Billy Beane ist Manager der Oakland Athletics, einem Baseball Club mit niedrigem Etat, welcher in den Playoffs der Postseason an den Favoriten aus New York scheitert. Das Team kann einfach finanziell nicht mithalten, zudem verliert Beane nach der Saison seine drei Starspieler, die von größeren Clubs gekauft wurden. Eines ist für ihn klar: um in die World Series zu gelangen und diese auch zu gewinnen, muss er anders denken als die etablierten und finanziell starken Vereine. Beane lernt den nerdigen Yale Absolventen Peter Brand kennen, der selbst nie Baseball gespielt hat, aber einen Wirtschaftsabschluss hat und den Sport aus rein statistischer Perspektive betrachtet und analysiert. Zusammen stellen sie die über hundertjährige Tradition auf den Kopf, hören nicht mehr auf alte Hasen des Scout-Teams, sondern stellen ein finanziell günstiges Team zusammen, bestehend aus unterbewerteten Spielern, welches laut Analyse statistisch gesehen in der Lage sein soll, in den Playoffs Erfolg zu haben.

MONEYBALL ist die Verfilmung des gleichnamigen Buchs von Michael Lewis (Moneyball: The Art of Winning an Unfair Game) und thematisiert die Saison 2002 der Oakland Athletics, die als erstes Team empirische spielrelevante Daten in großem Rahmen sammelten und analysierten (Sabermetrics), um daraus die wirklich funktionierende Konstellation eines Siegerteams zu ermitteln und gleichzeitig vermeintlich bewährte Elemente wie Erfahrung und Intuition von Scouts und Baseball-Insidern ausschlossen. In der Saison brachten es die A‘s nach einem Fehlstart schließlich auf den American League Rekord von zwanzig aufeinanderfolgenden Siegen, scheiterten schließlich aber dennoch in den Playoffs. Danach wurde das computergestützte System von anderen Clubs übernommen, und zwei Jahre später gewannen die Boston Red Sox mit der gleichen Methode (aber größerem Etat) die World Series.

Wenn man das Buch nicht kennt und auch über den Film noch nicht viel gehört hat, so könnte man nach dieser Einleitung einen typischen amerikanischen Sportfilm über Baseball erwarten. Eine Sportart, die in Deutschland kaum Beachtung findet und von den wenigsten verstanden wird. Tatsächlich kann Bennett Millers (CAPOTE) Film aber als herausragendes Drama gesehen werden, als Charakterstudie eines Mannes, der, als Spieler gescheitert, schnell ins Scouting und später ins Management wechselte, und für welchen Verlieren schlimmer ist als nicht zu gewinnen. MONEYBALL funktioniert für jeden Zuschauer. Man muss sich weder großartig für Sport interessieren, noch benötigt man Wissen über Baseball. Denn thematisiert werden die Ereignisse hinter den sportlichen Kulissen, im Bereich des Managements. In ruhigen Dialogszenen, die vor allem dann herausragen, wenn Beane (Brad Pitt) und Brand (Jonah Hill) sich gegenüber stehen, oder wenn Beane sich mit dem starrköpfigen Cheftrainer, gespielt von Philip Seymour Hoffman, anlegt und versucht, ihm die neue Denkweise einzutrichtern, entfaltet sich ein intelligentes und beeindruckendes Drama. MONEYBALL ist kein actionreicher Sportfilm, wenn auch einzelne Spielszenen nachgestellt wurden (und immer wieder original Footage verwendet wird), die manchmal auf die obligatorische Heranfahrt kurz vor dem Big Point hinauslaufen (Kamera führte übrigens Christopher Nolan Kollaborateur Wally Pfister). Diese kurzen Klischee-Ausflüge halten sich jedoch sehr in Grenzen. Der Film muss insgesamt als rundum gelungenes Werk gesehen werden, weil er den Konflikt zwischen Alt und Neu, zwischen Intuition und Empirie, zwischen Tradition und fortschrittlichen Methoden, aufs Beste zur Sprache bringt. Der sportliche Aspekt rückt in den Hintergrund, denn Baseball ist für den Manager und sein Team Business (er will nicht ein Mal bei den Spielen anwesend sein, sondern schaltet nur hin und wieder das Radio ein). Spieler werden getradet wie Geräte, die man austauscht. In einigen starken Szenen werden Spieler darüber informiert, dass sie soeben transferiert oder in die Minor League degradiert wurden.  Auch hier ist der Kontrast zwischen Jonah Hill und Brad Pitt interessant. Während es dem Jungen offensichtlich schwer fällt und es ihn mitnimmt, den Spielern die schlechten Nachrichten mitzuteilen und persönliche Gefühle nicht aufkommen zu lassen, ist der Manager in diesem Bereich der Mannschaft gegenüber völlig distanziert.

In einigen Rückblicken wird gezeigt, wie Beane als junger Mann von Scouts das Angebot für einen Profivertrag erhält und in Anwesenheit seiner Eltern vor die Entscheidung gestellt wird, Profispieler zu werden oder doch sein College-Stipendium wahrzunehmen. Beane entscheidet sich für den Baseball, auch weil die Scouts ihm eine große Karriere prophezeien. Diese wird er nie erreichen, und diese Fehlentscheidung verfolgt ihn weiterhin. In einer Szene sagt Beane zu seinem jungen Assistenten:

I may lose my job. In which case I‘m a 44 year old guy with a high-school diploma and a daughter I‘d like to be able to send to college.

Im Streitgespräch mit einem alten Scout unterstellt jener, dass Beane sich durch die Sabermetrics lediglich an den Scouts rächen will, die ihn damals falsch eingeschätzt hatten. Er hat vielleicht nicht ganz unrecht, wenngleich Rache wahrscheinlich ein zu starker Begriff ist. Vielmehr scheint es, dass Beane etwas richtig stellen will oder, wie er wieder im Vertrauen zu Brand sagt, das „Spiel verändern möchte“, der ganzen Sache einen „Sinn“ geben möchte. Eine Siegesserie von zwanzig Siegen zählt letztlich gar nichts für ihn, sofern das Team am Ende ausscheidet.
MONEYBALL ist intelligentes Kino mit herausragenden schauspielerischen Leistungen, allen voran Brad Pitt und Jonah Hill (SUPERBAD). Beide wurde für den Oscar als bester Haupt- bzw. Nebendarsteller nominiert. Insgesamt wurde MONEYBALL sechs Mal nominiert, unter anderem auch als bester Film und als bestes adaptiertes Drehbuch (Aaron Sorkin und Steven Zaillian). Wahrscheinlich hat der Film nur Außenseiterchancen, die begehrte Trophäe zu ergattern, nichtsdestotrotz ist MONEYBALL ein großartiges Beispiel, wie innerhalb der Rahmenbedingungen Sport und Business eine sehr persönliche und ergreifende Geschichte einer Person erzählt wird. In dieser Hinsicht erinnert MONEYBALL an THE SOCIAL NETWORK (Drehbuch ebenfalls aus der Feder Sorkins) und steht Finchers Film auch kaum nach.

Fazit

Ein gelungenes Drama mit fantastischen Dialogen und einer Spannung, die aus den Motivationen und Gefühlen des Hauptcharakters entspringt. Es wird interessant sein zu sehen, wie sich ein Baseballfilm in deutschen Landen schlagen wird. Ich kann nur erneut darauf hinweisen, dass man kein Vorwissen über den Sport haben muss, um MONEYBALL verstehen und genießen zu können. Eines der Highlights des Filmjahres 2011.

MONEYBALL
USA 2011
Regie: Bennett Miller
Drehbuch: Steven Zaillian, Aaron Sorkin
Kamera: Wally Pfister
Schnitt: Christopher Tellefsen
133 min.

9/10

Kommentare
  1. Flo Lieb sagt:

    Fand ihn ganz gut, allerdings wäre m.E. mehr drin gewesen, wenn man sich mehr auf den Sabermetrics-Aspekt und weniger auf Pitts Hauptfigur konzentriert hätte. Die Schauspielleistungen gingen auch in Ordnung, „herausragend“ finde ich allerdings etwas zu viel des guten. Auf jeden Fall en bessere Drehbuch von Sorkin als bei seinem gurkigen Facebook-Movie.

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