SOURCE CODE

Veröffentlicht: 9. November 2011 in reviews
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Diese Review enthält Spoiler. An zwei Stellen warne ich vorab, so dass der Leser weiterspringen kann. Allerdings empfehle ich, die Besprechung erst nach Sichtung von SOURCE CODE zu lesen.
Es geht los mit einem leichten Spoiler, der allerdings jedem, der die Trailer gesehen hat, schon bekannt sein dürfte.
Ein Mann kommt in einem Zug zu sich. Gegenüber sitzt eine hübsche Frau, mit welcher er sich scheinbar im Gespräch befindet. Er ist orientierungslos, nimmt zahlreiche Details seiner Umwelt war: andere Fahrgäste, Geräusche, Dialogfetzen. Das Problem ist: er kann sich an nichts erinnern. Schlimmer noch, blickt er in den Spiegel, so offenbart sich ein ihm fremdes Gesicht, ein fremder Körper. Es dauert etwa acht Minuten bis eine Explosion die Szene beendet und den Mann in einer Art Cockpit wieder erwachen lässt. Auf einem Monitor erscheint eine Soldatin, die von ihm wissen möchte, ob er etwas über die Bombe in Erfahrung bringen konnte. Er ist irritiert und möchte Antworten auf seine Fragen, doch diese werden ihm kaum und nur in kleinen Teilen serviert. Am Morgen desselben Tages ist in einem Zug auf dem Weg nach Chicago eine Bombe detoniert. Der Täter hat eine weitere „dirty bomb“ in der Stadt angekündigt. Es gibt keine Hinweise auf den Täter, aber es gibt Source Code, welcher ermöglicht, die letzten acht Minuten eines Verstorbenen zugänglich zu machen in Form einer perfekten Nachbildung, ähnlich des Holodecks in Star Trek. Colter Stevens, gespielt von Jake Gyllenhaal (DONNIE DARKO, ZODIAC) ist amerikanischer Hubschrauberpilot mit Einsatz in Afghanistan. Es gab einen Zwischenfall, soviel weiß er. Mehr will ihm die Frau auf dem Monitor, Christina Warren (Vera Farmiga), vorerst aber nicht sagen, stattdessen wird er wieder in den Zug zurück geschickt, um erneut innerhalb von acht Minuten nach Hinweisen zur Bombe zu suchen. Es beginnt ein sich wiederholender Loop, und Stevens‘ persönlicher Groundhog Day…

Duncan Jones überraschte die Filmwelt mit seinem Erstlingswerk MOON, ein fantastischer Science Fiction Film, umgesetzt mit geringem Budget und Sam Rockwell als Alleinunterhalter auf einer Mondstation. Mit SOURCE CODE ging er ein größeres Projekt an, nach dem Erfolg von MOON dürfte er hier mit der Finanzierung kaum Probleme gehabt haben. Auch SOURCE CODE kann im Science Fiction Genre angesiedelt werden. Das Rad wird nicht neu erfunden, und SOURCE CODE schlägt auch nicht so großartig ein wie MOON. Dennoch bietet das „Zeitreise“ Chaos (es handelt sich nicht wirklich um Zeitreisen) spannende Unterhaltung, die geschickt inszeniert ist und verkörpert von einem sympathischen Hauptdarsteller, der die Verwirrung des Zuschauers teilt. Ich glaube, dass viele Menschen mit SOURCE CODE so ihre Probleme haben werden, aus den unterschiedlichsten Gründen. Interessanterweise werden diese Gründe in den meisten Fällen auf nicht zutreffende Annahmen zurückzuführen sein.

Ab hier gibt es massive Spoiler, die auch das Ende des Films behandeln. Ich rate dringend davon ab, weiter zu lesen, sollte man den Film nicht schon gesehen haben. Stattdessen bitte gleich zum Fazit springen.
SOURCE CODE beginnt mit einer Grundannahme, die als Zuschauer akzeptiert und als Gesetz nicht weiter hinterfragt werden sollte. Ähnlich verhält es sich mit fantastischen Apparaturen und Maschinen aus anderen Filmen oder Sci-Fi Geschichten, sei es die synchronisierte Traum-Maschine aus INCEPTION, der Flux-Kompensator aus BACK TO THE FUTURE, das mal eben neu erfundene Element aus IRON MAN, der Warp Antrieb im Star Trek Universum usw. All diese Dinge funktionieren irgendwie, ohne dass erklärt wird (bzw. erklärt werden kann), wie sie das tun. Dies ist aber für die erzählten Geschichten irrelevant und im erweiterten Sinne nur als „McGuffin“ funktional. Auf diese Weise muss man also auch die Funktion des Source Codes hinnehmen. Es ist technisch möglich, den Geist/die Gedanken einer Person mit den Erinnerungen einer verstorbenen Person (die zugänglich sind) zu koppeln. Später erweist sich, dass diese Annahme unvollständig und inkorrekt ist.
Interessant und Grund für Debatten wird wahrscheinlich sein, dass Fragen aufkommen, welche die Logik des Source Codes sehr in Frage stellen. Wie kann Stevens im Körper eines der Opfer Erfahrungen machen, die außerhalb des Erfahrungshorizontes des Opfers liegen, wenn es sich nur um eine Simulation handelt? Wenn Stevens beim Zwischenstopp aus dem Zug steigt und Dinge sieht, die das eigentliche Opfer nie gesehen hat, weil es im Zug sitzen geblieben war, so gerät das Konzept ins Wanken. Der Wissenschaftler hinter Source Code, gespielt von Jeffrey Wright (SYRIANA, QUANTUM OF SOLACE), erweitert die Erklärung jedoch. Es handelt sich bei Stevens‘ Sprüngen nicht um reine Erinnerungen, sondern um kleine Paralleluniversen, die sich öffnen/entstehen, sobald er in die „Erinnerung“ eintaucht, und sich schließen, sobald die acht Minuten abgelaufen sind und er wieder in seinem Cockpit auftaucht.

Der wichtigste Punkt und Haken an der ganzen Sache ist, dass die wissenschaftlichen Annahmen falsch sein können, und, wie sich am Ende herausstellt, tatsächlich nicht korrekt waren. Dadurch wird aber das Ende nicht automatisch unlogisch und falsch. Wir hatten lediglich unvollständige bis falsche Informationen und wussten bis zum Schluss nicht exakt, was der McGuffin wirklich tut! Die entstandenen parallelen Realitäten (nicht Simulationen) enden nicht in dem Moment, in welchem Stevens zurückkehrt. Sein Aufenthalt endete jedes Mal, weil er starb. Was mit dem Paralleluniversum geschieht, sehen wir dann nicht, weil wir stets mit Stevens reisen. Im letzten Versuch jedoch stirbt er nicht, und so realisieren er und wir, dass dieses Universum keine achtminütige Ablaufzeit hat, sondern weiter existiert. Die Mail, die er an Christina Warren sendet, schickt er innerhalb dieser Realität, und entsprechend gehört auch das Ende im Militärlabor in die gleiche Realität. Lediglich wir als Zuschauer haben den Sprung mit Stevens vom bisherigen „Haupt“-Universum in die alternative Welt gemacht, wo der Film auch endet. Man kann sich über das Ende streiten hinsichtlich der Dramaturgie. Mir persönlich hätte ein tristeres Ende eher gefallen anstatt eines Happy Ends. So wäre ein passenderer Schluss meiner Ansicht in dem Moment gewesen, als die Zeit im Zug festfriert. Dann hätte jeder Zuschauer für sich Vermutungen aufstellen können, wie es weitergeht. Die Interpretation wäre etwas offener gewesen (siehe fallender oder nicht fallender Kreisel in INCEPTION). So wurde uns von Jones das positive Ende gewissermaßen aufgezwungen. Man kann nun mit dem Ende und dem ganzen Film zufrieden sein oder nicht, jedoch macht er meiner Ansicht nach keine logischen Fehler, wenn der Source Code an sich auch sehr an den Haaren herbei gezogen ist. Aber das ist in den meisten Fällen von SF-Technologie der Fall, und somit kein Grund zur überzogenen Kritik.

Was lernen wir nun aus SOURCE CODE? Gibt es eine Message? Erwartet man so etwas, so könnte man den Film kritisieren. Er macht keine moralische Statements, außer dem unbändigen Willen Stevens‘, die Menschen im Zug zu retten. Ist Jones pro oder contra Source Code-Technologie? Diese Fragen werden nicht beantwortet, und auch kaum gestellt. Insgesamt ist SOURCE CODE vom Plot angetriebene, raffinierte und interessante Science Fiction, die auch nicht viel mehr sein möchte. Ich schaue sehr gerne Filme, die mit der Frage nach der Realität, alternativen und parallelen Welten spielen, mit Zeitsprüngen, Loops und jeder Menge mind fucks. In dieser Kategorie hat SOURCE CODE seine Daseinsberechtigung und ist somit auch ein Tipp für jeden, der diese Art Unterhaltung auch mag. Weitere Titel, die ich spontan empfehlen kann, sind TWELVE MONKEYS, INCEPTION, JACOB‘S LADDER, MEMENTO, PRIMER, THE MATRIX, DONNIE DARKO, THE BUTTERFLY EFFECT, ETERNAL SUNSHINE OF THE SPOTLESS MIND, TOTAL RECALL und natürlich so ziemlich jeder Film von David Lynch und David Cronenberg (das schreit ja förmlich nach einem extra Artikel!).

Fazit

SOURCE CODE ist ein gelungener Film, der allerdings vom Zuschauer eine gewisse Toleranz abverlangt, da erst im späteren Verlauf der ganze Mechanismus aufgedeckt wird, um den es beim Source Code geht. Über das Ende darf man sich streiten und debattieren, und das hat ja auch was Gutes! Pflichtfilm für jeden, der auf Realitäts-Chaos steht! Man darf gespannt sein, wie die weitere Karriere von Duncan Jones verlaufen wird. Sie beginnt jedenfalls viel versprechend!

SOURCE CODE
USA, F 2011
Regie: Duncan Jones
Drehbuch: Ben Ripley
Kamera: Don Burgess
Schnitt: Paul Hirsch
93 min.

8/10

Kommentare
  1. Flo Lieb sagt:

    Ich empfand den Film enttäuschend und hätte es bevorzugt, wenn der Source Code gar nicht erklärt worden wäre. Einfach sagen, der macht das und gut ist, stattdessen geht viel der ersten Hälfte dadurch drauf, dem Zuschauer einen Mechanismus zu erklären, den nicht einmal die Filmemacher verstanden haben.

    Dementsprechend fehlt dann die Zeit, um Stevens die Missionen mehrfach durchleben zu lassen, was nach den ersten zwei Mal ja eine reine Montage ist. Auch der gerade in der zweiten Hälfte integrierte Subplot von Stevens‘ eigener Vergangenheit (inkl. daddy issues, wie kreativ) wirkte für mich deplatziert. Für die eigentliche Prämisse des Filmes – in 8 Minuten ein Bombenattentat stoppen – interessierften sich die Macher nicht wirklich, was etwas schade ist.

    Letztlich für mich ein konventionell-konservativer 0815-Sci-Fi-Thriller der Marke Hollywood, siehe auch die unnötige Romanze der Hauptfiguren und das moralinsaure Happy End. Hoffe Jones kann sich in seinem 3 Spielfilm wieder rehabilitieren.

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