THE TREE OF LIFE

Veröffentlicht: 1. Juli 2011 in reviews
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Über einen Film wie THE TREE OF LIFE zu schreiben, ist unglaublich schwierig und kann kaum angegangen werden wie eine herkömmliche Review. Dazu ist das neueste Werk des Ausnahmeregisseurs Terrence Malick (BADLANDS, THE THIN RED LINE) viel zu abweichend von der Konditionierung, die wir im Laufe der Jahrzehnte erhalten haben, wenn wir im Kino waren oder vor dem Fernseher saßen. THE TREE OF LIFE hat eine so lose narrative Struktur und wird daher die meisten Zuschauer, die eine von einem Plot angetriebene Geschichte erzählt bekommen wollen, vorzeitig aus dem Kinosaal treiben – oder gar nicht erst anlocken. Wer Malicks bisherige Filme kennt, der ahnt jedoch, was ihn erwartet, und geht man mit einer gewissen Offenheit vor, das Medium Film auch mal in anderer Sprache sprechen zu lassen, so ist einem eine unvergessliche Erfahrung gewiss. Bereits Malicks ersten zwei Filme aus den 70ern, BADLANDS und DAYS OF HEAVEN, zeigten erste Tendenzen seiner Herangehensweise und Art, filmisch zu denken. Dennoch war der rote Faden, bzw. die Story, vorhanden und für jeden erkenntlich. Mit THE THIN RED LINE, einem der besten Filme der 90er, löste er sich mehr und mehr von narrativen Restriktionen und experimentierte mit zahlreichen Voice Over und Sprüngen in Raum und Zeit. Noch ein bisschen weiter ging Malick bei THE NEW WORLD aus dem Jahre 2005. Sprünge innerhalb und zwischen Szenen, zahlreiche Inserts von Naturaufnahmen und Voice Over inszenierten den ersten Kontakt zwischen den Jamestown Siedlern und den Indianern einerseits authentisch und zugleich hochgradig subjektiv aus den Perspektiven von Smith und Pocahontas. Es gibt zahlreiche Menschen, die mit den genannten Filmtiteln nichts anzufangen wissen. Bei diesen Personen wird THE TREE OF LIFE auch für Stirnrunzeln und Verständnislosigkeit sorgen. Wie eingangs erwähnt: man sollte wissen, auf was man sich einlässt, wenn man einen Terrence Malick Film sieht.

THE TREE OF LIFE ist eine Weiterentwicklung des beschriebenen Umgangs mit dem Medium. Malick verlässt die herkömmliche Herangehensweise und macht macht keine Sekunde lang den Eindruck, als wolle er seinen Film dem Zuschauer „verkaufen“. Stattdessen stellt er Fragen – große, existenzielle Fragen des Kalibers „Warum leben wir? Was ist der Sinn?“ Fragen, die nicht beantworten werden (können), aber nur mit deren Beschäftigung wir uns als Menschen weiterentwickeln, über die Grenzen hinaus denken können. Malick ist Philosoph, er übersetzte in Studienjahren Heidegger ins Englische. Man muss jedoch nicht Heidegger gelesen haben, um THE TREE OF LIFE „verstehen“ zu können, wahrscheinlich hilft es aber dabei.

Worum geht es in THE TREE OF LIFE? Kurz gesagt, um die Geschichte des Universums, deren winziger Teil die Menschheit bildet, in ca. zweieinhalb Stunden. Malick fokussiert dabei auf die Geschichte der Familie O‘Brien aus Texas. Der Film beginnt mit einer Tragödie. Die Mutter (Jessica Chastain) erhält per Brief die Nachricht, dass einer ihrer drei Söhne im Alter von neunzehn Jahren gestorben ist. Mrs. O‘Brien, deren Vornamen wir nie erfahren, versucht den Sinn dieser jähen Zäsur zu begreifen. Als Gläubige stellt sie Gott die Frage, warum er ihren Sohn genommen hat. Die Trauer befällt die ganze Familie, sowohl Mr. O‘Brien (Brad Pitt), als auch die verbleibenden Söhne. Den Ältesten, Jack, lernen wir ebenso als erwachsenen Mann kennen, gespielt von Sean Penn. Er arbeitet als Architekt, ist introvertiert, zweifelnd, und denkt unaufhörlich an seinen verstorbenen Bruder. Ein Telefonat mit seinem Vater deutet an, dass der Verlust des Sohns einen großen Keil in die ohnehin schwierige Beziehung zwischen Jack und seinen Vater trieb.

Es folgen zwei Rückblicke: zum einen springt THE TREE OF LIFE in der Zeit zurück zur Entstehung des Universums, der Planeten und damit auch unserer Erde. Erste Mikroorganismen vereinen sich zu komplexeren Strukturen. Vulkane brechen aus, Lebewesen bevölkern das Wasser. Schließlich gelangen wir in die Urzeit, in der Dinosaurier die Erde bevölkern. Eine Eindruck hinterlassende Szene zeigt uns das Aufeinandertreffen von zwei Kreaturen. Die eine, schwer verwundet, im Todeskampf, liegt auf dem Boden eines Flussbetts. Die zweite, offensichtlich ein Fleischfresser, entdeckt die potentielle Beute, drückt mit ihrer Klaue deren Kopf zu Boden. Beide halten inne und schließlich zieht das Raubtier unverrichteter Dinge von dannen und lässt das verwundete Wesen leben. Uns schießt automatisch eine Frage durch den Kopf: „Warum?“ Ähnliches fragt sich Familie O‘Brien nach dem Tod des Sohnes und Bruders.

Der zweite Rückblick lässt uns die Kindheit der O‘Brien Brüder seit ihrer Geburt nacherleben. Was ich so lapidar in einem Satz zusammenfasse, stellt sich als die in meinen Augen beste jemals filmisch festgehaltene Kindheitsgeschichte dar. Nie zuvor ist es einem Filmemacher meines Wissens gelungen, die subjektiven Eindrücke beim Heranwachsen eines Kindes so virtuos zu vermitteln. Dieser ganze Zeitraffer der Kindheit, der stets mit subjektiver Kamera, oft auch als P.O.V. der Kinder, die zahlreichen Kleinigkeiten und Momente, die man als Kind in seiner solipsistischen Auffassung der Welt wahrnimmt, einfängt, ist schlicht das Werk eines Genies. Jeder wird sich in dem einen oder anderen Moment wieder finden. Ganz elementare Erfahrungen und erstmaliges Aufkommen von Gefühlen unterschiedlicher Richtung werden gezeigt, wie etwa Neugier, Eifersucht, Neid oder Zorn.
Zu Beginn des Films sagt Mrs. O‘Brien, dass es zwei Wege des Lebens gibt, den Weg der Natur, und den Weg der Anmut bzw. der Gnade (engl. grace). So wie die Eltern symbolisch für diese beiden Wege stehen, der Vater mit seiner rohen Physis, seiner autoritären Strenge und seiner Überzeugung, dass man sich in der Welt durchschlagen müsse, die Mutter als engelsgleicher, emphatischer und liebevoller Geist, der in den Kindern das Bewusstsein und die Augen für ihre Umwelt und deren Schönheit öffnet, und die von den Kindern als sprichwörtliche Fee angesehen wird, so deuten auch bestimmte Szenen eben diesen Kontrast an. In einer wichtigen Szene, in welcher Jack ein schlechtes Gewissen seinem jüngeren Bruder gegenüber hat, da er dessen Vertrauen missbraucht hatte, erlaubt er ihm, ihn mit einem Stock zu schlagen. Der jüngere Bruder holt aus, täuscht an, und lässt es sein. Die Szene erinnert an die Konfrontation der Saurier. Siegt hier Gnade über Natur, und will Malick damit andeuten, dass die Gnade nicht erst durch die Menschen ins Leben gerufen wurde, sondern schon immer in der Welt und im Leben war?

Es ist müßig, über die weitere „Handlung“ zu schreiben, da diese auch nicht zwingend relevant ist für den Film und für das Gefühl, dass beim Zuschauer offensichtlich ausgelöst werden soll (ebenso wenig möchte ich in dieser Review über das wunderbare Casting sowie die grandiose Arbeit von Lubezki und den Editoren schreiben, welche über jeden Zweifel erhaben sind). THE TREE OF LIFE ist ein Film über das Wunder des Lebens, nicht nur der sich selbst so wichtig nehmenden Menschen, die Götter erschaffen müssen, um auf Antworten auf ihre Fragen zu erhoffen, sondern des Lebens insgesamt. So, wie sich auf wunderbare Weise erste Zellen zusammenfügen und zu Giganten werden bis hin zu mit sich selbst zweifelnden Menschen, ja bis hin zu einem Werk wie der Film selbst, kann man über das Leben nur entzückt sein und staunen. Die Geschichte der O‘Briens ist nur ein Staubkorn im kosmischen Kontext, ebenso wie die Ära vergangener Kreaturen, der durch ein kosmisches Staubkorn ein Ende gesetzt wurde. Warum? Weder die Charaktere noch der Zuschauer werden am Ende des Films Antworten darauf bekommen, aber vielleicht werden sich die Zuschauer mit den Fragen auseinandersetzen wie die O‘Briens und wie Terrence Malick.

Fazit:

THE TREE OF LIFE ist ein meditatives Erlebnis, voller Schönheit und Emotion, das unvergleichbar ist. Ebenso gibt es keinen Filmemacher, der zurzeit mit Terrence Malick vergleichbar ist. Bisher hat er fünf Filme realisiert, die allesamt als großartig bezeichnet werden können. Sein neuester Film gleicht einer Hommage an das Wunder des Lebens. Der einzige Film, der diesen epischen Rahmen bisher ebenso imposant umspannen konnte, war Kubricks 2001: A SPACE ODYSSEY. Mit THE TREE OF LIFE wurde ein weiterer Meilenstein gesetzt, der vielleicht die Kraft hat, den Film an sich (und vielleicht auch den Zuschauer?) weiterzuentwickeln.

THE TREE OF LIFE
USA 2011
Regie: Terrence Malick
Drehbuch: Terrence Malick
Kamera: Emmanuel Lubezki
Schnitt: Hank Corwin, Jay Rabinowitz, Daniel Rezende, Billy Weber, Mark Yoshikawa
139 min.

10/10

Weitere Terrence Malick Reviews:

Kommentare
  1. Flo Lieb sagt:

    Das eine 10/10 unter dem Review steht, wusste ich bereits, als ich das Review im Feed-Reader sah (ähnlich war es bei HEAT).

    • indy sagt:

      Ich muss gestehen, dass ich kurz davor stand, mein Rating-System gänzlich sein zu lassen und nur noch Reviews sprechen zu lassen. Gerade bei THE TREE OF LIFE fiel es mir schwer, „Punkte“ zu vergeben. Ich habe es dann aber doch gemacht, und angesichts dessen, was dieser Film beim Zuschauer, bzw. bei mir, auslöst, kommt alles unter 10 Punkten nicht in Frage, selbst wenn man über die ein oder andere Szene grübelt und sich fragt, ob sie gut ist oder nicht. Die Kraft, die von dem Film insgesamt ausgeht, kann durch solche Kleinigkeiten nicht geschmälert werden.

  2. Flo Lieb sagt:

    So, inzwischen gesehen. Vorab: schön geschrieben. Ansonsten sehe ich den Film nicht so stark wie du (oder alle anderen Menschen, wie erwähnt, die 10/10 scheinen ja obligatorisch bei den meisten Rezensenten zu sein). Er hat für mich klar erkennbare Schwächen (der holprige Einstieg) und manche Längen (besonders in der Jenseits-Sequenz), ist aber zweifelsohne grandios gefilmt (wer könnte Lubezki bei den kommenden Oscars ernsthaft Konkurrenz machen?). Als einen „Meilenstein“ würde ich ihn trotz allem Feuilletonisten- und Blogger-Lob nicht bezeichnen. Über den Film wird man wohl in 40 Jahren nicht mehr (so) reden, wie heute noch über 2001.

    • indy sagt:

      Wie schon gesagt, hatte ich gerade bei diesem Film mit dem Gedanken gespielt, das Rating-System ganz sein zu lassen. 10 Punkte sind (wie alle anderen Punkte auch) rein subjektiv und bekommen in meinem Blog nur Filme, die mich auch noch auf einer persönlich besonderen Weise berühren. Ich lese bevor ich einen Film schaue weder Reviews noch sonstige Interviews oder Berichte, daher hatte ich keine Info außer über den Erfolg in Cannes. Was dies angeht, so lasse ich mich von der „Blogoshäre“ o. ä. nicht beeinflussen.
      Was die „klar erkennbare Schwächen“ angeht – auch das ist subjektiv. Wahrscheinlich waren das für dich klar erkennbare Schwächen, für andere aber nicht. Sind sie deswegen objektiv vorhanden? Ich hatte beispielsweise u. a. bei den CGI-Szenen der Saurier meine Bedenken, habe sie erst als „Schwächen“ angesehen und war mir noch nicht klar, ob sie mir gefallen oder nicht, aber nach dem Film habe ich realisiert, dass diese nicht ganz runden Animationen meinem Erlebnis keinen Abbruch getan haben. Ich vermute mal, jeder, der bei einem Film genau hinschaut, wird die ein oder andere Sache finden, die für ihn persönlich nicht ganz rund ist. Derjenige muss dann für sich am Ende entscheiden, ob es ihn gestört hat oder nicht. In deinem Fall reichten die Schwächen wohl aus, ihm keine „Bestnote“ zu geben. In meinem nicht.😉

      Ich weiß nicht, wie weit die Menschen (sowohl Filmemacher als auch Publikum) sind oder wie mutig, aber in der ganzen Machart halte ich THE TREE OF LIFE nach wie vor für einen wichtigen Schritt der filmischen Evolution. Vermutlich werden wenige wagen, diesen Weg weiter zu erforschen.
      Wie der Film in 40 Jahren retrospektiv wahrgenommen werden wird, müssen wir dann in 40 Jahren feststellen! 😀

  3. Flo Lieb sagt:

    Was die „klar erkennbare Schwächen“ angeht – auch das ist subjektiv.

    Ja klar, sind das subjektive und nicht allgemeine Schwächen, die ich erkannt habe und du nicht.🙂

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