MEMENTO

Veröffentlicht: 27. Juli 2011 in reviews
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Ein Mann sucht den Mörder seiner Frau. Sein Problem: bei dem Überfall hat er einen Schlag auf den Kopf bekommen und kann seitdem keine neuen Erinnerungen abspeichern. Sein Kurzzeitgedächtnis wird immer wieder gelöscht, und so muss er jedes Mal, wenn die neuesten Erlebnisse wieder verschwunden sind, von neuem lernen, dass seine Frau ermordet wurde und er den Täter jagt. Dies erreicht er durch eine peinlich genaue Konditionierung: er schreibt sich Notizen, fotografiert mit der Polraroid Kamera neue Personen oder Orte, notiert die Namen unter die Fotos. Außerdem tätowiert er seinen gesamten Körper mit Fakten, die er im Laufe seiner Recherche herausgefunden hat, und die er nicht verlieren will. Das eindringlichste Tattoo ist spiegelverkehrt gestochen: Es erinnert ihn an das brutale Ereignis in der Vergangenheit und an seine Mission.

Die Geschichte um Leonard Shelby (Guy Pearce) ist der erste große Spielfilm, der Regisseur Christopher Nolan (THE DARK KNIGHT, INCEPTION) berühmt machte. MEMENTO ist ein ungewöhnliches Filmerlebnis und treibt das Konzept des unverlässlichen Erzählers auf die Spitze. Erreicht wird das durch den Clou, dass der Film nicht in chronologischer Reihenfolge erzählt wird. Tatsächlich laufen zwei „Handlungsstränge“ parallel, der eine in Farbe und der andere in Schwarz-Weiss. Ersterer wird rückwärts erzählt, das heisst jede folgende Szene endet stets dort, wo die vorherige angefangen hatte. Der Zuschauer muss somit beim Sichten das Prinzip aus „Ich packe meinen Koffer und nehme mit…“ anwenden, um den Anschluss nicht zu verlieren. Die Schwarz-Weiss Szenen wiederum spielen in chronologischer Reihenfolge, zum größten Teil in einem anonymen Hotelzimmer, in welchem Leonard mit einem Unbekannten telefoniert und ihm Details über seinen Zustand, seine Vergangenheit und seine Art, mit seinem Zustand umzugehen, erläutert. An einem gewissen Punkt schließlich gehen die chronologischen Szenen über in die Farbszenen, und wir erkennen, dass wir das Gesehene nach vorne denken müssen. Somit ist zum Ende des Films die eigentliche Handlung ersichtlich (vielleicht nicht unbedingt nach der ersten Sichtung) und gleichzeitlich kommt auch die Erkenntnis, dass die gewählte Erzählweise genau die richtige war. In chronologischer Reihenfolge erzählt, wäre die Handlung recht unspektakulär und herkömmlich.

MEMENTO hat ein wenig mit der Logik zu kämpfen (wieso erinnert sich Leonard an seinen Zustand, wenn er seit dem Überfall keine neuen Erinnerungen aufbauen kann? Wie kann Natalie (Carrie-Anne Moss) so gut timen und abschätzen, wann bei Leonard wieder der Reset-Knopf gedrückt worden ist?), doch die eigenwillige Verschachtelung des Films, durch welche der Zuschauer gezwungen wird, gleichzeitig zum Filmgenuss Rätsel zu lösen (Leonards‘ und der Film selbst), erreicht, dass darüber weggesehen werden kann – was wiederum einen guten Film ausmacht. MEMENTO ist ein Plotfilm, jedoch ein Wie-wird-der-Plot-erzählt-Film. Leonards Zustand kann man dem Zuschauer nicht 1:1 wiedergeben, doch durch die Erzählweise kann dieses Gefühl ein wenig simuliert werden. Leonard lebt von der Zeit isoliert, er weiss nicht ein Mal mehr, wie lange der Überfall her ist. Monate, Jahre? Er ist völlig abhängig von seinen Notizen, von Fakten. Felsenfest überzeugt erzählt er dem mysteriösen Teddy (Joe Pantoliano), der sich als sein Freund ausgibt und den er jedes Mal neu kennen lernt, dass einzig Fakten über die Realität Aussagekraft haben. Alles andere ist nicht verlässlich und subjektiv: Eindrücke, Erinnerungen, Zeugenaussagen. Aber wie verlässlich sind Fakten wirklich? Leonard muss schließlich blind vertrauen, dass die Fakten, die er stets von neuem auf seinem Körper entdeckt, korrekt sind.

MEMENTO ist raffiniert, spannend und hypnotisch von der ersten Szene an, in welcher auf geniale Weise ein Polaroid-Foto zu Weiss verbleicht, anstatt sich zu entwickeln – die einzige Szene, die im wahrsten Sinne des Wortes rückwärts erzählt wird und dem Film den Impuls gibt. Zum ersten Mal gesehen habe ich MEMENTO auf dem Fantasy Filmfest in Frankfurt, ohne zu wissen, was mich erwartet. Als ich aus dem Filmsaal herauskam, war ich ein Fan von Christopher Nolan geworden, der mich seitdem mit keinem seiner Filme enttäuscht hat. Bereits sein erster Independent-Spielfilm FOLLOWING aus dem Jahre 1998 ist ein sehenswertes Werk mit raffiniertem Plot. Mit MEMENTO gelang ihm der Durchbruch. Kurz darauf bewies er mit INSOMNIA, auch große Studioproduktionen auf die Beine stellen zu können. Der Rest ist Geschichte: zurzeit kursiert der erste Teaser von THE DARK KNIGHT RISES, dem Abschluss der Batman-Trilogie.

Fazit

MEMENTO gehört zu meinen Lieblingsfilmen des vergangenen Jahrzehnts und schafft es nicht nur durch Plot und Erzählform, sondern auch durch gute Leistungen des Trios Pearce, Moss und Pantoliano zu überzeugen. Ein spannender Thriller, der den Zuschauer mitfiebern und miträtseln lässt und ein Highlight, dass in keiner Sammlung fehlen darf.

MEMENTO
USA 2000
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Christopher Nolan
Kamera: Wally Pfister
Schnitt: Dody Dorn
113 min.

10/10

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Kommentare
  1. Jep, kann ich alles unterstreichen und bekomme Lust mir den Film ein weiteres Mal anzugucken.

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