MADEO (MOTHER)

Veröffentlicht: 19. Februar 2011 in reviews
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Würde jemand auf mich zukommen und sagen: „Ich hab die Nase voll von amerikanischen Filmen, ich will mal was anderes, was exotisches. Was kannst du mir da empfehlen?“, so würde ich dieser Person guten Gewissens MADEO (MOTHER) von Bong Joon-ho empfehlen, quasi als Einstiegsdroge in die Welt des asiatischen Films. Wieso ausgerechnet MOTHER? Weil dieser preisgekrönte südkoreanische Film aus dem Jahre 2009 genau jene Exotik und Horizonterweiterung bietet, die einem Menschen gut tut, der kaum etwas außer Hollywood (und Europa) kennt und nicht gleich mit einem zu extremen Culture Flash aus Fernost erschlagen werden sollte. Der durchschnittliche Zuschauer blickt selten über den Tellerrand hinaus, der ihm durch Massenmedien und Kinokomplexe aufgetischt wird. Um es trotzdem zu tun, müsste er Eigeninitiative beweisen. Jedoch lohnt sich der Schritt meiner Meinung nach für jeden Menschen. Wir sind so geprägt und konditioniert durch immer wieder standardisierte Plots und Abläufe, Klischees, Autoverfolgungsjagden, Stereotype und Dialogzeilen, dass die wenigsten westlichen Filme uns noch überraschen und sich wirklich in das Bewusstsein einbrennen. Dies sind dann natürlich gute Filme, derer es zum Glück nach wie vor überall noch welche gibt, auch in Hollywood und Europa. Dennoch geben wir uns meist mit viel weniger zufrieden, als wir tatsächlich aufnehmen könnten. Ein Blick, der gar nicht mal so weit weg gehen muss (in Europa produzieren nicht nur Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Spanien und Italien Filme), aber von mir in diesem Fall auf die andere Seite des Kontinents geleitet werden soll, öffnet eine Tür in ganz neue und fremde Strukturen – und ich kann gar nicht betonen, wie gut diese Erfahrung tun kann…

In MOTHER wird die Geschichte einer Mutter erzählt, die ihren geistig ein wenig langsamen Sohn, der für den Mord an einem jungen Mädchen verurteilt worden ist, aus dem Gefängnis zu befreien versucht, indem sie, um seine Unschuld zu beweisen, auf eigene Faust ermittelt. Der Plot scheint anfangs herkömmlich zu sein: die bekannte Geschichte des Wehrlosen, der zu Recht oder zu Unrecht verurteilt wurde. Bong Joon-ho (THE HOST) jedoch erzählt diese Geschichte ganz anders und weiss den Zuschauer zu überraschen, indem sein Film an Stellen, an denen er auf gewohnte Weise enden könnte, ganz andere Richtungen einschlagen lässt. MOTHER steht und fällt mit seiner Hauptdarstellerin, in diesem Fall trägt die fantastische Kim Hye-ja den ganzen Film mit einer beeindruckenden Leinwandpräsenz und schauspielerischen Leistung. Die namentlich nicht weiter benannte Mutter betreibt einen kleinen Gewürzladen und praktiziert inoffiziell Akupunktur. Ihr Sohn Yoon Do-joon (Bin Won) wird meist von seinem Freund Jin-tae (Ku Jin) manipuliert und in Schwierigkeiten gebracht. Nachts schläft er neben seiner Mutter. Als das tote Mädchen eines Tages entdeckt und ein Golfball Yoon Do-joons neben der Leiche wie eine Visitenkarte gefunden wird, scheint der Fall geklärt zu sein und der Junge wird verhaftet. Seine Mutter jedoch ist von der Unschuld ihres Sohnes überzeugt und beginnt in akribischer Detektivarbeit im Dorf zu ermitteln.

Regisseur Bong Joon-ho versteht es, seine Geschichten in fesselnder Weise zu inszenieren. Wundervolle Bildkompositionen und Kamerafahrten belegen wie schon in seinen vorherigen Filmen sein visuelles Talent. MOTHER ist handwerklich und dramaturgisch einwandfrei und funktioniert in sich makellos, auch wenn sicherlich viele Details des Films fernab von Realismus leben – dieser ist aber nicht nötig, denn Bong bleibt sich selbst treu. Sein Sinn für Humor lässt immer wieder bizarre Szenen entstehen, die trotz des Dramas für komische Momente sorgen, ähnlich wie im Monsterfilm THE HOST und in seinem anderen Detektivdrama MEMORIES OF MURDER. Kritiker, die diese humoristischen oder unglaubwürdigen Einlagen als Schwäche und unterlegenes Filmemachen angreifen, gehören genau zu der Gruppe, die ich eingangs mit den in westlichen Strukturen eingefangenen Zuschauern angesprochen hatte. Wir sind uns größtenteils gar nicht bewusst, wie unglaubwürdig der durchschnittliche Actionfilm oder Thriller in unserer Kultur ist – da sticht das Pendant in ungewohnter Atmosphäre natürlich hervor.

Ich möchte an dieser Stelle klarstellen, dass ich das amerikanische Kino auf keinen Fall verteufele. Im Gegenteil, ohne die Faszination und Verdienste des US-Kinos wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin. Dennoch weist ein sehr großer Teil der aktuellen Filme die oben genannten Defizite auf und daher erscheint es mir sinnvoll, auch anderswo zu suchen. Es ist selbsterklärend, dass auch in Asien und überall auf der Welt jede Menge Müll produziert wird, und ich habe auch schon mehr als genug grottenschlechte Titel gesichtet (die dann aber wenigstens auf ungewohnte Weise witzig sein können). Der weitergehende Blick, die Bereitschaft, sich auch Filme in anderen Sprachen anzuhören (ich kann nur empfehlen, stets die Originalversion mit Untertiteln zu schauen, speziell bei Filmen aus Ländern, deren Sprachen sich so extrem vom Deutschen unterscheiden, und die einfach nicht adäquat synchronisiert werden können) und seine Lieblingstitel nicht nur im Westen zu suchen, darum geht es mir – und das empfehle ich auch jedem Kinofan gerne! Auf meiner ewigen Suche bin ich besonders in Südkorea hängen geblieben – die Filme u. a. von Park Chan-wook (OLDBOY), Kim Ki-duk (SEOM) und eben auch Bong Joon-ho sind fantastische Erlebnisse. MOTHER ist dramaturgisch und technisch auf höchstem Niveau und allerfeinste Unterhaltung. Auch lange nach den Sichtungen haben mich seine drei großen Filme, MEMORIES OF MURDER, THE HOST und MOTHER, gedanklich weiterhin beschäftigt und gereizt, sie erneut zu schauen.

Fazit

Ich hoffe, dass ich den einen oder anderen neugierig gemacht haben konnte. MOTHER ist kein Extrembeispiel asiatischen Kinos und dient daher als perfekter Einstieg in diese Welt. Der Film selbst ist großartiges Kino und beste Unterhaltung, die beim Zuschauer Gefühle auf einer sehr breiten Palette hervorruft.

MADEO [마더] (MOTHER)
KOR 2009
Regie: Bong Joon-ho
Drehbuch: Park Eun-kyo, Bong Joon-ho
Kamera: Hong Kyung-pyo
Schnitt: Moon Sae-kyoung
128 min.

9/10


Kommentare
  1. chris sagt:

    ja… das ist definitiv nicht weniger als ein meisterwerk! MOTHER und Lee Chang Dong’s POETRY waren für mich die absulten korea-highlights des letzten jahres. letzteren kann ich dir nur ans herz legen, stell dir gerne mal die disc zur verfügung! [finde besprechung koreanischer filme immer sehr spannend!]

    freue mich übrigens tierisch auf I SAW THE DEVIL, dem neuen film vom A TALE OF TWO SISTERS- / A BITTERSWEET LIFE- / THE GOOD THE BAD THE UGLY- regisseur.

    • indy sagt:

      oh ja, den trailer zu I SAW THE DEVIL fand ich schon hammer, da bin ich extrem gespannt! mal schauen, wann ich dazu komme, POETRY zu schauen (vielleicht komm ich da auf dein angebot zurück)! koreanische filme sind für mich ein absolutes highlight im asiatischen kino – spiele schon seit längerem mit dem gedanken, eine spezielle sektion hier im blog aufzumachen, die sich nur mit korea bzw. asien befasst…muss mir das ganze nur noch gründlich überlegen…😉

  2. chris sagt:

    super idee! mit dem gedanken einer korea-ecke hab ich auch mal gespielt, habs dann aber doch verworfen – einen regelmäßgen leser hättest du auf jeden fall sicher😉

  3. Aikatara sagt:

    Hai hai, ich habe gerade keine Zeit, mir den langen Beitrag durchzulesen. Aber ich weiß jetzt schon, das ich den Film sehen will *g*. Allerdings brauche ich keine Einstiegsdroge in die fernöstliche Film- und Serienwelt mehr (ich bin schon angefixt :)). Ich versuche gerade, mich daran zu erinnern, ob ich schon mal einen koreanischen Film gesehen habe und wenn ja, wie lange es her ist. mmmh. Mir fällt nur Hong Gil Dong ein. Aber das ist TV. Oh ja. Und Kim Ki Duk, natürlich…Man sollte eigentlich sowieso Koreanisch lernen (schreiben!), dann kann man angeben und so tun, als können man Kanji😀

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