In einer nicht allzu lebenswerten Zukunft verbringen einige Menschen ihre Zeit in dem illegalen virtuellen Kriegsspiel Avalon. Erfolg im Spiel bringt Geld ein und hohes Prestige im Milieu. Der Einsatz jedoch ist riskant: wird man in Avalon getötet, so ist der Schaden auf das Gehirn massiv – der Spieler verbringt den Rest seines Lebens apathisch in der Klinik und gilt als „verschollen“. Die Solospielerin Ash macht sich auf die Suche nach einem legendären Geheimlevel innerhalb des Spiels, in welchem sich angeblich die Geister der Verschollenen befinden sollen.

Mamoru Oshii ist vor allem bekannt für das Anime-Meisterwerk GHOST IN THE SHELL, in welchem die Hauptfigur als Cyborg sowohl mit der Realität als auch mit der virtuellen Welt vernetzt ist. AVALON ist sein erster Live-Action Film; ein ungewöhnlicher Mix aus Live-Action, japanischer Produktion, polnischem Cast und Drehort. Diese Kombination führt dazu, dass der Zuschauer einen überaus ungewöhnlichen Film zu sehen bekommt. AVALON wird vielen Menschen nicht gefallen und ich räume ein, dass der Film gewisse Schwächen hat. Dennoch schätze ich Oshiis Film sehr und schaue ihn mir immer wieder gerne an. Der Grund hierfür ist in erster Linie die besondere eigenwillige Atmosphäre des Films, die ein Resultat ist aus der Kombination von langen und stehenden Momenten (für die Oshii bekannt ist), tristen polnischen Landschaften und Häuserschluchten (massiv farbkorrigiert in körniges Sepia), polnisch sprechenden Schauspielern, dem Thema dieses Underground Spiels in einer toten Zukunft und zuletzt der Musik Kenji Kawais. Die Welt, die Oshii uns in AVALON zeigt, mutet nahezu postapokalyptisch an. Die Bevölkerung ist verarmt, das System scheint kollabiert und von tiefer Depression geprägt.

Die Spielerin Ash (Malgorzata Foremnia) ähnelt nicht nur äußerlich Major Motoko Kusanagi, sondern erinnert auch durch ihre nachdenkliche, introvertierte Art an die Hauptfigur aus GHOST IN THE SHELL. Wenn Ash sich in AVALON einloggt, dann kämpft sie alleine in verschiedenen Szenarios gegen meist große Kriegsmaschinerie wie Panzer und Hubschrauber. Tötet sie einen Gegner, so verwandelt sich dieser augenblicklich in eine zweidimensionale Ebene, um kurz darauf in tausend Stücke zu zerspringen. Ein cooler Effekt, der die Artifizialität Avalons unterstreicht. Ist ihre Mission erfolgreich beendet, wacht sie auf einer Liege in einer schmutzigen gekachelten Kammer auf, den Kopf unter einem Helm, der sie mit dem Spiel verbindet. Der Game-Master flimmert auf einem Monitor in der Person eines älteren Mannes. Als sie ihn ein Mal fragt, ob er ein Teil des Spiels sei oder ein Mensch, der von einem anderen Terminal eingeloggt sei, antwortet er mit der Gegenfrage: Warum sei das relevant? Sie könne es sowieso nicht überprüfen. Ein Aspekt, der im Verlauf des Films besonders hinsichtlich des mysteriösen Levels „Special A“ von Bedeutung ist. Nach einer Spielsitzung holt sich Ash ihre monetäre Belohnung ab und verlässt die Spielerhalle meist ohne Kontakt zu den anderen Spielern. Sie ist eine Einzelgängerin und bleibt auf Distanz. In der realen Welt passiert nicht viel. Ash fährt in der alten Straßenbahn nach Hause, füttert ihren Hund (natürlich ein Basset Hound, Oshiis Liebling) und recherchiert von ihrem Heimrechner aus nach den Geheimnissen des Spiels. Ihr reales Leben scheint ohne Ereignisse und soziale Kontakte abzulaufen. Sie ist wie auch im Spiel eine Einzelgängerin. Wir erfahren allerdings, dass das zumindest in Avalon nicht immer so war. Tatsächlich bildete Ash mit weiteren Spielern einst das legendäre Team „Wizard“, welches lange Zeit als unbesiegbar galt und sich irgendwann aus unbekannten Gründen nach einem Vorfall auflöste. Als sie von dem ehemaligen Teammitglied Stunner (Bartek Swiderski) erfährt, dass Murphy (Jerzy Gudejko), ebenfalls ein Ex-Mitglied von Wizard, als Verschollener in der Klinik vegetiert, weil er im Spiel einem „Geist“ (der als junges Mädchen erscheint) gefolgt war, welcher in das „Special A“ Level führt, entscheidet Ash sich, die gefährliche Reise ebenfalls anzugehen.

Mir gefällt das Setting rund um das Agieren von Spielern in einem virtuellen Spiel. Es gibt nicht so viele Filme, die das Thema halbwegs interessant behandeln. Jeder, der schon mal mit Pen & Paper Rollenspiel zu tun hatte oder sich heutzutage durch Online-RPGs zockt, kennt die typischen Elemente solcher Spiele: die Kollaboration von speziellen Spielerklassen als Party (Ash spielt eine Kriegerin, Stunner ist ein Dieb, es gibt außerdem Bischöfe und Zauberer), das Erfüllen von Missionen, das Sammeln von Erfahrungspunkten und Prestige bei anderen Spielern; der Suchtfaktor. Avalon ist allerdings kein wirkliches Rollenspiel, sondern ein Taktik-Shooter. Das ist einer der Kritikpunkte, die ich anbringen kann: ich hätte es weitaus interessanter gefunden, wenn das Spiel Avalon eine größere, spannendere Welt gewesen wäre, in der Spieler nicht einfach nur militärische Szenarios wie auf einer Counterstrike Map abspielen, sondern sich mit mehreren Rätseln und mysteriösen Ebenen hätten befassen müssen. Die Missionen in Avalon sind zwar spannend und actionreich, aber letztlich wäre für meinen Geschmack solch ein Spiel auf Dauer langweilig. Trotzdem ist das Konzept für Gamer natürlich reizvoll. Welcher Spieler träumt nicht davon, dass irgendwann das Spielerlebnis eine derartig reale virtuelle Dimension annimmt? Außerdem gefallen mir die interessanten eingebauten Ideen, etwa das Erlebnis in Avalon während eines Lags.

Eine weitere Dimension erhält AVALON in dem Moment, als Ash das verdeckte Level betritt. Nun wird auch der frühere Satz des Game-Masters verständlicher. Was ist die Realität? Kann ich auch etwas als Realität akzeptieren, wenn es die Realität so gut simuliert, dass ich den Unterschied nicht mehr bemerke – und es ab einem gewissen Punkt auch nicht mehr überprüfen kann? Damit reiht sich Oshiis Film in eine Reihe mit Titeln wie Cronenbergs EXISTENZ und THE MATRIX von den Wachowski Brüdern (man könnte auch Nolans INCEPTION erwähnen). Im Gegensatz zu den beiden anderen Filmen versucht AVALON jedoch nicht sehr viel mehr zu sein als die filmische Umsetzung von Oshiis Leidenschaft für Rollenspiele, und ist damit auch ein ehrliches und geradliniges Werk, das seine philosophischen Exkurse in Grenzen hält.
Somit ist AVALON natürlich ein Nischenprodukt, das für den Durchschnittszuschauer uninteressant bleibt. Dass der Film selbst noch mit Schwächen zu kämpfen hat, wie etwa den handlungsarmen Szenen in der realen Welt, die auch noch eine gewisse Redundanz aufweisen, trägt auch nicht dazu bei, viele Zuschauer bei der Stange zu halten. Doch auch wenn ich objektive Mängel des Films einräume, so bleibt für mich dieses faszinierende und eigenartige Erlebnis, das ich jedes Mal habe, wenn ich AVALON schaue, und die Erkenntnis, dass mir Oshiis Film einfach gefällt. Ähnlich ergeht es mir bei Alex Proyas‘ THE CROW.

Fazit

Ich empfehle jedem, der bisher trotz Interesse an dem Thema davon abgesehen hatte, AVALON zu schauen, es dennoch zu versuchen. Vielleicht ist der ein oder andere dabei, auf den Oshiis Film einen ähnlichen Effekt hat. Zum ersten Mal gesehen habe ich AVALON auf dem Fantasy Filmfest in Frankfurt, wo er auf mich zusammen mit MEMENTO bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Sicher nicht Oshiis bester Film (in dieser Hinsicht ist GHOST IN THE SHELL Pflicht), aber auf jeden Fall ein sehr interessanter.

AVALON [アヴァロン]
JAP 2001
Regie: Mamoru Oshii
Drehbuch: Kazuori Itô
Kamera: Grzegorz Kedzierski
Schnitt: Hiroshi Okuda
107 min.

8/10

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Kommentare
  1. chris sagt:

    dazu gibt es eine art inoffizielle fortsetzung unter dem titel ASSAULT GIRLS, spielt scheinbar im selben universum (habe ihn selbst noch nicht gesehen)
    AVALON fand ich unter dem „relitäts-wahrnehmungs-aspekt“ auch sehr interessant und musste (wie du) sofort an cronenberg denken.

    • indy sagt:

      von ASSAULT GIRLS habe ich auch schon gehört, aber noch nicht gesehen…hab die befürchtung, dass der etwas trashig sein könnte…aber da mich Oshii generell interessiert, werde ich es irgendwann bestimmt wagen…😉

  2. El Tofu sagt:

    Guter Film obwohl mir das Ende bis heute nicht ganz schlüssig ist.

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