SUCKER PUNCH

Veröffentlicht: 24. November 2011 in reviews
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SUCKER PUNCH (was auf Deutsch ein Schlag bedeutet, welcher einen unerwartet trifft), der bisher neueste Film von Zack Snyder (300, WATCHMEN), hat beim Publikum gespaltene Reaktionen hervorgerufen und wurde vor allem von Kritikern überwiegend verrissen. Der Regisseur, der mit seinem eigenwilligen, sicherlich gewöhnungsbedürftigen, Stil die Welt mit dem Megahit 300, der Verfilmung von Frank Millers gleichnamigem Comic, im Sturm erobert hatte und anschließend mit der Verfilmung von Alan Moores „Watchmen“ einerseits für Begeisterung und gleichzeitig auch für Stirnrunzeln und akute Narkolepsie sorgte, brachte nun mit SUCKER PUNCH sein erstes eigenes Drehbuch auf die Leinwand – und überforderte damit die meisten, vor allem aber Kritiker der großen weiten Feuilleton-Welt.

Erzählt wird die Geschichte eines jungen Mädchens, das von seinem Stiefvater in eine Anstalt gesteckt wird. Der Stiefvater war offensichtlich für den Tod der Mutter verantwortlich, hinter ihrem Erbe her und missbrauchte die Töchter. Bei einer solchen Auseinandersetzung erschoss das Mädchen versehentlich anstatt des Stiefvaters ihre kleine Schwester und floh. Der Stiefvater, erbost, weil die Mutter ihr Erbe nur auf die Töchter übertragen ließ, sah seine Chance. In der Anstalt soll Baby Doll (Emily Browning) einer Lobotomie unterzogen werden. Dies ist jener barbarische und berüchtigte Eingriff, der in den USA bis in die Fünfziger Jahre angewandt wurde (siehe auch Martin Scorseses SHUTTER ISLAND, sowie natürlich der Klassiker ONE FLEW OVER THE CUCKOO‘S NEST von Milos Forman). In der Anstalt trifft Baby Doll auf weitere Mädchen, mit denen sie sich anfreundet und die gemeinsame Flucht plant. Dass es in der Anstalt nicht ganz korrekt zugeht, deutet der erste krasse Szenenwechsel an, in welchem die Mädchen sich in einem Moulin Rouge-artigen Bordell befinden und Tänze für die zahlende Kundschaft einstudieren sollen. Geleitet wird der „Club“ vom sadistischen Pfleger Blue Jones (Oscar Isaac). Der andere große Wechsel geschieht in den Momenten, in denen offenbar getanzt wird – nun befinden sich die Mädchen in verschiedensten Action-Szenarien, um vier spezifische Items zu stehlen, welche ihnen bei der Flucht verhelfen sollen. Dafür müssen sie u. a. gigantische Samurai in buddhistischen Tempeln, kaiserliche Zombie-Soldaten in den Gräben des ersten Weltkrieges, oder ganze Ork-Armeen in Festungen à la Tolkien niedermetzeln.

Diese kurze und stark komprimierte Darstellung des Inhalts lässt schon vermuten, warum sich die meisten Kritiker mit dem Film schwer tun. Sie ist aber unvollständig. Denn SUCKER PUNCH ist keine reine Action-Orgie. Es wird ziemlich früh im Film sehr offensichtlich, was im „Lennox House“ vor sich geht. Die Mädchen werden sexuell und psychisch missbraucht. Eindeutig ist das in Form des Pflegers Blue Jones, aber auch anderer Figuren der Anstalt – und angedeutet werden auch Besucher von außerhalb. Unter den Ärzten ist Dr. Vera Gorski (Carla Gugino), die vom dem Missbrauch weiß, aber wie so viele Frauen aus der Zeit im Patriarchat der Anstalt unterdrückt wird. Sie bringt den Mädchen in ihren Therapiesitzungen jedoch Techniken bei, die es ihnen ermöglichen, im Falle des Missbrauchs die Vorkommnisse durch Dissoziation emotional abzutrennen. So wird der ganze Alltag in der Anstalt zur Bordellphantasie, in welcher die Mädchen, anders als in der Realität, zumindest eine Machtposition über die sie begehrenden Männer einnehmen. Kommt es zum direkten sexuellen Übergriff, wird „getanzt“, und die Phantasie in der Phantasie entsteht: Zombies, Orks, Zeitbomben usw.
SUCKER PUNCH lässt sich folglich kaum einem Genre zuordnen, und damit haben die meisten Probleme. Zugegebenermaßen lässt sich ein solcher Film auch schwer vermarkten. Wer sich nun den Film aufgrund des Trailers ansehen wollte und eine reine CGI-Action-Fantasy Orgie mit leicht bekleideten Schauspielerinnen erwartete, der wird irritiert sein, diese psychologische Komponente aufgetischt zu bekommen und einen sexuellen Aspekt, der über leicht bekleidete Heldinnen hinausgeht. Gleichzeitig wird ein Zuschauer, der sich auf psychologischen Horror und den Alltag von ausgebeuteten Frauen einstellt, von den Bilderfluten der Tanz-Phantasien erschlagen. Somit ist verständlich, dass ein Großteil des Publikums Schwierigkeiten hat, mit dem Genre-Mix klarzukommen. Wahrscheinlich ist derjenige am besten bedient, der gar nichts über den Film weiß, aber zumindest die Person Zack Snyder zuordnen und sich so auf das Wagnis einlassen kann.

Insgesamt hat mich SUCKER PUNCH positiv überrascht. Mir gefällt das Konzept der drei Ebenen, die sich über die Phantasien hinausstrecken. Selbst bei Baby Dolls Freundinnen ahnt man, dass sie eher für verschiedene Repräsentationen ihrer selbst stehen. Besonders im Falle von Sweat Pea (Abbie Cornish) wird das beim ersten Sprung in die „Bordell-Ebene“ impliziert, ähnlich auch bei deren jüngerer Schwester Rocket (Jena Malone aus DONNIE DARKO). Ich bin auch dem Genre-Mix als solchem offen eingestellt, und nehme die Orks, Drachen und Zombies an. Allerdings missfallen mir diese Fantasyszenen von weitem betrachtet wegen ihrer Redundanz. Zu sehr erinnern sie mich an Missionslevel aus Computerspielen, was an sich nicht schlimm ist, aber nach der zweiten Phantasie einfach etwas monoton wird. Zudem verstehe ich zwar die Idee der „Bordell-Phantasie“ und erkenne sich auch als naheliegend, aber sie gefällt mir einfach nicht besonders. Jedes Mal, wenn es nach Moulin Rouge riecht, warte ich schon auf die folgenden Szenen. Auch die Suche nach den Items ist in der Motivation einfach zu konstruiert. Erreiche ich während der Sichtung also im Mittelteil eine Phase, in welcher der Film abfällt und ins unspektakuläre Spektakuläre zu driften droht, so kriegt Snyder mit dem Schlussakt noch gut die Kurve. Die Geschichte wird dadurch wieder interessant, gewinnt an Tiefe und evoziert weitere Überlegungen nach dem Ende des Films. Ein gelungener Schluss ist die halbe Miete, was hier der Fall ist (und beispielsweise in Danny Boyles SUNSHINE einen ganzen Film zunichte macht).

So bleibt schließlich die Erkenntnis, dass SUCKER PUNCH für mich ein gelungener, guter Film ist, dessen einzelne Elemente jedoch nicht ganz meinem Geschmack entsprechen, und die ich höchstwahrscheinlich anders hätte zu lösen versucht. Dennoch gelingt es Snyder, in einem durch und durch verrückten Film voller Overkill einen relevanten Subtext einzubauen, der nicht aufgesetzt oder pseudo-moralisch daherkommt. Dies unterscheidet ihn auch vom ausschließlich auf Action gepolten 300. SUCKER PUNCH ist bombastische Action und Fantasy-Unterhaltung, die als Überbau auf der Basis eines tragischen und aufwühlenden Dramas funktioniert. Dieses Drama wäre sicherlich in seiner lediglich auf es bezogenen Wirkung intensiver, wenn es wie beispielsweise Formans Film umgesetzt worden wäre, aber dies war nicht das Ziel von Zack Snyder. Stattdessen spielt er mit den Elementen der heutigen Popkultur, der verschiednen Genres, der Exploitation von weiblichen Hauptfiguren, die in Comic, Film und Fernsehen an der Tagesordnung ist, und versetzt uns Zuschauer in den abgedunkelten Publikumsraum des Bordells, wo wir Baby Doll und Co. voyeuristisch anstarren. Dabei nutzt er aber löblicherweise erstens keine „ausbeutenden“ Kameraeinstellungen, die ansonsten in solchen Genrefilmen üblich sind, und lässt die „leicht bekleideten“ Mädchen insgesamt bedeckter, als man erwarten sollte angesichts von Kritiken, die sich unter anderem wegen solcher angeblichen Zurschaustellung aufregen.

It’s funny because someone one asked me about why I dressed the girls like that, and I said, “Do you not get the metaphor there? The girls are in a brothel performing for men in the dark. In the fantasy sequences, the men in the dark are us. The men in the dark are basically me; dorky sci-fi kids. (Zack Snyder; Quelle)

Ein armseliges Beispiel einer Kritik, bei der man sofort den Eindruck bekommt, dass hier von Anfang an der Verriss im Sinne war, lässt sich bei Spiegel Online lesen. Der Autor ist völlig fixiert auf von ihm erkannten Sexismus, macht schlicht falsche Aussagen bezüglich Details und lässt die eigentlichen Geschehnisse in der „Realität“ des Films völlig ungeachtet – die passen ja dann vielleicht nicht ganz ins Konzept der Kritik. Man hat den Anschein, dass der Film nicht vollständig und nur mit einem Auge gesichtet wurde. Leider nur ein Beispiel von mehreren. Soll mich nicht weiter stören. Ich lese Filmbesprechungen prinzipiell immer erst nach der Sichtung. Es ist aber schade, dass viele sich wahrscheinlich im Vorfeld von solcher Engstirnigkeit beeinflussen lassen. Andererseits kann man es auch so sehen: wer mit Scheuklappen an den Film geht, der wird eiskalt erwischt: sucker punch!

Fazit

SUCKER PUNCH ist natürlich nicht jedermanns Sache, aber ich empfehle trotzdem jedem, der solchen Mixturen nicht ganz abgeneigt und offen für eine Überdosis CGI ist, dem Film eine Chance zu geben. Trotz der genannten Abstriche ist SUCKER PUNCH für mich ein gelungener Film, der allemal sehenswert ist.

SUCKER PUNCH
USA 2011
Regie: Zack Snyder
Drehbuch: Zack Snyder, Steve Shibuya
Kamera: Larry Fong
Schnitt: William Hoy
127 min (extended cut)

7/10

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Kommentare
  1. […] Indy’s Film Reviews (7/10) […]

  2. Mir gefällt der Film im Grunde auch. Allerdings werden mir die verschiedenen Ebenen (gerade im Vergleich mit Inception) nicht genug miteinander verflochten. Nur einmal werden die Probleme in der „Tanz-Fantasie-Welt“ durch die Ereignisse der Bordell-Welt erklärt. Entweder macht man das immer – oder gar nicht. So wirkt dieser Versuch auf mich eher halbgar.
    Diese ganze Sexismus-Debatte kam mir nach dem Film auch als höchst ungerecht vor, da die Frauen hier ja gerade zu unglaublicher Stärke finden, deren Darstellung natürlich in den Actionsequenzen ihren augenscheinlichsten Höhepunkt findet.

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