BRONSON

Veröffentlicht: 17. Juni 2011 in reviews
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Ich kannte die Geschichte von Charlie Bronson, dem berühmtesten Verbrecher Großbritanniens, benannt nach Hollywoodstar Charles Bronson, nicht und hatte bisher nie von ihm gehört. So habe ich mich lediglich auf den Film konzentrieren können und diesen als eigenes Werk auf mich wirken lassen. Nicolas Winding Refn sorgte vor kurzem mit seinem grandiosen wie bizarren Wikinger-Trip VALHALLA RISING für Aufsehen, ein Film mit hypnotischer Mischung von realen und verzerrten, fantasierten oder geträumten Szenen. BRONSON ist so gesehen nicht unähnlich. Hier erzählt uns der Hauptprotagonist, imposant verkörpert von Tom Hardy (INCEPTION), seine Lebensgeschichte. Bronson steht dabei geschminkt auf einer Bühne und trägt seine Geschichte dem winzigen und anonymen Publikum vor – eigentlich uns. Diese Theaterszenen sind zweifellos nicht als real einzustufen, eher als Kopfkino Bronsons, bzw. als Dialog mit den Zuschauern des Films.

In mehreren Rückblicken erzählt er uns von der Kindheit (die erste Einstellung als Baby im Kinderbett/Laufstall deutet schon seine Karriere hinter Gittern an), seinen spontanen Gewaltausbrüchen und seinen Aufenthalten in Gefängnissen – mal in Einzelhaft, mal in der Psychiatrie.

Ein Thema wiederholt sich ständig, und dies scheint Bronson zur Kunst zu machen. Er schnappt sich im Gefängnis eine Geisel, entkleidet sich völlig, schmiert sich ein, so dass er schwerer zu greifen ist, und prügelt dann so lange auf die anstürmenden Wachen ein, bis diese ihn schließlich bewusstlos schlagen und wieder isolieren können. Man fragt sich dabei nach dem Sinn dieser nihilistischen Ausbrüche. Bronson weiß, was das Ergebnis sein wird. Er weiß, dass er damit nichts anderes erreichen wird als Schmerz und weitere Isolationshaft, deshalb ist er nicht verrückt. Dennoch tut er es immer wieder, wird für jeden Umstehenden im Gefängnis zum Unberechenbaren. Ich schrieb soeben, dass Bronson diese Aktion zur Kunst zu machen scheint. Im Verlauf der Geschichte wird angedeutet, dass er eine künstlerische Ader hat. Er interessiert sich plötzlich für Malerei, scheint auf der Suche zu sein, ehe er wieder in seine alten Muster verfällt. Doch schließlich nutzt er seine letzte Geisel als lebendes Kunstwerk, bemalt und präpariert den Mann. Bronson selbst mit seinem muskelbepackten nackten Körper steht neben ihm wie ein Kunstwerk.

Wir können nur spekulieren über den Grund seiner Ausbrüche, seien es traumatische Erlebnisse in der Kindheit oder das Umfeld in seiner Jugend. Beantwortet werden diese Fragen nicht, sie werden nicht mal gestellt – nur ansatzweise durch den verständnis- und fassungslosen Gefängnisdirektor. Was aber gezeigt wird, ist das Erwachen der künstlerischen Natur in all ihrer Destruktivität, die ihr Ventil gefunden hat. Bronson sieht sich als Performer, als Künstler, der sich selbst verwirklicht. Er sitzt noch heute im Gefängnis.

Fazit

Trotz aller Brutalität und Härte ein Film mit vielen beinahe komischen Einlagen. Über allem thront jedoch die Leistung Tom Hardys, ohne den der Film im nachhinein nicht vorstellbar ist. Er ist eine Zeitbombe, die jeden Moment hochzugehen droht. Gleichzeitig ist er sich aber nicht zu schade, den Zuschauer mit einem grinsenden Zwinkern aus dem Theatersaal zu verabschieden. Man kann nur voller Vorfreude ahnen, welch diabolischen Gegenspieler Batmans er als Bane in THE DARK KNIGHT RISES mimen wird. BRONSON ist wahrscheinlich nicht für jedermann geeignet und ähnlich wie VALHALLA RISING keine leichte Kost, aber ein Erlebnis, dass man nicht verpassen sollte.

BRONSON
UK 2008
Regie: Nicolas Winding Refn
Drehbuch: Brock Norman Brock, Nicolas Winding Refn
Kamera: Larry Smith
Schnitt: Matthew Newman
92 min.

7/10

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Kommentare
  1. Flo Lieb sagt:

    Hier geht es Review-technisch ja grad ab – Dauerfeuer. BRONSON fand ich etwas enttäuschend, eine zu komödienhafte Version von A CLOCKWORK ORANGE, obschon Hardy den Film natürlich trägt. Inwiefern sein Bane einen wirklich bedrohlichen Antagonisten im letzten BATMAN-Film geben kann, wage ich ja immer noch zu bezweifeln (ich hätte mir da lieber jemand wie Hugo Strange gewünscht).

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