KÔKAKU KIDÔTAI (GHOST IN THE SHELL)

Veröffentlicht: 11. Oktober 2011 in anime, flashback reviews
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Wir schreiben das Jahr 2029. Die Welt ist vernetzt. Informationen verbreiten sich in Lichtgeschwindigkeit durch die Leitungen. Die Verschmelzung von Mensch und Maschine hat eine neue Stufe erreicht. Implantate verbessern einzelne biologische Funktionen, sogar vollständige Cyborgs sind im Alltag keine Seltenheit mehr. Doch auch Kriminalität geschieht auf einem neuen Level. Ein mysteriöser Hacker, genannt der „Puppet Master“, terrorisiert die Gesellschaft, indem er sich in die „Geister“ von verschiedenen Individuen einklinkt und diese für seine Absichten missbraucht. Die Spezialeinheit „Sektion 9“ arbeitet auf Hochtouren, um den Puppet Master ausfindig zu machen. Die leitende Feldagentin ist Major Motoko Kusanagi, selbst ein Cyborg. In ihrer Freizeit grübelt sie über ihre Existenz, und besonders der Puppet Master Fall intensiviert ihre philosophischen Gedanken. Während bei den Ermittlungen mehr und mehr zutage gefördert wird, dass es sich um eine größere Angelegenheit zu handeln scheint, die bis ins Außenministerium reicht, sorgen sich Kusanagis Teammitglieder, vor allem Batou, um ihren Geisteszustand. Was hat es mit dem Puppet Master auf sich, und was will er von Kusanagi?

GHOST IN THE SHELL geht auf die Mangareihe aus der Feder von Masamune Shirow (auch bekannt für „Appleseed“) zurück und wurde unter der Regie von Mamoru Oshii (AVALON) zu einem Anime, welcher zurecht als wegweisend und bahnbrechend für das Science-Fiction Genre angesehen werden kann. Mit prophetischem Blick werden Themen wie das allumfassende Internet, Echtzeit-Kommunikation, individuelle Isolation und virtuelle Realität zu einem atmosphärisch dichten und visuell inspirierenden Gesamtwerk gewoben. Der Plot ist gut durchdacht, komplex und spannend. Zudem gelingt es Oshii mit dem richtigen Gespür, dem Zuschauer das Thema auf einer fast subtilen Ebene nahezubringen. GHOST IN THE SHELL ist zwar auf der einen Seite harte SF mit einigen Action-Momenten, futuristischer Technologie und Waffen, doch begeistert der Film in erster Linie in seinen überwiegend langsamen, beinahe stehenden Momenten und Einstellungen, die einen Einblick in eine zukünftige Gesellschaft und die Gedankenwelt ihrer Individuen bieten. Unterlegt sind diese fast meditativen Augenblicke von den hypnotischen Klängen Kenji Kawais, dessen Hauptthema zur Hymne des Films geworden ist, die bereits im Intro, bei welchem wir die Entstehung eines Cyborgs mitverfolgen, die richtige Stimmung zu den Bildern liefert. Eine Frage drängt sich den Figuren im Film immer wieder auf: Was zeichnet mich als Individuum aus? Ab wann bin ich eine Lebensform? Reicht es schon, dass ich in der Lage bin, diese Frage zu stellen? Diese Fragen stellt sich nicht nur Musagi, wenn sie dem Flüstern ihres Geistes lauscht.

Für mich ist GHOST IN THE SHELL nach wie vor mein Lieblings-Anime. Das mag verschiedene Gründe haben. Oft tendiert man dazu, seine Favoriten in der Kindheit und Jugend zu suchen, meist wird man in dieser Zeit auch am stärksten beeindruckt. GHOST IN THE SHELL war einer der ersten Animes, die bei mir bleibenden Eindruck hinterlassen und mich seitdem nicht mehr losgelassen haben. Vom Ablauf der Handlung über die Wahl der Einstellungen und dem Zusammenspiel mit der Musik – GHOST IN THE SHELL stimmt von der ersten bis zur letzten Sekunde und hat nicht einen einzigen Moment der Schwäche. Besonders angetan haben es mir die zahlreichen Einstellungen, die die Megastadt (der Film spielt in einem futuristischen Hongkong) zeigen. Oshii schafft es, eine perfekte Balance zwischen typischem High-Tech SF-Hochglanz und bodenständigem, alten, schmutzigen Ambiente zu halten. Die Kulisse wirkt cool, weil sie nicht cool inszeniert wird, sondern im Strom der Geschichte fließt. Sie ist eben Kulisse, ein Teil der Geschichte, und nicht reiner Fetisch. Im Gegensatz zu unzählichen Anime-Titeln zeigt Oshii seine Megastadt nicht nur spiegelglatt, sondern auch in abgenutztem Zustand. Die Metropole altert und lebt wie die Bewohner. Damit erreicht Oshii den stimmungsvollen Effekt, mit welchem schon Ridley Scott in BLADE RUNNER Maßstäbe setzte. Besonders die Szenen in der Altstadt, etwa die Jagd auf dem Markt, oder der Blick durch die alten Häuserschluchten gen Himmel auf das gigantische vorbeiziehende Passagierflugzeug, rufen bei mir regelmäßig Gänsehaut hervor. Immer wieder ruht der Film in diesen Seitenblicken und regt den Zuschauer an. Würde es sich um einen Realfilm handelt, würde man ihm ein perfektes Location-Scouting attestieren. Je weiter sich GHOST IN THE SHELL dem Finale nähert, desto mehr wird einem bewusst, dass uns kein herkömmlicher Showdown erwarten wird, sondern dass versucht wird, mit den Figuren diese elementaren Fragen anzugehen. Im Gegenteil, der letzte Akt des Films ist geradezu eine Anti-Klimax, der letzte Clou und damit das i-Tüpfelchen auf dem Gesamtwerk, welches dadurch in meinen Augen auch AKIRA übertrifft. GHOST IN THE SHELL thematisiert auf sehr stilvolle Weise die Entwicklung der Menschheit, die Evolution des Lebens. Den Einfluss von Oshiis Werk kann man gar nicht hoch genug einschätzen. So beeindruckt zeigten sich die Wachowski Brüder, dass sie sich entschieden, „we wanna do that for real“ – heraus kam 1999 ein Werk namens THE MATRIX.

Dem Film folgte die Serie GHOST IN THE SHELL: STAND ALONE COMPLEX sowie 2004 die Fortsetzung INNOCENCE. Im Jahre 2008 wurde der Film im Zuge der Veröffentlichung von Mamoru Oshiis THE SKY CRAWLERS neu überarbeitet und als GHOST IN THE SHELL 2.0 re-released. Auf Blu-Ray ist diese neue Fassung inkl. der Originalfassung (als Bonus) enthalten. Nach einigen Jahren habe ich den Film nun erneut gesichtet, erst in der Originalfassung und anschließend in der neuen Version. Ich betrachte die Neufassung mit gemischten Gefühlen. Einerseits wurden die Bilder generell überarbeitet, koloriert, restauriert. Der Unterschied zum Original ist immens. Einige Passagen wurden anders gefärbt, so dass der Film insgesamt von dem ursprünglich eher kühlen Blau in ein wärmeres Gelb/Orange getaucht wurde.

Dies ist meiner Ansicht nach eine massive Veränderung des Gesamteindrucks, mit der ich allerdings noch leben kann, obwohl GHOST IN THE SHELL für mich immer ein „blauer“ Film bleiben wird. Kritischer finde ich die vereinzelten Szenen, die neu in CGI animiert wurden. Der Look ist in diesen Momenten ein ganz anderer, und die Übergänge zu den „traditionellen“ Bildern sind gewöhnungsbedürftig und meiner Meinung nach völlig fehl am Platz. Die einzigen Passagen, in denen ich neue CGI Animationen begrüße, sind Aufnahmen der virtuellen Anzeigen, etwa der Stadt und der Straßen. Auch bei einzelnen Gebäuden und Helikoptern ist der Effekt in Ordnung. Major Kusanagi jedoch erst in neuen, völlig ungewohnten drei Dimensionen zu betrachten und dann unmittelbar nach einem Folgeschnitt wieder in gewohnter Weise zu sehen, schadet dem Film nur. Den größten Einschlag allerdings macht der neu überarbeitete Ton. Liegt in der Orginalfassung lediglich eine Stereospur vor, so wurde für 2.0 die Tonspur komplett neu abgemischt und auch neu eingespielt, mit teilweise anderen Sprechern. Das Ergebnis ist ein bombastischer Dolby TrueHD 6.1 Sound, der das Original weit in den Schatten stellt. Da mich die CGI Momente zu sehr stören, bleibt dennoch die Urfassung mein Favorit, auch wenn ich gestehe, dass GHOST IN THE SHELL 2.0 bis auf genannte Abstriche eine überaus gelungene Überarbeitung ist.
Für Fans des Films oder des Genres kann ich daher die Blu-Ray Doppelbox nur empfehlen, die auch die Fortsetzung INNOCENCE enthält. Auch wenn die Extras etwas mager ausfallen, dieser moderne Klassiker gehört in jedes Regal!

Fazit

Selbst nach unzähligen Sichtungen des Films lässt der Effekt nicht nach. Im Gegenteil, gerade nach der letzten Sichtung kurz vor dieser Rezension hatte ich den Eindruck, dass ich als Zuschauer im Laufe der Zeit gereift bin und dem Film immer weitere Facetten entnehme, die mir damals vielleicht noch verborgen geblieben waren. Mamoru Oshii schuf mit GHOST IN THE SHELL einen der besten Anime-Titel und ein Meilenstein der Science-Fiction. Ein ausgesprochen erwachsener Film, der in allen Belangen glänzt. Pflichtfilm für alle Anime-Interessierten!

KÔKAKU KIDÔTAI [攻殻機動隊] (GHOST IN THE SHELL)
JAP 1995
Regie: Mamoru Oshii
Drehbuch: Kazunori Itô
Schnitt: Shûichi Kakesu
83 min.

10/10

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Kommentare
  1. Flo Lieb sagt:

    Langsam krieg ich das Gefühl, du bist ein großer Fan des asiatischen Kinos, weiß auch nicht wieso😀

    Zum Film: Unterschrieb ich inkl. Wertung so, die überarbeitete Version kenn ich nicht, aber angesichts dessen, was du berichtest, hab ich da auch nix verpasst.

  2. gerry42 sagt:

    Ein sehr guter und wegweisender Film, den man mehrfach gesehen haben muss, um alle Feinheiten und Details zu finden. Die übertriebenen Gore-Shots nerven ein bisschen, da kilometerweit spritzendes Blut nicht zu dem düster-futuristischen Look passen will. Aber das ist meckern auf hohem Niveau. Ich liebe den Film, obwohl ich Anime eigentlich so gar nicht mag; das will wohl schon was heißen.

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