THE BOXER

Veröffentlicht: 1. Dezember 2011 in flashback reviews
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IRA-Mann Danny Flynn (Daniel Day-Lewis) kommt nach vierzehn Jahren Haft auf freien Fuß. Als er ins Gefängnis kam, war er neunzehn Jahre alt. Da er keine Namen genannt hatte, wurde ihm die lange Strafe auferlegt. So wurde er damals von seiner Jugendliebe Maggie Hamill (Emily Watson) getrennt. Diese heiratete später Dannys Freund und bekam mit ihm ein Kind. Doch ihr Ehemann ist mittlerweile selbst verhaftet. Dannys Rückkehr wird kritisch beäugt, nicht nur von Maggies Vater Joe (Brian Cox), führende IRA-Figur und im Begriff, Frieden auszuhandeln, sondern auch vom radikaleren IRA-Mann Harry (Gerard McSorley), der Danny damals auf der Flucht hängen ließ und nur Dank ihm nie gefasst wurde. Da Danny und Maggie sich wieder einander annähern, verstoßen sie gegen das ungeschriebene IRA-Gesetz, welches jedem Mann verbietet, sich mit einer Frau einzulassen, deren Gatte im Gefängnis sitzt. Nun möchte Danny seine Boxerkarriere wieder aufnehmen. Er eröffnet in seinem Heimatviertel in Belfast ein Boxstudio für Kinder und Jugendliche.

Jim Sheridan ist eine der herausragenden Figuren des irischen Films. Mit einer ganzen Reihe von emotionalen Filmen thematisierte er irische (Leidens-)Geschichte. Sein Debütfilm im Jahre 1989 MY LEFT FOOT: THE STORY OF CHRISTY BROWN, markierte nicht nur das erste filmische Ausrufezeichen, sondern war auch die erste Zusammenarbeit mit Ausnahmeakteur Daniel Day-Lewis (THERE WILL BE BLOOD, GANGS OF NEW YORK), mit dem er zwei weitere Filme drehte. Sheridans Filme verlieren sich manchmal ein wenig in Pathos und Theatralik, doch jedes Mal schafft er es mindestens, aus seinen Protagonisten fantastische Leistungen hervorzuholen (Day-Lewis und Brenda Fricker bekamen den Oscar für MY LEFT FOOT, Richard Harris wurde für THE FIELD nominiert, Day-Lewis, Pete Postlethwaite und Emma Thompson für IN THE NAME OF THE FATHER, Djimon Hounsou und Samantha Morton für IN AMERICA). So ist Daniel Day-Lewis auch in THE BOXER ein Augenschmaus für jeden Cineasten. Sein Danny wirkt im chaotischen geteilten Umfeld von Belfast wie ein Antikörper. Nach seiner Haftstrafe scheint sein Verstand am klarsten zu funktionieren, er sieht durch den religiösen Hass hindurch und möchte einfach nur Ruhe haben und sein Ding durchziehen. Doch seine Heimat ist ihm so wichtig, dass er einfach nicht gehen kann. So entsteht von Beginn an der Konflikt zwischen dem verrückten Umfeld und dem geläuterten Boxer.

Daniel Day-Lewis ist in jedem Film gut, und es ist daher fast langweilig, zu erwähnen, wie er auch in diesem Film mit seiner wortkargen Art brilliert, wie seine Augen mehr sprechen als sein Mund. Es ist fantastisch, ihn alleine dabei zu beobachten, wie er auf seine Gegenüber reagiert, wenn er selber nur zuhört. Er mimt den Boxer absolut glaubwürdig, und auch seine Physis unterstreicht die massiven Vorbereitungen, die er für seine Rollen durchläuft. THE BOXER ist gewissermaßen eine Kombination aus der klassischen Boxer(comeback)geschichte, dem IRA-Drama und der Romanze. Man könnte sich fragen, ob das Boxer-Element überhaupt nötig gewesen wäre für die Geschichte, jedoch sprechen zwei starke Szenen dafür. In der einen kämpft Danny seinen ersten offiziellen Kampf nach den Gefängnis. Ein Kampf, bei dem alle eingeladen sind, egal welcher Konfession sie angehören. Es ist ein kurzer Moment, in welchem den Menschen alles egal ist, und sie einfach mitfiebern und den Sport genießen. Hier kommt für einen Augenblick die Hoffnung auf, dass der Konflikt vielleicht zu lösen sein könnte. In der anderen, grotesken Szene, boxt Danny in einem Londoner High-Society-Club gegen einen farbigen Boxer in geisterhafter Atmosphäre, ohne Jubel und Anfeuerung. Doch die Gier nach Blut ist hier höher als in Belfast. Danny hat seinen Gegner quasi bezwungen, der hält sich nur noch mit Mühe auf den Beinen, doch der Ringrichter insistiert, dass der Kampf weitergehen soll. Nach den Kämpfen werfen die Reichen mit Geld und Schmuck nach den Armen im Ring. Schlagt ihr euch nur die Köpfe ein, solange ihr uns unterhaltet und nicht weiter behelligt. Das Boxer-Thema ist aber vor allem auch deshalb wichtig, weil es zeigt, dass Danny den Kindern und Jugendlichen andere Gedanken in den Kopf setzt. Anstatt Molotow-Cocktails zu werfen, schwitzen sie lieber gemeinsam im Ring und gehen in ihrer neuen Aufgabe mit Begeisterung auf.
THE BOXER spielt irgendwann Mitte der Neunziger, als der Frieden noch nicht ausgehandelt war. Sheridan zeigt uns eine zerstörte Gesellschaft, in welcher der Energieaufwand, etwas zum Positiven zu verändern, so hoch ist, dass ihn die wenigsten leisten können oder wollen. Danny hat sein halbes Leben verloren und dabei diese Energie gewonnen.

Fazit

THE BOXER ist mitreissendes und niederschmetterndes Gefühlskino und funktioniert über weite Strecken großartig, wenn es auch an manchen Stellen etwas theatralisch und vorhersehbar wird. Allen voran steht das hervorragende Ensemble rund um Daniel Day-Lewis, einem der besten aktiven Filmschauspieler unserer Zeit.

THE BOXER
USA, IRL 1997
Regie: Jim Sheridan
Drehbuch: Jim Sheridan, Terry George
Kamera: Chris Menges
Schnitt: Clive Barrett, Gerry Hambling
113 min.

8/10

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