127 HOURS

Veröffentlicht: 28. November 2011 in reviews
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In 127 HOURS erzählt Regisseur Danny Boyle die wahre Geschichte des Kletterers Aaron Ralston nach, der im Jahre 2003 in den Blue John Canyon reiste, ohne jemanden aus seinem sozialen Umfeld darüber zu informieren. Während er in eine Felsspalte kletterte, löste sich ein Stück Fels, er rutschte ab, und der Felsbrocken klemmte seinen rechten Arm gegen die Wand. Ohne den Stein von der Stelle rühren zu können, verbrachte Aaron die folgenden fünf Tage in völliger Isolation und konnte sich schließlich nur dadurch befreien, indem er sich [Spoilerwarnung für alle, die die Geschichte tatsächlich noch nicht kennen sollten] den Unterarm abtrennte.

Das Interessante an so einem Film ist natürlich einerseits, dass das Ende bereits bekannt ist und zweitens die Herausforderung, einen Spielfilm zum größten Teil an nur einer einzigen Location, in diesem Falle der Felsspalte, spielen zu lassen, ohne dramaturgisch abzufallen oder das Interesse des Zuschauers zu verlieren. Danny Boyle, der bekannt ist für energiereiche Filme voller Drive (TRAINSPOTTING, THE BEACH, SLUMDOG MILLIONAIRE), entschied sich, mit 127 HOURS keine pseudo-dokumentarische Herangehensweise an den Tag zu legen, sondern inszenierte den Film bewusst mit subjektiven, suggestiven Bildern, die zum Einen die kolossale Landschaft des Canyons einfangen und gleichzeitig in Form von extremen Close-Ups bis hin zu Aufnahmen aus Aarons MiniDV-Kamera das Innenleben des Protagonisten portraitieren. Einzelne Einstellungen sind an Ganialität kaum zu übertreffen, etwa die, in welcher Aarons Hände, die an dem uralten Gestein entlang gleiten, im Close-Up verfolgt werden. Der direkte Schnitt auf Francos Gesicht spricht im dem Kontext Bände.

In einer berauschenden Montage zieht Boyle den Zuschauer durch die Handlung und die Hölle, die Aaron auf Erden erlebt. Er geht einen ganz anderen Weg als Rodrigo Cortés in BURIED, dessen Kreativität im Minimalismus innerhalb der gegebenen Restriktionen (Mann im Sarg) lag, aber im Gegensatz zu 127 HOURS eine unglaubwürdigere Geschichte erzählte. In dieser Hinsicht muss 127 HOURS punkten, da sich die Ereignisse nun mal wirklich ereignet haben. Boyle beschränkt sich jedoch nicht wie Cortés auf die Felsspalte als ausschließliche Location. Wir sehen Rückblicke, Fantasien und Halluzinationen Aarons und zuvor ein etwa 20-minütiges Intro, welches mit einer vortrefflichen Split-Screen-Montage beginnt, in welcher Aaron aus dem Strom der gedrängten modernen Zivilisation ausbricht, mit seinem Mountainbike in die Wildnis radelt, dort für kurze Zeit zwei junge Frauen begleitet und ihnen die Gegend zeigt, ehe er sich verabschiedet und schließlich in die Felsspalte stürzt. Nach diesem Einstieg erst blendet der Filmtitel ein, und Aarons einzigartige Geschichte beginnt.

Für Hauptdarsteller James Franco (MILK, RISE OF THE PLANET OF THE APES) beginnt nun eine überwiegende One-Man Show, in welcher er alle Facetten seiner emotionalen Ausdrücke zur Geltung bringen kann. Dies gelingt ihm über die gesamte Laufzeit, nie wirkt er übertrieben, Anweisungen folgend oder sonstwie gekünstelt. Zu Recht wurde seine Leistung für den Oscar nominiert, er musste aber Colin Firth (THE KING‘S SPEECH) den Vortritt lassen. Es ist interessant zu sehen, wie Francos Figur mit der Situation umgeht. Er gerät nicht sofort in Panik, sondern versucht im Gegenteil sofort so rational wie möglich vorzugehen, macht eine Inventur seines Rucksacks, rationiert das Trinkwasser, versucht mit seinem Billig-Leatherman den Felsbrocken abzufeilen. Im zunehmenden Handlungsverlauf jedoch erkennt er, dass seine Chancen schlecht stehen. Der Brocken rührt sich nicht von der Stelle, das Wasser geht ihm aus, zu Essen hat er nichts mehr und er macht die Rechnung. Hoffnung auf Rettung ist unrealistisch, da niemand weiß, wo er sich befindet. Auch wenn er ab und zu den Eindruck hat, Stimmen an der Oberfläche zu hören, handelt es sich höchstwahrscheinlich um Einbildung. Sein einziger lebender Kontakt ist eine Krähe, die jeden Morgen über die Spalte fliegt, sowie die Ameisen, die an seinem Gesicht hochkrabbeln. Mit seiner MiniDV-Kamera beginnt er, letzte Aufzeichnungen zu machen und sich von seinen Eltern zu verabschieden.
Es ist dann sein unbändiger Lebenswille, der ihn schließlich dazu veranlasst, die einzige Lösung aus dem Dilemma anzugehen: er muss sich den Arm abtrennen. Nur dadurch kann er fliehen. Doch das ist leichter gesagt, als getan. Sein Taschenmesser hatte er zuhause liegen gelassen, und der Leatherman ist stumpf und kaum geeignet. Doch welche Wahl bleibt ihm? Es liegt auf der Hand, dass die Amputationsszene unangenehm für den Zuschauer wird. Dabei werden zwar immer wieder Close-Ups und Details gezeigt, der Horror gelingt allerdings erst in der fantastischen Montage. Wir kriegen durch den Schnitt und den Ton mehr mit als über die wenigen Einstellungen des direkten Eingriffs. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so mit einer Filmfigur ob der Schmerzen gelitten habe. Sobald ein bestimmter Ton aufkommt, wird er jedem Zuschauer durch Mark und Bein gehen. Wir alle wissen genau, was da passiert, auch wenn die wenigsten von uns je solch eine Grenzerfahrung gemacht haben oder machen werden. Dieser Ton ist innerhalb der Montage einer der grausamsten und genialsten Effekte des Films.
Gelingt also der Versuch, eine bereits bekannte Geschichte mit bekanntem Ausgang spannend zu inszenieren? Und wie! Boyle schafft es nicht nur die realen Geschehnisse realistisch und aufwühlend zu inszenieren, sondern vermittelt dem Zuschauer auch noch die Entwicklung des Protagonisten. Hier ist der Einzelgänger, beinahe arrogant in seiner autonomen Lebensweise. Er ist auf niemanden angewiesen, ruft die Mutter am Telefon nicht zurück, macht sein Ding und achtet kaum auf seine soziale Umwelt. Rückblicke zeigen das problematische Verhältnis zu seiner Ex-Freundin. Und nun befindet sich ausgerechnet er in einer Situation, die er alleine nur mit den extremsten Mitteln bewältigen kann. Es ist ein magischer Moment der Katharsis, wenn Aaron gegen Ende des Films, als er aufgefunden wird, die Worte: „I need help!“ endlich über die Lippen zu bringen vermag.

Fazit

127 HOURS ist einer der besten Filme des Jahres 2010 und beeindruckt in allen Belangen. Kamera, Schnitt, Musik (wie auch in SLUMDOG MILLIONAIRE von A.R. Rahman) und der Hauptdarsteller werden von einem Danny Boyle in Höchstform geführt und zu einem Highlight der modernen Filmgeschichte geformt. Trotz der zugegeben heftigen Schlüsselszene lege ich den Film jedem ans Herz.

127 HOURS
USA, UK 2010
Regie: Danny Boyle
Drehbuch: Danny Boyle, Simon Beaufoy
Kamera: Enrique Chediak, Anthony Dod Mantle
Schnitt: Jon Harris
94 min.

10/10

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Kommentare
  1. Flo Lieb sagt:

    Fand den Film bei der Kinosichtung noch ganz gut, abgesehen von dem etwas verkitschten (aber scheinst „authentischen“ Ende mit Visions-Nummern-Revue. Bei der Blu-Ray-Sichtung baute der Film dann nochmals ab, obschon ich Boyle ja sehr, sehr schätze, aber diese ganzen Flashbacks empfand ich dann nur als Zeitfüller, willkürlich ausgewählt, für eine super-interessante Geschichte, die jedoch keine 90 Minuten trägt und als Print-Stück vermutlich besser funktioniert.

    Aber freut mich, dass dir der Film gefallen hat🙂

  2. Dr. Borstel sagt:

    Ich schieße mich deinem Review an obwohl die Zweitsichtung noch aussteht; bisher jedenfalls einer der besten Filme des Jahres.

  3. kulii sagt:

    Nachdem ich es mir lange vorgenommen hab, habe ich ihn jetzt auch endlich mal gesehen und ich muss sagen, dass James Franco den oscar mehr verdiente als Colin Firth. The King’s Speach fand ich zwar auch großartig, aber jetzt wo ich den Vergleich habe, überzeugt mich 127H doch mehr.

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