Thor, Sohn Odins und Thronerbe Asgards, ist ein stolzer, eingebildeter und unbedachter junger Mann. Da er sich gegen den Willen des Vaters und gegen das Gesetz Asgards verhalten hat, wird er von Odin seiner Kräfte beraubt und zusammen mit seinem Hammer Mjölnir auf die Erde verbannt, wo er sich als würdiger Thronfolger Asgards erweisen soll. Er landet in New Mexico und trifft dort auf die Astrophysikerin Jane Foster. Zusammen mit ihrer Hilfe will Thor seinen Hammer wiedererlangen und muss sich schließlich seinem Ränke schmiedenden Bruder Loki stellen, der es natürlich selbst auf den Thron abgesehen hat.

Thor ist eine auf der nordischen Mythenfigur basierende Heldenfigur der Marvel Comics, und da er zusammen mit u. a. Captain America, Iron Man und The Hulk das Superteam The Avengers bildet, war es bereits absehbar, dass auch seine Abenteuer verfilmt würden. Machen wir uns keine Illusionen: die Marvel Filme, die auf die Avengers hinauslaufen, sind eine brillant kalkulierte Marketing Attacke auf die Geek-Nerven und Sehnsüchte aller Superhelden-Fans, und so ziemlich jeder, der die Comics liest, wird voraussichtlich auch die Filme schauen, so dass die Kasse vorprogrammiert klingeln kann. Man kann nur jedes Mal hoffen, dass der entsprechende Film auch hält, was der Fan sich von ihm verspricht. Manchmal wird man positiv überrascht (IRON MAN), oft eher enttäuscht, wie das auch bei THOR der Fall ist. Ich muss vorweg nehmen, dass ich bisher kaum bis gar keine Marvel Comics gelesen habe und daher die Figuren nur als kulturelles Gemeingut oder eben aus den Filmen kenne. Mein Eindruck jedenfalls ist, dass mit THOR eine Figur thematisiert wurde, die schlichtweg uninteressant und über weite Teile auch unsympathisch ist. Zu wenig gibt der Charakter her, um daraus tatsächlich eine dramatische und motivierte Geschichte zu bilden. Thor (Chris Hemsworth) ist groß, stark, eingebildet und schwingt seinen Hammer. Natürlich ist er von Herzen gut. Um wahrer König zu werden, muss er Demut lernen und überlegt handeln, anstatt wie ein stumpfsinniger Dummkopf zu agieren. Er ist nun mal der nordische Donnergott, zumindest in der Mythologie der Menschen. Im Film jedoch gehört er einer außerirdischen Zivilisation namens Asgard an, die zu den neun Reichen gehört. Eine andere ist die Erde, und eine weitere Jötunland, das Reich der Frostriesen. Dass die Asgardianer genau so aussehen wie die Menschen, aber beide so gar nicht wie die Riesen, können wir als hinzunehmendes Detail abnicken. Einst rettete Odin die Menschheit vor den Riesen, dadurch gründete sich der Götterkult der Wikinger. Verbunden sind die Reiche durch eine hoch entwickelte Technologie, welche eine Einstein-Rosen-Brücke (ein Wurmloch) herstellen kann. Auf diese Weise wird Thor von Odin (Anthony Hopkins) auf die Erde verbannt.

Thors Bewährung beginnt also hier, während wir in paralleler Erzählung in Asgard die Machtübernahme Lokis (Tom Hiddleston) erleben, nachdem Odin aufgrund eines Schwächeanfalls bettlägerig wird. Wie bereits erwähnt, ist der eindimensionale Ausgangscharakter Thors die Crux des Films, denn nie müssen wir wirklich um ihn fürchten. Auch ohne seine Superkräfte kann er problemlos in eine gesicherte militärische Anlage (der Organisation S.H.I.E.L.D.) einbrechen und sich dort gegen die Soldaten behaupten. Der Kulturschock zwischen Thor und den Menschen unserer Gegenwart, der vorhersehbar ist, fällt vergleichsweise gering aus. Außer Acht gelassen, dass Thor Englisch spricht (bitte einfach hinnehmen), beschränken sich seine Probleme in der Zivilisation der Menschen auf rüpelhaftes Verhalten bei Mahlzeiten und gelegentliche Zusammenstöße mit Kraftfahrzeugen. Die schnelle Hilfe in solchen Situationen liefert Astrophysikerin Jane Foster (Natalie Portman). Ihre Figur ist Beleg dafür, dass nicht allein die archetypische Figur Thors ein Problem ist, sondern fast alle Charaktere schwach, oberflächlich, oder wie im Falle von Janes Assistentin, überflüssig sind. Natalie Portman spielt ihre Rolle souverän runter und wird so wenig gefordert wie zuletzt von George Lucas. Ihre Wissenschaftlerin wirkt eher wie eine typische UFO-Jägerin. Zu oft wird in Filmen das Unvermögen (und zugegebenermaßen die Schwierigkeit), eine realistische Person der Wissenschaft darzustellen, mit der Ausrede heruntergespielt, dass die Figur eben eine unkonventionelle Wissenschaftlerin ist, die im Abseits ihrer Kollegen agiert. Jane Foster wird begleitet von der eben erwähnten Assistentin Darcy (Kat Dennings), die außer permanenten Sidekick-Kommentaren in Form von Einzeilern lediglich die Funktion hat, in einer einzigen Szene als Avatar des Zuschauers zu agieren und sich von Dr. Erik Selvig (Stellan Skarsgard) erklären zu lassen, was eine Einstein-Rosen-Brücke ist. Selvig ist also der dritte im Wissenschafts-Bunde, und seine bescheidene Aufgabe ist es, seine junge Kollegin hin und wieder zur Vorsicht zu raten. Außerdem hat er, wie sich herausstellt, Connections zu S.H.I.E.L.D.-Agent Nick Fury (Samuel L. Jackson), der, wie wir aus den Outros der anderen Marvel Filme wissen, die Avengers zusammenstellt. Die Charaktere sind also eindimensional, ihre Geschichte lässt uns nicht mit ihnen leiden, und zu allem Überfluss ist der Antagonist auch noch schwach. Tom Hiddleston (MIDNIGHT IN PARIS) ist wie einige andere im Ensemble ein interessanter und talentierter Mime, doch sein Loki gibt einfach zu wenig her, um ihn wirklich fürchten und hassen zu können. Und was ist ein Superheldenfilm ohne den richtigen Bösewicht? Man denke an Lex Luthor, den Joker, Magneto oder jüngst Red Skull…

Mir ist außerdem sehr negativ aufgefallen, dass die Kleinstadt in New Mexico wirkt wie eine Minikulisse aus einem Western. Gefühlt besteht sie nur aus zwei Locations, während der Rest jederzeit umfallen kann und nur noch endlose Wüste offenbart. Ein etwas dürftiges Setting, dass mich ein wenig an Ang Lees HULK erinnert.
Ich würde nicht so weit gehen und THOR einen kompletten Fehlschlag nennen. Es gibt weitaus schlechtere Comicverfilmungen. Außerdem gibt es nicht nur negative Kritikpunkte zum Film. Mir gefällt beispielsweise der Look Asgards. Weniger seine Gebäude und Architektur, als vielmehr die kosmische Kulisse, die Sternennebel, die man erblickt, wenn man von der „Regenbogen-Brücke“ aus den Horizont betrachtet. Mir haben auch die Frostriesen visuell gefallen, es wurde nur zu wenig gezeigt, außer dass sie im Schnee leben und Asgard hassen. Farblich ist THOR ansprechend, und auch die visuellen Effekte können sich sehen lassen, aber das reicht einfach nicht. Regisseur Kenneth Branagh, bekannt für die Verfilmung von Shakespeare Material (u. a. der 70mm Version von HAMLET), konnte mit seiner Comicverfilmung kein Ausrufezeichen setzen. THOR ist mittelmäßiges Fantasyspektakel mit massiven Problemen bzgl. Dramaturgie und Charaktere. Insgesamt wirkt der Film auf mich einfach wie der notwendige Lückenfüller für den Avengers Film, und schwimmt im Strom der zahlreichen Comicverfilmungen lediglich mit. Da ich in guter Laune war und es tatsächlich Momente gibt, in denen ich Spaß am Film hatte, schneidet er dennoch vergleichsweise gut ab (so wie vor einiger Zeit schon TRON: LEGACY eine eigentlich zu hohe Wertung von mir bekommen hatte). Aber was sagen schon Punkte aus?

Fazit

Comic-Fans werden THOR sowieso schauen, und wahrscheinlich auch die geplante Fortsetzung. Zuvor werden wir Thor jedoch im Ensemble sehen, in THE AVENGERS, welcher 2012 in die Kinos kommt. Thor gehört von den Avengers Figuren nicht zu meinen Favoriten, ähnlich wie der Film im Vergleich zu den anderen schlecht abschneidet. Für einen leichten und kurzweiligen Unterhaltungsabend reicht THOR aber allemal aus.

THOR
USA 2011
Regie: Kenneth Branagh
Drehbuch: Ashley Miller, Zack Stentz, Don Payne
Kamera: Haris Zambarloukos
Schnitt: Paul Rubell
115 min.

6/10

Kommentare
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