Irgendwo in einem Imbiss mitten in der Wüste, nicht weit von Las Vegas, gabelt ein älterer Herr im Anzug einen jungen Mann auf, der zusammengekauert vor dem Eingang hockt. Er lädt ihn auf einen Kaffee und eine Zigarette ein und erfährt, dass er in Las Vegas sein Glück versucht hatte, aber nicht die 6000 Dollar auftreiben konnte, die er für die Beerdigung seiner Mutter braucht. Der alte Mann räumt ein, dass er ihm keine 6000 Dollar geben kann, aber er bietet ihm dafür an, ihm 50 Dollar zu geben, ihn mit nach Las Vegas zu nehmen und ihm dort etwas beizubringen.
So machen sich Sydney (Philip Baker Hall) und John (John C. Reilly) gemeinsam auf den Weg in die Spielerstadt. Dort angekommen, lernt John erste einfache Tricks, mit denen er sein Startkapital in den Casinos vermehren kann, ohne dabei aufzufallen. Syndey nimmt John unter seine Fittiche und macht einen Zocker aus ihm. Warum der alte Mann, der sich als alter Hase im Spielermilieu entpuppt, dem verlorenen Jungen unter die Arme greift, erscheint uns zunächst nicht einfach nachvollziehbar, man erhält jedoch den Eindruck, dass Sydney in seinem Leben etwas gut machen will. Die Hintergründe seines Handelns werden gegen Ende der Geschichte angesprochen und erklären dadurch seine Motivation.

SYDNEY (auch bekannt als HARD EIGHT und in Deutschland als LAST EXIT RENO) ist der Debütfilm des Ausnahmeregisseurs Paul Thomas Anderson (BOOGIE NIGHTS, THERE WILL BE BLOOD) aus dem Jahre 1996. Er basiert auf seinen 24-minütigen Kurzfilm CIGARETTES & COFFEE (1993), in welchem sich Menschen in einem Café unterhalten und auf seltsame Weise miteinander verbunden sind – in Form einer 20 Dollar Banknote. Der Kurzfilm wurde auf dem Sundance Filmfestival gezeigt und Anderson daraufhin zum Sundance filmmakers‘ lab eingeladen. Nach einem Deal mit Rysher Entertainment konnte er seinen ersten Spielfilm drehen, und er entschied sich, die Idee aus dem Kurzfilm in einen Spielfilm umzuwandeln. Mit Rysher hatte Anderson diverse Probleme hinsichtlich Laufzeit und Titel (aus SYDNEY wurde HARD EIGHT), doch schließlich wurde der Film in Cannes 1996 in der Kategorie Un Certain Regard gezeigt. Der Grundstein für seine Karriere, die bisher von fünf herausragenden Spielfilmen geschmückt wird, war gelegt.
In SYDNEY übernimmt Philip Baker Hall wie auch im Kurzfilm die Hauptrolle des alten Spielers Sydney. Neben ihm spielt John C. Reilly den einfach gestrickten und vom Pech verfolgten John. Weitere Hochkaräter in Nebenrollen sind Gwyneth Paltrow und Samuel L. Jackson.

Was mir so gut am Film gefällt ist die Reife, mit der Anderson bereits seinen ersten Film angegangen ist. Im Alter von nur 26 Jahren zeigt er nicht nur durch seine Stärke als Autor, interessante und realistische Dialoge zu schreiben, sondern vor allem Figuren mit großer Tiefe und Motivation zu kreieren. Gleichzeitig stellt man bereits bei diesem ersten Film fest, dass Anderson ein Filmnarr ist, der ähnlich wie Tarantino Film quasi inhaliert hat. Die Einstellungen und Kamerafahrten sind durchdacht, interessant und durchweg motiviert. Die Kamera fährt nie, um sich zu feiern, sondern passt sich immer der aktuellen Situation der Szene an. Besonders in diesem Aspekt der bewegten Kamera erkennt man sofort das große Vorbild Martin Scorsese, und in der Tat könnte man, wenn man es nicht besser wüsste, den Eindruck gewinnen, dass Scorsese hinter SYDNEY steckt. Aber Paul Thomas Anderson ist kein billiger Scorsese-Abklatsch, sondern nutzt die Elemente, die er beobachtet und internalisiert hat, um seine eigene Geschichte zu erzählen. Dies gelingt ihm auf hypnotisierende Art und Weise, und SYDNEY wird nicht nur dramaturgisch, sondern auch filmtechnisch zum Genuss für alle anderen Filmfreaks. Wer die Ähnlichkeiten nicht sieht, dem empfehle ich, zeitnah SYDNEY, TAXI DRIVER (De Niro verschwindet am Bildrand, die Kamera schwenkt weiter durch den Taxi-Fuhrpark, und am Ende taucht er wieder auf – gleiches passiert mit Philip Baker Hall im Casino) und GOODFELLAS (Dollyfahrten in den Dialogen) zu schauen.
SYDNEY ist wahrscheinlich Andersons unbekanntester Film, und wurde natürlich durch seine spätere Filmographie weiter in den Schatten gestellt. Ich kann aber trotzdem jedem nur empfehlen, sich seinen ersten Spielfilm genau anzuschauen und darauf hinweisen, wie gut und reif er bereits zu dem Zeitpunkt als Autorenregisseur gewesen ist. Seinen Kurzfilm CIGARETTES & COFFEE kann man übrigens auf hier auf vimeo ansehen. Die Bildqualität ist grottig, aber es ist nun mal nur ein alter VHS-Rip.

Fazit

Paul Thomas Anderson gehört zu meinen absoluten Lieblingsregisseuren der Gegenwart und ist wahrscheinlich der größte Vertreter des modernen amerikanischen Autorenkinos. Sein Debütfilm SYDNEY taucht auf filmisch und dramaturgisch hochinteressante Weise in die Spielerwelt ein, begeistert durch seine Dialoge und das überragende Spiel von Philip Baker Hall und John C. Reilly. Der Anfang einer großartigen Karriere.

SYDNEY (HARD EIGHT)
USA 1996
Regie: Paul Thomas Anderson
Drehbuch: Paul Thomas Anderson
Kamera: Robert Elswit
Schnitt: Barbara Tulliver
102 min.

8/10

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