In einer Zukunft oder alternativen Welt ist Zeit das wichtigste und einzige Zahlungsmittel. Alle Menschen sind genetisch so vorprogrammiert, dass mit ihrem 25. Geburtstag eine interne Uhr startet und rückwärts abläuft. Ein Jahr noch, dann stirbt die Person. Allerdings kann sie in diesem verstreichenden Jahr Zeit erarbeiten, tauschen, stehlen. So kommt es schließlich zu kapitalistischen Auswüchsen, wo arme Schlucker mit den letzten verbleibenden Stunden zu Verzweiflungstaten gezwungen werden, wohingegen abgeschottete Privilegierte Jahrhunderte und Jahrtausende sammeln, quasi unsterblich sind und sicher in der High Society herumgeistern.
Will Salas (Justin Timberlake) ist einer aus dem Slum. Sein 25. Geburtstag ist drei Jahre her. Seitdem arbeitet er in einer Fabrik (die Zeit-Speicherkassetten herstellt) und hält sich irgendwie am Leben. Seine Mutter Rachel (Olivia Wilde) ist seit 50 Jahren auf der Welt, bleibt aber äußerlich unverändert, wie alle anderen auch, deren 25. Geburtstag erreicht wurde. Alte Menschen in unserem Sinne gibt es nicht in dieser Welt. Nur Menschen, die reich an Zeit sind. Einen solchen Menschen lernt Will zufällig kennen, und völlig unerwartet erhält er vom lebensmüden Mysteriösen dessen verbleibende Zeit, über ein Jahrhundert, als Geschenk. Was wäre die Welt jetzt besser, wenn da nicht plötzlich Wills Mutter sterben müsste, deren Zeit abgelaufen ist, weil sie ein Treffen mit ihrem Sohn zu ihrem Geburtstag verpasst hat, der ihr weitere Zeit noch hätte schenken können. So wird aus Will ein Rebell, der fortan das System stürzen möchte. Problematisch wird es aufgrund des Timekeepers Raymond Leon (Cillian Murphy), dem es scheinbar gar nicht in den Kram passt, dass Will einfach so ein Jahrhundert geschenkt bekommen hat und nun in Kreisen verkehrt, derer er nicht würdig ist. Will wird der Mord an dem Mysteriösen angehängt, und so ist der Held nun während seiner Revoluzzermission auch noch auf der Flucht.

IN TIME ist eine düstere Vision, in der die Schattenseiten der heutigen Wirtschaftswelt allegorisch auf die Spitze getrieben werden. Die Idee ist frappierend. Zeit, die einzige Ressource, die uns weiterhin unweigerlich durch die Finger gleitet, wird zum Zahlungsmittel und Weg in die Unsterblichkeit. Wer möchte nicht unsterblich werden? Doch wenn alle Menschen dies wären, wie sähen dann die Konsequenzen aus? Überbevölkerung, Versorgungsprobleme? Liegt es nicht auf der Hand, dass nur eine exklusive Gruppe dieses Privileg haben sollte, auf Kosten der Anderen? Die Parallelen zu unserer Gegenwart sind offensichtlich und nicht zufällig, und meist funktioniert Science Fiction dann am besten, wenn genau das passiert. Aber leider auch nur, wenn der Rest stimmt, denn eine gute Idee alleine reicht leider nicht aus. Wertvoll wird sie erst dann, wenn sie gut umgesetzt ist. Und hier scheitert IN TIME leider genau so wie SURROGATES oder auch DAYBREAKERS und zahlreiche andere mittelmäßige Titel. Es ist wirklich schade, denn gerade Regisseur Andrew Niccol hat bereits bewiesen, dass er in der Lage ist, eine düstere Dystopie gekonnt filmisch umzusetzen (GATTACA). Die anfangs so faszinierende Idee jedoch hat mit so vielen Plausibilitätsgrenzen zu kämpfen, dass es schwer fällt, das gesamte System der „Timezones“ logisch zu erfassen. Beließe man es einfach dabei, wäre immer noch ein halbwegs überzeugender Film möglich gewesen, aber innerhalb dieses fragwürdigen Szenarios werden im Verlauf Handlungslöcher und Fehler am Fließband offenbart, so dass die gesamte Konstruktion (und man kann sie nur als solche auffassen) gehörig ins Wanken gerät. Man kann die Motiviation und Vorgehensweise des Protagonisten in Frage stellen, denn der Auslöser für seine Quest, der Tod seiner Mutter nach dem erhaltenen 100-Jahre-Geschenk, wird schnell und auf dilettantische Weise abgefrühstückt. Man kann regelrecht die Dramaturgen bei der Besprechung hören: „Seine Mutter muss sterben! Dann kann er losziehen.“ – „Soll sie ermordet werden?“ – „Nein, zu einfach, aber sie könnte durch das System sterben, damit er sich am System rächen will!“ – „Soll ihre Zeit ablaufen? Aber würde sie da nicht aufpassen?“ – „Das passt schon, es kommt einfach was dazwischen, was sie mit ihrer 25-jährigen Erfahrung im Zeit-Haushalten nie einplanen würde.“

Sei‘s drum: Wills Mutter stirbt, und nun wird über Nacht aus dem jungen Fabrikarbeiter und Slumdog ein eleganter, moderner Robin Hood, ausgestattet mit Kampferfahrung, Waffenkunde, Fahrkünsten und dem irgendwann erlernten Wissen, wie man sich in höheren Kreisen so bewegt. Es folgt eine Verfolgungsjagd, die zum Glück nicht so viele Schießereien und Explosionen enthält wie SURROGATES, was den Film dadurch etwas besser macht, aber einfach in den meisten Szenen die traurige Feststellung hervorruft, wie viel besser alles hätte sein können. Hauptdarsteller Justin Timberlake kann man hierbei keine Vorwürfe machen, denn er erledigt seinen Job solide und wird von der Rolle nie gefordert. Dass er es viel besser kann, hat er in THE SOCIAL NETWORK zeigen dürfen. Amanda Seyfried (MAMMA MIA!), die Timberlake im Laufe der Handlung auf der Flucht begleitet, füllt ebenso eine überwiegend leere Figurenhülle aus. Aber ein solider Cast kann nun Mal nicht über flache Figuren hinwegtäuschen. Der interessante Cillian Murphy (INCEPTION, SUNSHINE) kann in einigen Szenen ein wenig heraus kitzeln, aber letztlich ist er in der Klischee-Figur des sterilen Behörden-Cleaners gefangen. Und so zieht sich alles bis zum recht vorhersagbaren Ende hin (in welchem dann erneut eine aberwitzige Konstruktion dafür sorgt, dass es noch Mal spannend wird, obwohl ein kurzes Nachdenken der Protagonisten alles viel einfacher hätte machen können, aber ich möchte nicht spoilern).
Übrig bleibt ein solider, durchschnittlicher SF-Thriller, der besser ist als andere, aber über Durchschnitt einfach nicht hinaus kommt. Ärgerlich sind jedenfalls die nicht durchdachten Elemente (u. a. der gesamte Prozess des Zeit-Tauschens mittels Griff an den Unterarm – eine nicht plausible und völlig unsichere Methode für den Austausch der wertvollsten Ressource auf dem Planeten. Zudem ist die Feststellung interessant, dass man in dieser Welt scheinbar erst ab dem 25. mündig wird, da man ja ohne Zahlungsmittel zuvor nichts erwerben kann.), die für mein Empfinden vereinzelt haarsträubend sind und daher für mich der Beweis, dass IN TIME nur eine Lightversion eines imaginären Films ist und echte SF-Fans nicht begeistern kann. Intelligentes Kino geht anders, das sollte auch Niccol (GATTACA, LORD OF WAR) wissen.
Gleichzeitig hat IN TIME einen gewissen Unterhaltungswert, und auch wenn ich die Hoffnung im Vorfeld nicht aufgegeben hatte, möglicherweise einen richtig guten Film zu sehen, waren meine Erwartungen doch moderat. Somit ist meine Enttäuschung nicht allzu groß gewesen und ich konnte dem Film doch ein wenig abgewinnen.

Fazit

Man kann sich IN TIME ansehen, als simplen SF-Thriller für zwischendurch. Wer allerdings wirklich intelligentes SF-Kino sehen möchte, ist bei anderen Filmen besser aufgehoben. Regisseur Andrew Niccol selbst hat einen solchen besseren Titel mit GATTACA beigetragen. Spontan fallen mir weiterhin CHILDREN OF MEN, EQUILIBRIUM, V FOR VENDETTA, THE ROAD, MINORITY REPORT und natürlich 1984 ein.

IN TIME
USA 2011
Regie: Andrew Niccol
Drehbuch: Andrew Niccol
Kamera: Roger Deakins
Schnitt: Zach Staenberg
109 min.

6/10

Kommentare
  1. Budgues sagt:

    Ich fand die Idee bzw. das Konzept hinter dem Film in der Hinsicht erschreckend, dass man sich danach dabei erwischt, wie man doch geneigt ist, auf seinen Unterarm zu schauen. Was heutzutage doch noch das Konto ist, das sogar den roten Bereich ausreizen kann, ohne, dass das Herz gleich stehen bleibt, ist im Film eben der durchaus begrenzte und brutal gnadenlose Countdown im Unterarm.

    Über die folgenden Kontextfehler und die schauspielerische Leistung (ich fand die Hauptdarstellerin z.B. einfach nur schlecht) und demnach die Qualität des ganzen Films kann man tatsächlich streiten. Davon war ich auch nicht begeistert. Da wären mir in manchen Bereichen bessere Lösungen eingefallen. Aber eben der Gedanke hinter diesem Countdown – das hat mich fasziniert, begeistert und erschreckt.🙂

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