YING XIONG (HERO)

Veröffentlicht: 10. September 2011 in reviews
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Ein namenloser Kämpfer erhält eine Audienz vor dem König Qin, da er drei berühmte Assassinen aus dem Reich Zhou getötet hat, die nach dem Leben des Königs getrachtet hatten. Für jeden getöteten Attentäter darf er sich dem König in dessen weiter Halle einige Schritte weiter nähern und sich mit ihm unterhalten. Dabei soll er ihm erzählen, wie es ihm gelang, die drei zu besiegen. Ganz im Stile Kurosawas RASHÔMON berichtet der Namenlose nun von den Begegnungen mit „Weiter Himmel“ (Donnie Yen), „Zerbrochenes Schwert“ (Tony Leung) und „Fliegender Schnee“ (Maggie Cheung). Schon bald wird ersichtlich, dass die Geschichten nicht ganz den Tatsachen entsprechen, und König Qin (Chen Dao Ming) ahnt, dass sich mit dem Namenlosen ein weiterer Assassine in seinen Thronsaal Einlass verschafft haben könnte…

Wie in Kurosawas Klassiker aus dem Jahre 1950 können wir uns als Zuschauer nicht auf die Nacherzählungen verlassen, und Regisseur Zhang Yimou veranschaulicht das auf wundervolle Weise durch wechselnde Farbcodes. So werden gleiche Szenen nacheinander unterschiedlich eingefärbt, so dass z. B. eine eben noch komplett blau gehaltene Passage kurz darauf mit anderen inhaltlichen Ereignissen ganz in grün erscheint. Dieses Stilmittel passt nahtlos in das visuelle Konzept von HERO. Farben sind sehr wichtig und allgegenwärtig in Zhangs Film, das wie ein ausschweifendes Gemälde voller Ästhetik anmutet.

Ich bin eigentlich kein allzu großer Fan des traditionellen Wuxia-Genres. Weniger der Märchenaspekt, sondern mehr der starke Einsatz von Wire-Work ist etwas, das ich mir nicht immer ansehen kann. Besonders im Martial Arts Bereich bin ich eher ein Freund von Bodenständigkeit und einer Tendenz zum Realismus, wenn man in diesem Genre überhaupt davon sprechen kann. Wuxia Filme weisen stets bestimmte Komponenten neben den genannten Seilen, an denen die Kämpfer hängen, auf. Die Protagonisten sind meist Helden, Kämpfer, Soldaten der Gerechtigkeit, die über übermenschliche Kräfte und Fähigkeiten verfügen. Die Ereignisse geschehen in der mythischen Vergangenheit Chinas und blenden ins Fantastische über. Bekannte Beispiele für Wuxia Filme neben HERO sind u. a. Ang Lees CROUCHING TIGER, HIDDEN DRAGON sowie Zhang Yimous weitere Filme HOUSE OF FLYING DAGGERS und CURSE OF THE GOLDEN FLOWER.

Wenn Wuxia nun auch nicht unbedingt mein Genre ist, so gebe ich gleichzeitig zu, dass gut gemachte Filme dieser Kategorie auf mich eine gewisse Faszination ausüben können, wenn ich in der richtigen Stimmung bin. Auch HERO ist in dieser Hinsicht ein wunderschöner Film, der auch in seinem kolossalen Ausmaß, zum Beispiel im Einsatz von Komparsen, beeindruckend ist. Ausstattung und Kameraarbeit (Christopher Doyle) sind hochwertig, der Handlungsablauf ist spannend und dramatisch, manchmal etwas überdramatisch, aber kaum kitschig. Schließlich brilliert HERO auch durch seine geballte Star-Power. Neben Hauptdarsteller Jet Li (FEARLESS) sorgen auch die Superstars Tony Leung (INFERNAL AFFAIRS), Maggie Cheung (POLICE STORY) und Zhang Ziyi (CROUCHING TIGER, HIDDEN DRAGON) für ein hochklassiges Ensemble. Außerdem hat Donnie Yen einen Kurzauftritt als „Weiter Himmel“ und duelliert sich mit Jet Li. Ich dachte bisher immer, Actionstar Donnie Yen (IP MAN, IRON MONKEY), der für mich zurzeit beste Martial Arts Darsteller, zum ersten Mal in FLASH POINT gesehen und wahrgenommen zu haben. Tatsächlich hatte ich ihn jedoch schon im Kino in HERO gesehen, aber zu dem Zeitpunkt noch nicht namentlich gekannt. Chen Dao Ming spielt den König Qin und war unter anderem in INFERNAL AFFAIRS III als Konkurrent Andy Laus zu sehen.
Neben den Darstellern und der Optik ist auch die Choreographie in HERO sehr schön. Märchenhaft wird vor allem der Kampf zwischen Jet Li und Tony Leung auf einem reglosen, spiegelglatten See, der dem Zuschauer schlicht die Sprache verschlägt.

Fazit

Wer mit dem ganzen Genre überhaupt nichts anfangen kann, wird sich wahrscheinlich nicht für HERO begeistern lassen. Ich kann jedoch als nur bedingt an Wuxia Interessierter versprechen, dass HERO dennoch ein Erlebnis und eine absolute Empfehlung ist. Regisseur Zhang zeigt hier ein überaus gelungenes chinesisches Märchen in opulenter Aufmachung.

YING XIONG [英雄] (HERO)
HK, CHI 2002
Regie: Zhang Yimou
Drehbuch: Li Feng, Wang Bin, Zhang Yimou
Kamera: Christopher Doyle
Schnitt: Angie Lam, Vincent Lee, Zhai Ru
107 min (Director‘s Cut)

8/10

Kommentare
  1. chris sagt:

    sehr schön, dass du diesen tollen film nicht auf angebliche politische tendenzen reduzierst, wie das (ärgerlicherweise) in einigen oberflächlichen kritiken passiert ist. tatsächlich ist hero sehr stark von kurosawas rashomon beinflusst – besonders diese erzähstruktur hat zusammen mit der optischen „farbordnung“ der szenen einen sehr nachhaltigen eindruck bei mir hinterlassen.

    toll dass du auch gerade asia-wochen hast, geht mir gerade ähnlich – ich schaue gerade die filmografie von lee chang-dong, im kwon-taek und einige takeshi kitano- und akira kurosawa-filme die mir noch gefehlt haben🙂

    • indy sagt:

      freut mich, dass dir die review gefällt! ich schaue in letzter zeit echt viele asiatische filme, auch wenn zwischendurch mal wieder ein englisch-sprachiger angesagt ist!😉

      muss mich endlich mal aufraffen, auch ein paar von kurosawas meisterwerken zu besprechen. übrigens, wenn dir kurosawa gefällt, dann wird dir vielleicht auch masaki kobayashi gefallen. der hat unter anderem zwei großartige samurai filme gemacht: SEPPUKU (1962) und SAMURAI REBELLION (1967). beides eher anti-samurai filme, die mich schwer beeindruckt hatten. besonders SEPPUKU zählt zu meinen favoriten des genres.

      • chris sagt:

        Alleine beim Titel SEPPUKU bekomme ich Gänsehaut, Kabayasi ist einer der ganz Großen, da hast du vollkommen recht! SAMURAI REBELLION habe ich hier liegen aber noch nicht angeschaut, aber nach deiner Empfehlung freue ich mich noch mehr darauf🙂

        Ein Tipp von mir: SWORD OF DOOM von Kihachi Okamoto, gibts sogar in Deutschland von REM auf DVD.

  2. chris sagt:

    …nochwas:
    Twilight Samurai, Hidden Sword und Love&Honour eine großartige (lose) Chanbara-Trilogie (keine klassichen Samuraifilme, vielmehr eine philosophische Auseinandersetzung mit der Industrialisierung Japans und dem Verschwinden der Traditionen, sehr subtil)

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