RESERVOIR DOGS

Veröffentlicht: 13. Dezember 2011 in reviews
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Wenn man sich rückwirkend RESERVOIR DOGS ansieht, kann man nur darüber staunen, wie gut Tarantino bereits in seinem ersten Spielfilm war. Weltberühmtheit erreichte er zwar erst durch das Folgewerk PULP FICTION, doch wird RESERVOIR DOGS allgemein als genialer Kultfilm und gelungenes Debüt angesehen. Die Story ist einfach: sechs Gangster werden beauftragt, einen Juwelier auszurauben. Sie bekommen von ihrem Auftraggeber Codenamen: Mr. White (Harvey Keitel), Mr. Orange (Tim Roth), Mr. Blonde (Michael Madsen), Mr. Pink (Steve Buscemi), Mr. Blue (Edward Bunker) und Mr. Brown (Tarantino). Der Überfall geht völlig schief, überall ist Polizei und es kommt zur Schießerei. Einige werden verwundet oder sterben. Die Verbliebenen sammeln sich in einem abgelegenen Lagerhaus, welches als Sammelpunkt dient. Hier spielt der Großteil der Geschichte, und hier versuchen sie auch herauszubekommen, wer sie verpfiffen hat. Denn da die Polizei so früh schon anwesend war, sind sie sich (fast) einig, dass ein Maulwurf unter ihnen ist.

RESERVOIR DOGS ist in seiner Einfachheit ein genialer Erstlingsfilm. Gefühlte 90% des Films spielen ausschließlich in der leer stehenden Lagerhalle, und die Handlung ist in erster Linie Dialog. Eine von Tarantinos größten Stärken tritt hier schon zum Vorschein. Sich die Dialoge der zahlreichen Charaktere anzuhören und sie dabei zu beobachten, wie sich sie über Banalitäten unterhalten, wie etwa Madonnas „Like a Virgin“ oder die Philosophie des Trinkgelds, ist unbestritten das große Highlight des Films.

Gleichzeitig ist die zweite große Säule die zerlegte Narration. Wir erleben die Geschichte, die eigentliche Handlung des Überfalls, seiner Vorbereitung und der Durchführung, nicht in chronologischer Reihenfolge, sondern steigen nach einem Intro direkt nach dem kolossalen Fehlschlag ein. Mr. Orange liegt mit einem Bauchschuss verwundet auf der Rückbank eines Autos, während Mr. White versucht, ihn zu beruhigen und Richtung Lagerhalle zu fahren. Dort sind sie die ersten, die angekommen sind, und wir erfahren nur in Fetzen, was alles schief gelaufen ist. Der nächste Ankömmling ist Mr. Pink. Er ist auch der erste, der von einem Maulwurf im Team spricht. Während nun immer mehr aus der Gruppe eintreffen, bekommen wir in einzelnen Etappen Rückblicke auf die Charaktere, und wie sie für den Job rekrutiert wurden.
Die Entscheidung, RESERVOIR DOGS derartig zu fragmentieren, hat mehrere Ergebnisse: zum Einen wird der Film dadurch noch interessanter und kurioser und fordert eine gewisse Aufmerksamkeit. Gleichzeitig löst er damit auch das Problem, dramaturgisch zu monoton zu werden und ermöglicht es, aus der Lagerhalle immer wieder herauszuspringen. Tarantino war natürlich nicht der erste, der mit der Chronologie im Film brach, aber er ist dafür verantwortlich (vor allem durch PULP FICTION, wo das Konzept perfektioniert wurde), dass dies ab den Neunziger Jahren zur Mode wurde und mittlerweile fast schon Voraussetzung für einen „coolen“ Film ist. Wie viele Filme beginnen inzwischen mit dem Ende? Man kann zu Tarantino stehen wie man möchte, aber es ist nicht von der Hand zu weisen, welchen Einfluss er mit seinen ersten beiden Filmen auf die Filmgeschichte hatte und auch jetzt noch immer hat. Zudem konnte er die Branche ein wenig aufbrechen. Besonders nach PULP FICTION haben Studio-Chefs erkannt, dass auch Filme mit vergleichsweise geringem Budget richtig Geld einspielen können, wenn man einen kreativen Kopf einfach mal etwas Anderes machen lässt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ohne Tarantino viele Filme von Regie-Neulingen so ohne weiteres wären realisiert worden.

RESERVOIR DOGS ist eine Hommage an den klassischen Heist Film. Tarantino wollte wieder einen solchen Film im Kino sehen und entschied sich, dies selbst in die Hand zu nehmen. Sein großes Glück war, dass Hauptdarsteller Harvey Keitel (MEAN STREETS, THE PIANO) das Drehbuch in die Hände bekam und den Film unbedingt realisieren wollte. So kam zum Einen das New Yorker Casting zustande und außerdem die finanzielle Unterstützung für das Projekt.
Quentin Tarantino ist mit RESERVOIR DOGS ein Kultfilm gelungen. Man findet beinahe in jedem Dialog ein gutes Filmzitat, das man zum Besten geben kann. Viele Tarantino-Momente, die sich in den späteren Filmen ähnlich oder in variierter Form wieder finden lassen, sind bereits hier zu sehen, z. B. der klassische Schuss aus dem Kofferraum, die prekäre Situation mit gezückten Waffen vor einem Shootdown, die Anzüge, die vorzügliche Musikwahl.
Ich schaue mir sehr gerne Erstlingswerke an (zuletzt PTA‘s SYDNEY), weil von ihnen eine gewisse Faszination ausgeht. Man sieht einerseits eine Karriere in den Kinderschuhen, aber gleichzeitig schon das große Potential und die Energie, die nur noch kanalisiert werden muss in weiteren Projekten. Manche Regisseure finden ihre eigene Sprache erst im Laufe der Zeit. Leute wie Tarantino oder Anderson haben sie schon sehr früh, und man muss ihnen einfach die Möglichkeit geben, sie zu kommunizieren. Ein kleines Detail am Rande: der Cop, der in der berüchtigten Szene von Michael Madsen gefoltert wird, ist Kirk Baltz, der 1993 zusammen mit Philip Baker Hall in Paul Thomas Andersons Kurzfilm CIGARETTES & COFFEE gespielt hatte, aus welchem später dessen Debüt SYDNEY entstehen sollte.

Fazit

RESERVOIR DOGS ist ein Kultfilm und ein raffiniertes Beispiel für kreatives Independent-Kino eines genialen Autorenregisseurs, der selbst so viel Film konsumiert hat und diese Eindrücke durch seinen kreativen Denkapparat hat wandern lassen, um sein eigenes Ding daraus zu machen und durchzuziehen. Ein Film, den sich auch jeder aufstrebende Filmemacher ansehen sollte.

RESERVOIR DOGS
USA 1992
Regie: Quentin Tarantino
Drehbuch: Quentin Tarantino
Kamera: Andrzej Sekula
Schnitt: Sally Menke
99 min.

9/10

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Kommentare
  1. Willkommen zur Hitparade…
    Ganz großer Film – ich muss ihn mal wieder gucken und mal komplett im O-Ton!

  2. Dr. Borstel sagt:

    Was soll man sagen – ganz starke Nummer! Ich habe ihn ehrlich gesagt nie im O-Ton gesehen, klare Lücke meinerseits, aber auch so: Ein Meilenstein.

  3. gerry42 sagt:

    Kann ich nur zustimmen, ein Klassiker. Vor allem vom handwerklichen Standpunkt aus ist der Film perfekt (innovative Kameraführung, aufgebrochene Chronologie…). Und dann noch die Dialoge – ein Traum. Sollte jeder mal gesehen haben, der sich Filmfan nennt.

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