DALKOMHAN INSAENG (A BITTERSWEET LIFE)

Veröffentlicht: 21. August 2011 in reviews
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Sun-woo arbeitet in einem Hotel, allerdings für Verbrecherboss Baek. Für diesen erledigt er seit sieben Jahren die Drecksarbeit, ohne zu murren, ohne zu hinterfragen. Knallhart und emotionslos. Er wohnt in einer sterilen Designerwohnung, trägt die feinsten Anzüge und hat scheinbar bis auf seine Arbeit kein Privatleben oder andere Interessen. Sein so klar strukturiertes Cleaner-Leben gerät aus der Bahn, als er von Boss Baek den Auftrag erhält, dessen junge Freundin drei Tage lang zu begleiten und zu beobachten, um herauszufinden, ob sie einen Liebhaber hat. Sollte sich der Verdacht bestätigen, ist die Anweisung nicht zu missverstehen: beide sollen dann beseitigt werden. Sun-woo lernt also Hee-soo (Shin Min-a) kennen, und es kommt, wie es kommen muss, oder wie wir zumindest erwarten würden…

Das raffinierte an A BITTERSWEET LIFE ist die Tatsache, dass die scheinbar bekannte und vorhersehbare Story um den Angestellten, der Gefühle zur Frau des Chefs entwickelt und sich dadurch nur in Probleme bringt, nur als Aufhänger für die sich anbahnende knallharte Rachestory dient. Tatsächlich ist dieser, wenn man so will, erste Akt schnell vorüber. Sun-woo findet heraus, dass der Verdacht des Chefs tatsächlich der Wahrheit entspricht. Da er aber Gefühle für Hee-soo entwickelt hat, bringt er es nicht übers Herz, sie und ihren Liebhaber zu töten. Stattdessen lässt er beide laufen und will die Sache vergessen. Natürlich gelingt das nicht. Baek (Hwang Jeong-min) kommt dahinter, und damit sind die sieben Jahre treue Tätigkeit für ihn verpufft. Sun-woo ist auf der schwarzen Liste, und da er sich weigert, sich zu entschuldigen oder zu erklären, gibt es für ihn keine Gnade. Doch Baek hat die Rechnung sicher nicht mit dem abgestumpften Sturkopf Sun-woo gemacht. Was wie eine mögliche verwickelte Dreiecksgeschichte beginnt, wird zum Genrefilm, der in Korea mittlerweile Schule gemacht hat: die Rache.

So bietet A BITTERSWEET LIFE nicht wirklich viel Neues und kommt auch nicht an etwa Park Chan-wooks Rachetrilogie heran. Gleichzeitig jedoch macht Kim Jee-woons (A TALE OF TWO SISTERS, THE GOOD, THE BAD, THE WEIRD) Film eine ganz eigene Faszination aus und scheint die Mentalität einer Gesellschaft anzudeuten. Der Verlust von Stolz und Ehre wird höher gewertet als alle anderen Schmerzen und Einbußen, die man auf sich nehmen kann. Während Sun-woo sich durch eine Erklärung oder Entschuldigung, also einfach durch Nachgeben, sein Leben ungemein hätte erleichtern können, hält er seine Linie bis zur letzten Konsequenz. Das Gleiche spielt sich ab bei Boss Baek. Dieser hat mit Sun-woo offensichtlich einen treuen Diener, aber dennoch lassen seine Ehre und sein Stolz es einfach nicht zu, über die Sache mit seiner Freundin hinwegsehen zu können. Stattdessen gibt es für ihn keine Alternative, als Sun-woo zu liquidieren und sich damit selbst in Schwierigkeiten zu bringen. Immerhin warnt er ihn gleich zu Beginn des Films: Jahre harter Arbeit können durch einen einzigen Fehler sofort zunichte gemacht werden.

Dieses Motiv der Sturköpfe mit Tunnelblick macht A BITTERSWEET LIFE zu einem faszinierenden Film, der auch in zahlreichen Szenen durch originelle Inszenierung zu überzeugen weiß. Hauptdarsteller Lee Byung-hun (JSA, I SAW THE DEVIL) hat sowohl in den Actionszenen physische Präsenz und überzeugt auch in den zahlreichen Momenten, in denen er scheinbar orientierungslos in seinem Auto durch die Nächte Seouls geistert. Es ist dieser eine Moment, in welchem er Hee-so beim Cello-Spiel beobachtet und sichtlich berührt ist, der ihn für den Rest des Films verfolgt, selbst als Hee-so schon längst außer Reichweite zu sein scheint. Dieser Moment hat in ihm etwas geweckt, was in seinem bisherigen Roboterleben unbekannt war. Wahrscheinlich kam das aber zu spät.

Fazit

A BITTERSWEET LIFE ist brutales Rachekino auf solidem Niveau, ohne zum stupiden Slasher zu verkommen. Durchaus gelungener Film mit größtenteils ansprechenden Einstellungen und furiosen Action-Momenten. Der Film passt in den ganzen Rache-Kanon des Korea-Kinos, ist stark und visuell packend inszeniert, ohne allerdings wirklich Neues beizutragen. Wer aber eine ordentliche Portion Blut vertragen kann, dem sei A BITTERSWEET LIFE dennoch zu empfehlen.

DALKOMHAN INSAENG [달콤한 인생] (A BITTERSWEET LIFE)
KOR 2005
Regie: Kim Jee-woon
Dehbuch: Kim Jee-woon
Kamera: Kim Ji-yong
Schnitt: Choi Jae-geun
120 min.

8/10

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Kommentare
  1. chris sagt:

    volle zustimmung, ein storytechnisch solider – inszenatorisch aber furioser actionknaller der so manchen hollywood-blockbuster heulend in der ecke stehen lässt.
    auf ähnlichem niveau bewegt sich übrigens „the man from nowhere“ (vor kurzem in deutschlanf auf bd erschienen)

    ein koreanischer film OHNE rachethema (sei es auch nur im subtext) ist wirklich schwer zu finden😉

    • indy sagt:

      ja, THE MAN FROM NOWHERE habe ich mir vor kurzem auf UK-import dvd angesehen. hat mir auch gut gefallen, wenn ich ihn auch etwas schwächer fand als A BITTERSWEET LIFE. eigentlich hatte ich vor, eine review zu veröffentlichen, aber die zeit ist knapp und je länger die sichtung in die vergangenheit rückt, desto schwieriger wirds, über den film zu schreiben…vielleicht schaff ichs ja noch.😉

      hm, ist vielleicht eine interessante aufgabe, filme ohne rache-thema zusammenzustellen. vielleicht der ein oder andere film von kim ki-duk…

  2. chris sagt:

    …und selbst beim guten alten Kim gibts öfters mal Blutwurst zum Abendbrot😉

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