Ein weiterer Bösewicht macht Gotham City unsicher. Die Stadt erstickt in der organisierten Kriminalität, und zu allem Überfluss erscheint der Joker auf der Bildfläche. Er scheint es sich zum Ziel gemacht zu haben, Gotham Citys Beschützer Batman zu vernichten und die Stadt in Chaos versinken zu lassen.
Christopher Nolans THE DARK KNIGHT ist die Fortsetzung zu BATMAN BEGINS, der erfolgreichen Neuinterpretation des Comic-Stoffs um den maskierten Fledermaus-Mann, der das Verbrechen in dem Moloch Gotham City bekämpft. Wie auch im Vorgänger konnte Nolan (MEMENTO, INCEPTION) auf ein hochkarätiges Starensemble zurückgreifen: Christian Bale spielt erneut den Rächer, Michael Caine und Morgan Freeman seine Unterstützer Alfred und Lucius Fox, Gary Oldman den Polizeichef Gordon. Maggie Gyllenhaal übernimmt den Part, der zuvor von Katie Holmes gespielt wurde. Aaron Eckhart spielt Harvey Dent, den Staatsanwalt Gotham Citys. Gekrönt wird diese Konstellation von Heath Ledger (BROKEBACK MOUNTAIN), welcher Batmans Erzfeind in unnachahmlicher und beängstigender Weise verkörperte und den Joker in THE DARK KNIGHT zur zweiten Hauptrolle machte.

Die Anfangsszene und Einführung des Jokers ist eine Hommage an Michael Manns HEAT und dessen legendärer Bankraubszene. Mit diesem Intro wird auch ein Punkt von Beginn an bestätigt, der bereits in BATMAN BEGINS eingeführt worden ist: Nolans Batman-Universum macht den entgültigen Schritt von der reinen Comic-Unterhaltung zum seriösen Action-Thriller. THE DARK KNIGHT ist zwar eine Comic-Verfilmung mit entsprechend skurrilen Charakteren, jedoch stehen alle Figuren mit einem Bein in der knallharten Realität. Würde man ob der Fantasy Elemente ein Auge zukneifen, so hätte man einen waschechten Crime-Thriller vor sich. Dies ist meiner Meinung nach auch die große Stärke von Nolans Batman-Filmen und insbesondere von THE DARK KNIGHT. Michael Manns Meisterwerk aus dem Jahre 1995 scheint wirklich als Vorlage gedient zu haben, denn an so vielen Stellen (nicht nur in der Bankraub-Szene) fühlt man sich an HEAT erinnert. Die zahlreichen Haupt- und Nebencharaktere und deren Subplots, das Auge für die technischen Details. Viele der Stadtszenen wurden im IMAX Format gedreht und beeindrucken auch auf der Blu-Ray mit ihrer enormen Bildqualität. Hans Zimmers und James Newton Howards bombastischer Score gewichtet die Szenen und reisst den Zuschauer immer wieder mit. Allein das bizarre dissonante Joker Thema, mehr Geräusch als Musik, ist Gold wert. Man kommt am Joker nicht vorbei, will man über THE DARK KNIGHT schreiben. Der leider kurz vor der Premiere viel zu früh verstorbene Ledger hat mit seinem Joker einen der besten Filmbösewichte der Filmgeschichte geschaffen. Sein Joker ist kein wahnsinniger Clown wie Jack Nicholson in Tim Burtons BATMAN aus dem Jahre 1989. Ledgers Joker hat keine Vergangenheit. Wir wissen nichts über ihn. Er ist plötzlich da, und setzt Batman die Pistole auf die Brust. Entweder Batman demaskiert sich öffentlich, oder Menschen werden sterben. Sein Joker ist ein Anarchist, ein wahrer Soziopath. In all seinen wohl durchdachten bestialischen Spielchen und seinem Drang, Batman bloßzustellen, ist er auf fatale Weise konzeptlos. So sagt er selbst: „Do I look like a guy who has a plan?“

Ledgers Joker ist unberechenbar und unkontrollierbar. Er ist der absolute Gegenpol zu Batman. Während dieser in seinem Schutzdrang auf totalitäre Überwachungsmethoden zurückgreift, steht der Joker für das totale Chaos und die Sprengung sämtlicher Restriktionen des herrschenden Systems. Geld ist irrelevant für ihn, ebenso wie das Leben seiner Opfer. Er hat nichts zu verlieren. So bringt er Batman und die Bewohner Gothams in unmögliche Dilemma-Situationen. Ledgers Spiel ist an vielen Stellen explosiv und laut, und doch kontrolliert er seine Ausbrüche und brodelt und grummelt meist mit ruhiger und bedrohlicher Stimme vor sich hin. Blicke sagen mehr als Worte, wie auch Gothams Unterwelt bei ihrem ersten Zusammentreffen mit ihm spüren muss. Es gibt eine Einstellung in THE DARK KNIGHT, die in meinen Augen die Psyche des Jokers am besten bloßstellt: Nach seinem Ausbruch aus dem Polizeigefängnis hält er während der Flucht seinen Kopf aus dem gestohlenen Polizeiwagen. Der Score wird zu einem betäubenden Brummen – das ist der Joker! Zweifellos ist Heath Ledger das Highlight des Films und lässt selbst die eigentliche Hauptfigur in den Hintergrund rutschen, was dem Film aber keineswegs schadet. Im Gegenteil, der dadurch entstehende Zweikampf, der über das dicht gewobene Setting aus dutzenden Nebenhandlungen schwebt, übt die wahrscheinlich größte Faszination des Films aus. Für mich ist THE DARK KNIGHT die bisher beste Superheldenverfilmung, die genreübergreifend auch als ernstzunehmender Thriller und Actionfilm angesehen werden kann. Nolans Konzept hat das Franchise nicht nur wiederbelebt, sondern gleichzeitig eine völlig neue Dimension verliehen. Er liefert all das, was man von einem Batman Film ohnehin erwarten würde: beeindruckende Actionszenen und visuelle Effekte, beste Unterhaltung. Doch zudem wird eine dichte und spannende Atmosphäre geliefert, die gepaart mit den großartigen Akteuren und der genialen Musik sowie Nolans gewohnt beeindruckendem inszenatorischen Handwerk zu einem unvergesslichen Erlebnis beiträgt.

Es gibt einzelne Kritikpunkte, die ich bemängeln könnte, die mir aber im subjektiven Gesamtempfinden nicht Gewicht genug waren, um den Filmgenuss zu beeinträchtigen. So kann ich über viele One-Liner in den Actionszenen hinwegsehen, ebenso über den etwas übertriebenen und meiner Meinung nach unnötigen visuellen Sonar-Effekt im letzten Akt. All dies sind aber Details, die ich gerne in Kauf nehme, wenn mir dafür ein Film wie THE DARK KNIGHT präsentiert wird.

Fazit

Man darf gespannt sein, wie Christopher Nolan mit dem dritten und voraussichtlich letzten Teil THE DARK KNIGHT RISES diesen Film toppen will. THE DARK KNIGHT ist der bisher beste Batman Film aller Zeiten und wahrscheinlich auch der bisher beste Comicfilm. Allein dieser vorletzte Auftritt Heath Ledgers ist die Sichtung bereits wert (der letzte war in Terry Gilliams THE IMAGINARIUM OF DOCTOR PARNASSUS). Sein Joker ist fantastisch und zurecht posthum mit dem Oscar ausgezeichnet worden. Dennoch wäre es ungerecht, lediglich bei ihm die Stärken des Films zu suchen. THE DARK KNIGHT ist rundum gelungen und gehört für mich zum Besten der letzten Dekade!

THE DARK KNIGHT
USA 2008
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Jonathan Nolan, Christopher Nolan
Kamera: Wally Pfister
Schnitt: Lee Smith
152 min.

10/10

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Kommentare
  1. maloney8032 sagt:

    Muss dir völlig recht geben „The dark knight“ ist bis heute die beste Comicverfilmung aller Zeiten und Ledger würde mit dem Wort „Genial“ sogar noch zu wenig gewürdigt werden, der einzige klitzekleine minuspunkt ist vielleict, dass Christian Bale Batman fast ein wenig zu verkrampf spielt.

  2. Grandioser Film, zweifellos. Ich habe mich allerdings noch immer nicht dazu durchringen können, über ihn zu schreiben. Gesagt ist zwar schon alles, aber wie du den Joker noch einmal in den Mittelpunkt rückst, gebe ich dir vollkommen recht, Ledgers Leistung war einmalig.

  3. Dr. Borstel sagt:

    Kein Widerspruch. „Batman Begins“ war zwar gar nicht so viel schlechter, aber Nolan wird es schwer haben, das noch mal zu toppen. (Zumal nach „Inception“, aber da sind wir wohl unterschiedlicher Meinung …)

  4. semmel sagt:

    Ich finde the dark knight ist mit abstand der beste Batman Film und Heath Ledgers hat die Rolle des Jokers perfekt gespielt. Daumen Hoch der Film ist wirklich sehens wert.

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