann in die Geschichte eingehen. Doch ehe diese Entscheidung publik gemacht werden kann, ermordet Commodus seinen Vater, als er von ihm erfährt, dass er ihm nicht auf den Thron folgen darf, und ernennt sich selbst zum Cäsar. Maximus soll exekutiert werden, und mit ihm seine in Spanien auf ihn wartende Familie. Maximus jedoch schafft es zu fliehen und eilt darauf in Richtung Heimat, um seine Frau und seinen Sohn zu retten, doch er kommt zu spät (meiner Meinung nach die einzige Schwäche des Plots: wie konnten Commodus‘ Befehle so schnell ausgeführt werden? Immerhin ist Maximus sofort nach seiner geplanten Exekution entkommen, reitet bis nach Spanien und findet dort seinen verwüsteten Hof vor. Dieses Manko jedoch vergisst man schnell und tut dem Film nicht weiter weh).


Maximus gibt auf, er bleibt leblos neben seiner jetzt vergrabenen Familie liegen und verliert seinen Lebenswillen; da wird er von Sklavenhändlern gefunden und verschleppt. So beginnt sein neues unfreiwilliges Leben als Gladiator, der kämpfen oder sterben muss, und einzig allein sein jetzt in Aussicht gestelltes Ziel, als bester Gladiator im römischen Kolosseum dem Cäsar vorgestellt zu werden, hält ihn am Leben. Denn an den mittlerweile zum unbeliebten Tyrannen gewordenen Commodus will er Rache ausüben.


Wie bereits erwähnt, bewahrt das fähige schauspielerische Ensemble GLADIATOR davor, zur reinen Actionorgie zu werden. Zudem überzeugt der Film durch seine visuelle Ästhetik, die Altmeister Ridley Scott (BLADE RUNNER, ALIEN) gekonnt kreiert. GLADIATOR begeistert mit fantastischen Bildern des Kameramanns John Mathieson, der u. a. auch für KINGDOM OF HEAVEN und ROBIN HOOD verantwortlich war. Der Film hat einen ganz eigenen Look, voller Gold- und Brauntönen, die sich mit kalten blauen Szenen (die Anfangsschlacht sowie der Palast Commodus‘) abwechseln. Die Lichtsetzung ist äußerst gelungen und legt Wert darauf, die unterschiedlichen Charaktere hervorzuheben. So liegt in nahezu jeder Szene ein Schatten auf großen Teilen von Phoenix‘ Gesicht, und seine dunklen Augenhöhlen verleihen ihm ein krankhaftes und unberechenbares Element.

Problematisch und etwas schwach sind einige der CGI Hintergründe, die einfach noch zu künstlich aussehen. So wirken die weiten Einstellungen auf Rom sowie die oberen Stockwerke des Kolosseums einfach unecht. Das würde heute, zehn Jahre VFX Entwicklung später, sicher anders aussehen. Die Schnitte (Pietro Scalia) sind in den Dialogszenen ruhig und klassisch, in den Kampfszenen schnell und chaotisch. Viele Close-Ups sorgen für eine gewisse Desorientierung, die besonders in der Anfangsschlacht auch an Spielbergs SAVING PRIVATE RYAN erinnert (die blutbespritzte Kamera ist eine weitere deutliche Anspielung). Das Setdesign ist aufwendig und passt perfekt in den gewählten Farbcode. Inhaltlich wählte Scott kleine Details, die Wiedererkennungseffekte hervorrufen. Maximus hat beispielsweise ein persönliches Ritual, vor dem Kampf seine Hände mit der Erde des jeweiligen Bodens einzureiben und an ihr zu riechen. In der Rolle des Gladiatoren, als er sich entscheidet, doch zu kämpfen, wiederholt er dieses Ritual. Es ist der Moment, in dem er beginnt, die Kontrolle wieder zu erlangen. Dies bestätigt sich spätestens in dem Moment, in welchem ihn seine Mitgladiatoren vor dem Kampf ebenso grüßen und salutieren wie zuvor seine römischen Soldaten. Diese kleinen Details helfen bei der Entwicklung der Geschichte und sind kleine Cues für den aufmerksamen Zuschauer oder für das Unterbewusstsein. Eine schöne stilistische Entscheidung ist die Vision, die Maximus fortwährend hat. Sie eröffnet den Film und wirkt fast wie eine Vorahnung, die ihn immer wieder ereilt und am Ende einholt. Es ist eine schöne Klammer um den Film und eines der Elemente, die den Film so sehenswert machen. Schließlich darf der geniale Score von Hans Zimmer (THE DARK KNIGHT, INCEPTION) und Lisa Gerrard nicht unerwähnt bleiben, der seinen unermesslichen Beitrag zum Gesamtwerk leistet und auch den Soundtrack zu einer lohnenden Anschaffung macht.

Fazit

GLADIATOR ist dramatisches und actionreiches Unterhaltungskino und in allen Bereichen auf hohem Niveau. Er zählt zu meinen Lieblingsfilmen und ist daher auch in meiner Top 25 Liste der besten Filme des vergangenen Jahrzehnts. Einfach ein Topfilm! Für diese Neusichtung wurde die verlängerte „extended version“ gewählt, die etwa 20 Minuten zusätzliche Szenen hat, ohne die der Film zwar auch optimal funktioniert, die aber interessante zusätzliche Einblicke, vor allem in die politischen Intrigen, geben. Diese „10th Anniversary Edition“, welche sowohl die Kinofassung (den eigentlichen Director‘s Cut) als auch die verlängerte Version beinhaltet, ist als Blu-Ray bildtechnisch ein fantastischer Genuss und zum Kauf weiterempfohlen. Strength and Honor!

GLADIATOR
USA, UK 2000
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: David Franzoni, John Logan, William Nicholson
Kamera: John Mathieson
Schnitt: Pietro Scalia
171 min. (extended version)

10/10

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Kommentare
  1. Dr. Borstel sagt:

    Sagen wir, 9/10. Aber ja, toller Film mit einem ebenso tollen Russell Crowe.

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