Wenn man sich anschickt, einen Film von Takashi Miike zu schauen, dann kann man nie wirklich wissen, was kommt. Man muss mit allem rechnen und sich gleichzeitig freuen und fürchten. Miike produziert Filme wie am Fließband, viele direkt für den Videomarkt. Zahlreiche Titel könnte man getrost als Experimentalfilme einstufen, in denen mit einfachsten Mitteln etwas ausprobiert wurde. Dann wiederum tauchen Titel auf wie etwa ÔDISHON, die inhaltlich, visuell und auch angesichts ihres „Production Values“ mit konkurrierenden Filmen im Kino locker Schritt halten. Miike experimentiert nicht nur mit filmischen und technischen Mitteln, sondern auch mit den Themen, die er behandelt. Unterschiedlicher können Filme wie THE BIRD PEOPLE IN CHINA, ANDOROMEDIA, BLUES HARP, ICHI THE KILLER, ÔDISHON kaum sein. Dabei bereitet es ihm offenbar ein großes Vergnügen, seine Zuschauer mit manchen Filmen zu schocken und anzuwidern, sie dann aber mit anderen Werken wieder schwer zu beeindrucken. Mit 13 ASSASSINS macht Miike nun einen Ausflug in die Zeit der Samurai, und wie bei seinen anderen Filmen war ich gespannt, was für eine Art Film mich wohl erwarten würde – alles war möglich.

Um es vorweg zu nehmen: 13 ASSASSINS ist ein Top-Titel, der für mich zusammen mit ÔDISHON, THE BIRD PEOPLE IN CHINA sowie der Black-Society Trilogie bisher zu seinen besten zählt. 13 ASSASSINS ist kein Low-Budget-Experiment, sondern das Zusammenwirken von einem starken Darsteller-Ensemble, aufwändiger Kostüm- und Ausstattungsarbeit, durchdachter und ansprechender Bildkomposition und dem routinierten Timing eines Regisseurs mit einem klaren Plan. 13 ASSASSINS ist auch ein Remake des gleichnamigen Films von Eiichi Kudo aus dem Jahre 1963. Zu meinem Bedauern war es mir bisher nicht möglich, das Original zu sehen.

Wir finden uns Mitte des 19. Jahrhunderts in Japan wieder, und die Zeit der Samurai neigt sich langsam ihrem Ende zu. Unter den zahlreichen Fürsten ist auch Matsudaira Naritsugu (Gorô Inagaki), der mit seiner sadistischen und brutalen, ja willkürlichen Natur, Schrecken unter allen verbreitet, die unter ihm stehen. Er mordet und vergewaltigt nach Belieben, und das nur aus simpler Unterhaltung und schlichter Langeweile. Da er der Sohn des früheren Shoguns ist, steht er über dem Gesetz. Der Samurai-Kodex verbietet der Kriegerkaste, etwas gegen ihren Fürsten zu unternehmen, und so müssen seine Männer die Machenschaften Naritsugus hinnehmen. Als nun bekannt wird, dass Naritsugu in den Ältestenrat berufen werden soll, entscheidet sich Doi Toshitsura (Mikijiro Hira), einer der höheren Beamten, seinen vertrauten Freund und älteren Samurai, Shinzaemon Shimada (Kôji Yakusho), mit der Ermordung des Fürsten zu beauftragen. Dieser stellt daraufhin eine bald dreizehnköpfige Truppe zusammen, und beschließt, Naritsugu am besten unterwegs auf seiner Heimreise aus Edo (das frühere Tokyo) abzufangen und ihm und seiner Armee in einem Dorf aufzulauern…

13 ASSASSINS ist ein Actionfilm, der mit der Action besonders in der finalen Auseinandersetzung alles andere als geizt. Wenn 13 Attentäter einer 200-köpfigen Armee gegenüberstehen, dann werden Erinnerungen an Zack Snyders 300 wach. 13 ASSASSINS erinnert aber ebenso an den Kurosawa Klassiker SEVEN SAMURAI, da auch hier das Thema der Befestigung eines Dorfes gegen eine Überzahl von anstürmenden Gegnern hervortritt. Die Action-Choreografie ist vom Feinsten und lässt, kombiniert mit raffinierter Montage und gut abgemischten Ton, dem Zuschauer den Eindruck des Blutrausches gut nachempfinden. Miike überrascht in dieser finalen Szene mit einigen originellen Einstellungen und Gegeneinstellungen, die es schaffen, trotz der Länge und thematischen Redundanz, die Spannung auf einem hohen Level zu halten. Doch 13 ASSASSINS wäre kein guter Actionfilm, wenn es ausschließlich Action zu bewundern gäbe. Auch wenn die Geschichte geradlinig ist und keine Anstalten macht, besonderen Subtext oder Metaphern einzubinden, so gelingt es Miike dennoch, mit dem Aufbau des Films einerseits die Erwartungshaltung zu erhöhen und gleichzeitig die Positionen klar zu machen. Kein Zuschauer kann nach den ersten Minuten ernsthaft daran zweifeln, dass die Mission der Attentäter auch nur ansatzweise moralisch verwerflich sei. Naritsugu ist ein Monster, das in einer Gesellschaftsform, in welcher nicht einfach ein Misstrauensvotum oder eine Amtsenthebung geschehen kann, schlicht eliminiert werden muss, um weiteres Leiden zu verhindern. Die Handlung ist also simpel: 13 Männer wollen einen wahnsinnigen Herrscher töten, und dabei haben sie es mit einer Übermacht zu tun. Was Takashi Miike daraus macht, ist ein Spektakel, welches zwar im Finale an die Grenze der Plausibilität stößt (man denke an die zahlreichen zuschnappenden Tore), aber letztlich eine Sache bietet: Spannung, Action und Atmosphäre auf hohem Niveau, ohne langweilige Hänger, ohne stupide Einzeiler und unnötigen Pathos und mit für meinen Geschmack überaus ansprechender Kamera- und Schnittarbeit. Wer nicht den Film startet und vorab ein Werk im Stile SEVEN SAMURAI erwartet, das vor allem auch als Gesellschaftsbild und Gegenüberstellung der Samurai und der Bauern brillierte, dem wird auch 13 ASSASSINS gefallen. Wer sich etwas anderes erhofft, sollte vielleicht lieber zu den Filmen von Yôji Yamada greifen.

Fazit

Grandioses Action-Kino aus Japan von enfant terrible Takashi Miike. In wunderschönen Bildern eingefangen, blutrünstig, laut und hochspannend. Für jeden Fan des Samurai-Films ein Muss und vielleicht auch gut für Personen, die bisher eher von Miike abgeschreckt wurden nach der Sichtung seiner anderen Titel. Mitunter mein Miike-Favorit.

JÛSAN-NIN NO SHIKAKU [十三人の刺客] (13 ASSASSINS)
JAP 2010
Regie: Takashi Miike
Drehbuch: Daiskue Tengan
Kamera: Nobuyasu Kita
Schnitt: Kenji Yamashita
125 min.

9/10

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