Das Herz eines Cineasten schlägt immer dann höher, wenn er entweder ein altes Meisterwerk (neu) entdeckt, aber auch dann, wenn er einen neuen Film sehen darf, der mal wieder ganz anders ist als bisher Gesehenes. Dabei muss nicht das Rad neu erfunden werden (was mittlerweile auch schier unmöglich ist), aber es reicht schon aus, bekannte Motive und Muster auf neue Weise zu interpretieren und zu inszenieren. Spektakuläre Autoverfolgungsjagden gab es bereits (und damit meine ich die wirklich guten und kohärenten Choreographien wie z. B. in BULLIT, THE FRENCH CONNECTION oder RONIN und nicht Chaosmontagen der aktuelleren Actionstreifen), ebenso das Heist Motiv und den mysteriösen Einzelgänger ohne Namen. Die Liste ließe sich beliebig fortführen. Wie immer gilt: nicht die Idee, nicht die einzelnen Elemente, sondern das Händchen bei der Mixtur und der grundlegenden Stimmung machen schließlich die Differenzierung aus zwischen Industriestandard und kreativer Abweichung. Regisseur Nicolas Winding Refn war somit die beste Wahl, die getroffen werden konnte, um die Romanvorlage von James Sallis filmisch reizvoll umzusetzen. Wer BRONSON und VALHALLA RISING gesehen hat, der ist sich vorab bewusst, dass DRIVE kein gewöhnlicher Actionfilm sein kann. Und so übertrifft Winding Refn die Erwartungen in allen Belangen und bringt einen Genremix ins Kino, welcher wie bei seinem letzten Film das Publikum spalten wird.

DRIVE ist die Geschichte eines Stuntfahrers (Ryan Gosling) aus Hollywood, der tagsüber mit waghalsigen Autostunts an den Studiosets seine Brötchen verdient, jedoch einen kriminellen Hintergrund als Fahrer von Fluchtwagen hat. Zu Beginn des Films lernen wir ihn bei einer solchen Operation kennen. Gleich in dieser Sequenz bereitet Winding Refn uns darauf vor, nachfolgend keinen hirnlosen Actionstreifen, sondern einen durchdachten und visuell höchst anspruchsvollen Film zu erleben. In der Montage dieser ersten Flucht erkennen wir die gesamte Organisation des Fahrers. Er stoppt die Zeit, hat das komplette Straßennetz im Kopf und mehrere Routen vorbereitet, er rast nicht blind vor der Polizei davon, sondern nutzt das Terrain wie ein Raubtier, schaltet das Licht an und aus, hält den Wagen an und wartet ab, parkt kurz und gibt schließlich nur dann Vollgas, wenn er hundertprozentig entdeckt worden ist, nur um dann schließlich den Wagen samt seiner Insassen sicher in die Tiefgarage eines Stadions zu bringen und im Fangetümmel unter den Augen der Polizei unterzutauchen. Diese Szene ist nicht wild zusammengeschnitten. Stattdessen kann der Zuschauer den Ereignissen stets folgen und sie im imaginären Raum zuordnen. Der Fahrer redet nur, wenn es nötig ist, ansonsten kaut er auf seinem Zahnstocher herum und ist konzentriert. Für seine Umwelt ist er ein merkwürdiger Eigenbrötler. Doch er lernt die bezaubernde Irene (Carrey Mulligan) und ihren kleinen Jungen kennen und entwickelt einen Beschützerinstinkt für seine fragile Nachbarin. Zwischen den beiden entwickelt sich romantische Energie, doch Irenes Mann Standard (Oscar Isaac) kommt in Kürze aus dem Gefängnis frei. Standard steht auf der Liste von Mafia-Gangstern, und der Fahrer entscheidet sich, ihm bei einem erzwungenen Coup als Fahrer zu unterstützen.

Es ist nicht nötig, den Plot von DRIVE weiter auszuführen. Wie man sich denken kann, wird nicht alles ganz so geplant und glatt laufen, und so werden der Fahrer, Irene und Standard in einen Sumpf des Verbrechens und der Gewalt gezogen, aus welchem der Ausweg schwierig erscheint. Interessant an dem Film ist wie eingangs erwähnt, dass kaum eine Szene klischeehaft und vorhersehbar erscheint, genau so wie es sich als schwierig herausstellt, den Film einem klaren Genre zuzuordnen. DRIVE ist nicht nur ungemein spannendes Crime-Kino, sondern gleichzeitig eine Charakterstudie, in welcher Gosling (LARS AND THE REAL GIRL, THE IDES OF MARCH, CRAZY, STUPID, LOVE.) mit Subtilität herangeht und mit Kleinigkeiten dazu beiträgt, seinen Charakter zu vermitteln. Sein Fahrer ist ein Soziopath mit einem guten Willen, den man zuletzt so ähnlich verkörpert von Robert De Niro als Travis Bickle sehen konnte. Er ist ruhig, lächelt liebevoll, geht zärtlich mit Irene und dem Kind um, doch wenn er austickt, dann gehen sämtliche Sicherungen mit ihm durch. Die von ihm ausgeübte Gewalt ist ausufernd und im Verhältnis zu seinen Gegnern überproportional. Gosling strahlt in diesen Momenten eine befremdende körperliche und sexuelle Spannung aus, als schiene alles bei ihm unterdrückt zu sein, bis er nur noch auf diese Weise ausbrechen kann. Die für mich beste Einstellung des Films ist das Close Up seiner Jacke, auf deren Rücken ein aufgestickter goldener Skorpion durch seine heftige Atmung nach einem Gewaltexzess scheinbar selbst tief ein- und ausatmet wie das wilde Raubtier, welches explosionsartig zum Angriff überwechseln kann und seine Beute gnadenlos erledigt. Gosling schafft es, dass dem Zuschauer ob seiner Reaktionen Angst und Bange wird.
Nun könnte man nach diesen Worten vermuten, dass DRIVE eine heftige Gewaltorgie ist. Man könnte nicht ferner von der Wahrheit sein. Der große Clou des Films ist, dass er über weite Strecken ruhig ist und die Spannung aufbaut. Selbst Dialoge sind, besonders zwischen dem Fahrer und Irene, auf das absolute Minimum heruntergefahren. Die Schauspieler arbeiten mit ihren Blicken und der Körpersprache. Carrey Mulligan (NEVER LET ME GO, BROTHERS), die laut Winding Refn in dem Moment, da sie sein für den Dreh zur Verfügung gestelltes Haus betreten hatte, auf der Stelle für den Part gecastet wurde, ist mit ihrer verletzlichen und zarten Präsenz der passende Kontrast nicht nur zu Gosling, sondern zum ganzen gewalttätigen Umfeld. Auch das Casting von Albert Brooks als Mobster und Bryan Cranston (bekannt aus Malcolm in the Middle) als Vaterfigur des Fahrers sind gute Entscheidungen gewesen. Und so gelingt es dem Regisseur, diese bizarre Atmosphäre zu verfeinern, vor allem durch das Spiel mit Farben und durch die Wahl des Retro-Soundtracks. All das macht die Figuren und den Film seltsam fremd, wie in einer eigenen Welt lebend, die so in dieser Form nur im Kopf Winding Refns existiert.

Fazit

DRIVE ist vorzügliches Kunst-Kino und zählt für mich zu den besten Filmen von 2011. Ein elektrisierender Ryan Gosling und die feste und visionäre Hand von Regisseur Nicolas Winding Refn bringen einen Film zustande, den man nicht so schnell vergisst, und den man auch nach einer Weile immer noch nicht wirklich einordnen kann. So mancher wird ähnliche Probleme haben wie mit VALHALLA RISING (der mir auch sehr gut gefallen hatte), aber es wäre schade, sich den Film wegen solchen Vorbehalten entgehen zu lassen. DRIVE begeistert nicht nur als bizarre Charakterstudie, sondern als visuell beeindruckendes Gesamtwerk und ebenso in den originellen Fahrszenen, die es in sich haben und die es sich verdient haben, mit oben genannten Filmen in einem Kontext genannt zu werden.

DRIVE
USA 2011
Regie: Nicolas Winding Refn
Drehbuch: Hossein Amini
Kamera: Newton Thomas Sigel
Schnitt: Matthew Newman
100 min.

10/10

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Kommentare
  1. Flo Lieb sagt:

    Ich mochte den Film – im Gegensatz zu BRONSON und WALHALLA RISING – sehr🙂

  2. kulii sagt:

    Noch ein Grund mehr mir den Film anzusehen. Beim Trailer dachte ich mir immer,“ach so ein stink normaler Actionfilm mit Autos. Nur was für Jungs!“ Aber jetzt habe ich schon öfters von den guten Bewertungen gelesen und auch mündlich wurde er mir schon oft empfohlen…
    Langsam wird es echt Zeit den zu sehen. Ich bin ja auch ein große Ryan Gosling fan❤

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