HUO YUAN JIA (FEARLESS)

Veröffentlicht: 10. August 2011 in reviews
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Selten kommt es vor, dass eine extrem unsympathische Hauptfigur eine so starke Wandlung durchläuft, dass sie im späteren Verlauf der Handlung tatsächlich wieder Sympathie weckt und das Vergangene vergessen lässt. Genau das trifft auf Huo Yuan Jia (Jet Li) zu, der im ersten Teil des gleichnamigen Films, dessen internationaler Titel FEARLESS lautet, so ziemlich alles falsch macht, was er falsch machen könnte. Der kleine Junge möchte unbedingt Wushu lernen wie sein stolzer Vater, doch dieser schließt ihn vom Training aus, da Huo Yuan Jia an Asthma leidet. Heimlich lässt er jedoch die Trainingsschriften durch seinen besten Freund kopieren und übt selbst fleissig. Nachdem er von einem anderen Jungen verprügelt wird, schwört er, fortan nie wieder einen Kampf zu verlieren. Dies soll ihm gelingen: Huo Yuan Jia wird einer der berühmtesten Kämpfer in Tianjin und legt eine noch nie da gewesene Siegesserie hin. Er erreicht das, was sein Vater nie erreicht hatte. In einem damaligen Duell gegen dessen größten Widersacher hatte sein Vater den letzten Todesstoß nämlich nur angedeutet, um nicht ernsthaft zu verletzen oder gar zu töten. Sein Gegner jedoch nutzte die Chance und konterte. Diese scheinbare Schmach hat der Sohn mittlerweile wieder gut gemacht. Zahlreiche neue Schüler wollen von ihm unterrichtet werden. Huo Yuan Jia ist stolz und verschwenderisch, er verprasst die Familienersparnisse im Restaurant seines Freundes Jinsun (Yong Dong), vernachlässigt seine Tochter und legt sich mit dem einzigen Meister an, gegen den er sich in Tianjin noch beweisen will. Doch die Auseinandersetzung artet zur Katastrophe aus, Huo Yuan Jia verlässt Tianjin und wird irgendwann in einem abgelegenen Dorf aufgefunden und von den Bewohnern, besonders von der blinden Moon (Betty Sun), gesund gepflegt. Der Aufenthalt im Dorf ist eine krasse Zäsur und ein Wendepunkt in seinem Leben. Er beginnt, sein Dasein zu überdenken und für seine Fehler zu büßen.

FEARLESS ist nicht nur ein guter Martial Arts Film mit einem 43-jährigen Jet Li (ONCE UPON A TIME IN CHINA, HERO) in Topform und herausragenden Kampfszenen, sondern gleichzeitig ein erstaunlich gutes Drama. Der 141-minütige Director‘s Cut, der für diese Review gesichtet wurde, ist ein gut ausbalanciertes Gesamtwerk, das vor allem auch im ruhigen Teil, dem Dorfaufenthalt, wo bis auf eine Ausnahme komplett auf Kampfszenen verzichtet wird, sehr gut funktioniert und den Zuschauer auch durch die Handlung fesselt. Dies ist bei einem üblichen Eastern, indem Kämpfe nunmal das Hauptgewicht bilden und der Rest meist vernachlässigt wird, sehr untypisch. Ich kann nicht für die gut 40 Minuten kürzere Normalfassung sprechen. Vielleicht wird in dieser die Ruhe größtenteils rausgenommen und dadurch FEARLESS wieder zum Standard Kung Fu Film. So aber bietet Regisseur Ronny Yu einen packenden, dramatischen und spektakulären Film über die Läuterung eines Mannes und dessen großer Idee. Zum Ende des Films hin versteht Huo Yuan Jia dann auch endlich, warum sein Vater damals den finalen Schlag nicht angewandt hatte und dadurch zum eigentlichen Sieger wurde.

Huo Yuan Jia ist eine reale Figur der chinesischen Kampfkunstgeschichte und gehörte 1910 in Shanghai dem Gründungskomitee der Chin Woo Athletic Association an. Mit dieser Kampfkunst Schule wurden einige chinesische Kung Fu Stile vereint und damit auch der Weg zum sportlichen Wushu geebnet. Um sein Leben ranken sich Mythen und Legenden, ähnlich wie im Falle Ip Mans (siehe Reviews zu IP MAN und IP MAN 2). Von Huo Yuan Jia jedenfalls ist bekannt, dass er ein berühmter Seriensieger war und vor allem Ruhm erlangte, als er zwischen 1909 und 1910 gegen den britischen Boxer O‘Brien einen siegreichen Kampf gehabt haben soll.

So sind also die Parallelen zwischen FEARLESS und IP MAN nicht zu verkennen. In beiden Filmen geht es um reale Persönlichkeiten, nationale Helden und späte Pioniere der chinesischen Kampfkunst. Beide kämpfen zum Ende der Handlung gegen Vertreter der ausländischen Mächte, die dem chinesischen Volk schon lange zu schaffen machten. In FEARLESS sind das Belgier, Spanier und Engländer, in IP MAN die Japaner und später die Briten. Beide werden zu Helden des Widerstands stilisiert, zu Ikonen, die das Volk nach außen hin einen. Beide schweben in einer Welt, die aus realen Geschehnissen und Legenden gewebt wurde – und beide eignen sich daher hervorragend für feinstes Martial Arts Kino. Obwohl ich ein Fan von Donnie Yen bin und auch der Wing Chun Kampfstil aus IP MAN mir mehr zusagt, musste ich überraschenderweise feststellen, dass FEARLESS der bessere Film ist und Jet Li, der mit diesem Film seinen angeblich letzten Martial Arts Film gedreht hat, mich ebenso begeistern konnte. Ein großer Pluspunkt von FEARLESS im Vergleich zu den Ip Man-Filmen ist die Darstellung der ausländischen Gegner Huo Yuan Jias. Diese werden nicht als überzeichnete, durchgedrehte, Chinesen-hassende Monster dargestellt, sondern besonders im Falle Tanakas (Shidô Nakamura), als ehrenhafte Gegner mit Kämpferethos.

Die Kampfszenen sind wie erwähnt spektakulär und akrobatisch und von keinem geringeren als Yuen Woo-ping (u. a. THE MATRIX, KILL BILL) choreografiert. Doch FEARLESS geht darüber hinaus und ist insgesamt ein guter Film, der auch für Nicht-Eastern-Fans sicherlich spannende Unterhaltung darstellt. Jet Li überzeugt nicht nur beim Kämpfen, sondern spielt auch seine Rolle und die mit ihr einhergehende Verwandlung sehr einfühlsam. Selbst in den ruhigen und dramatischen Szenen glänzt er mit guten Leistungen. Zum Abschluss noch ein paar Nerd-Facts: zu Huo Yuan Jia gibt es zahlreiche filmische Referenzen. So gibt es den fiktiven Schüler Chen Zhen, der in JING WU MEN (FIST OF FURY, in Deutschland „Todesgrüße aus Shanghai“) gespielt von Bruce Lee den Tod seines Meisters Huo Yuan Jia rächen will. Das Remake von FIST OF FURY heisst JING WU YING XIONG oder auch FIST OF LEGEND, in welchem Chen Zhen von Jet Li gespielt wird. Er hat somit sowohl den Meister als auch den Schüler gemimt.

Fazit

FEARLESS ist hervorragende Martial Arts Action und gleichzeitig ein großartiges Drama rund um die legendäre Figur des Huo Yuan Jia. Ein fantastischer Jet Li zeigt ein weiteres und scheinbar letztes Mal, warum er eine feste Größe im Eastern Pantheon ist und immer bleiben wird.

HUO YUAN JIA  [霍元甲] (FEARLESS)
CHI, HK, USA 2006
Regie: Ronny Yu
Drehbuch: Chris Chow, Christine To
Kamera: Poon Hang-Sang
Schnitt: Virginia Katz, Richard Learoyd
141 min. (Director‘s Cut)

9/10

Kommentare
  1. Flo Lieb sagt:

    Wollte eigentlich schon sagen, dass ich den nicht so prall fand, aber mein Blog-Archiv straft mich Lügen. Hervorragend choreographiert – so das Resümee, wobei mich wohl damals speziell das humoristische erste Drittel und die etwas dem Genremustern folgenden übrigen Akte „störten“ – allerdings hatte ich die Kinofassung gesehen. 2 Punkte also (damals) weniger von mir.

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