Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird die hysterische Sabina Spielrein (Keira Knightley) in die Zürcher Universitätsklinik, auch als Burghölzli bekannt, eingewiesen und dort von Arzt und Psychologe Carl Gustav Jung (Michael Fassbender) behandelt. Dieser nutzt die Methode seines geschätzten Kollegen und Gründers der Psychoanalyse Sigmund Freud (Viggo Mortensen), um der jungen Frau zu helfen. Im Laufe der Zeit macht sie Fortschritte, beide nähern sich an, und gleichzeitig lernen sich die Psychologen Jung und Freud persönlich kennen und beginnen eine regelmäßige Korrespondenz über Schriftverkehr. Dabei geraten sie schließlich aufgrund ihrer unterschiedlichen Auffassungen aneinander. Der verheiratete Jung hadert mit sich selbst, ob er seine unterdrückten Gefühle für Spielrein, seiner Patientin, Geliebten und schließlich Kollegin, ausleben soll, während der Konflikt mit dem Mentor Freud auf die Spitze getrieben wird.

A DANGEROUS METHOD ist die Verfilmung des Theaterstücks The Talking Cure, welches wiederum auf John Kerrs Buch A Most Dangerous Method: the story of Jung, Freud, and Sabina Spielrein basiert. Der kanadische Kultregisseur David Cronenberg (EASTERN PROMISES, VIDEODROME, SCANNERS) macht aus dem historischen Material über die Anfänge der Psychoanalyse sowie Jungs analytischer Psychologie ein überaus packendes Drama. Da der Film überwiegend aus Dialogen besteht, seien es fachliche Gespräche zwischen Freud und Jung oder zunächst fachliche und dann zunehmend persönliche zwischen Jung und Spielrein, ist es umso erstaunlicher, wie originell und einfallsreich Cronenberg vorgegangen ist. Aus diesem Grund möchte ich den Fokus dieser Review auf diesen Aspekt legen. Man kann als Regisseur Dialogszenen, z. B. zwischen zwei Schauspielern, auf unzählige Arten und Weisen realisieren. Wenn wir Elemente wie die räumliche Platzierung der Darsteller, deren Spiel, die Beschaffenheit und das Aussehen des Hintergrundes, Props, Kostüme sowie die Beleuchtung mal als bereits festgelegt erachten, so stellt sich als nächstes hauptsächlich die Frage: wo befindet sich die Kamera? Ist sie fest oder fährt sie? Welche Objektive werden verwendet?

Wenn es um die Positionierung der Kamera(s) geht, so lässt sich ganz schnell ein Unterschied zwischen einem durchschnittlichen standardisierten (Hollywood)Film und einem Film, der das Medium auch wirklich ausnutzt, feststellen: während der Standardfilm natürlich (meistens) funktioniert, wird die Dialogszene oft nach der gleichen Formel realisiert, indem sie mit mindestens drei unterschiedlichen Einstellungen gedreht wird. Eine weite, welche beide Darsteller gemeinsam im Bild zeigt, sowie jeweils ein close up pro Schauspieler. So lässt sich im Nachhinein die gewünschte Montage erreichen, denn alle Ereignisse sind eingefangen und während des Schnitts lassen sich die Einstellungen beliebig kombinieren. Dabei hat sich in der Entwicklung der Filmproduktion eine Art Habitualisierung der Einstellungen eingeschlichen. Es fällt mir schwer, genau zu terminieren, ab wann dieser Prozess seinen Lauf genommen hat (das können Filmhistoriker besser). Jeder von uns, der im Normalfall eine bestimmte Anzahl von Mainstream-Filmen konsumiert, kennt die typischen Dialogeinstellungen so gut, wenn auch unbewusst. Der klassische Schuss-Gegenschuss, meist realisiert durch zwischenzeitliche over-the-shoulder Einstellungen, immer wieder kombiniert mit der weiten Einstellung, ist jedem Kinogänger so ins Blut gegangen, dass diese Einstellungen nicht weiter salient sind und teilweise erwartet werden. So sieht nun mal ein Dialog aus – keine Überraschungen bitte. Dabei ist das kein bewusster Prozess des Zuschauers. Das Fatale an der ganzen Sache ist, dass dadurch das Medium Film auf die reine Handlung beschränkt wird. Wir betrachten den Dialog und werden über den weiteren Handlungsverlauf informiert, und dann gehts einfach weiter. Man trägt uns auf sicherem und bewährtem Wege durch die Handlung. So wird daraus ein Medium für Leute, die zu faul sind, das Buch zu lesen. Film ist in erster Linie ein visuelles Erlebnis, doch genau dieses Element, die Studie der laufenden Einstellung durch den Zuschauer, verkümmert zunehmend. Kein Wunder, da wir völlig unterfordert sind. Interessant wird es dann, wenn der Filmemacher auch als solcher vorgeht, und versucht, mit der Wahl der Einstellung, des Objektivs usw. etwas zu vermitteln, ein Gefühl für das ganze Setting zu kommunizieren, das er selbst bei der Konzeption des Films spürte. Eine überraschende, untypische Einstellung während einer Dialogszene verwirrt den Zuschauer mittlerweile, weil er völlig aus seiner Lethargie herausgerissen wird. Entweder reagiert er nun empört über den merkwürdigen Film (ohne wirklich greifen zu können, was ihn stört), oder aber er wird plötzlich stimuliert und fängt an, den Film anders zu konsumieren.

Vielleicht kann man das ein wenig mit Groschenromanen und seriöser Literatur vergleichen. In diesem Zusammenhang fällt mir ein, wie Ende 2010 das Gerücht kursierte, dass Regisseur Steven Soderbergh seinen Job in absehbarer Zeit an den Nagel hängen möchte. Dazu äußerte sich Kollege Matt Damon mit den Worten:

Cinema interested him in terms of form and that‘s it. He says: ,If I see another over-the-shoulder shot, I‘m going to blow my brains out.‘ (Quelle)

Auch wenn mich die Vorstellung, dass Soderbergh irgendwann keine Filme mehr machen will, schockierte, konnte ich dieses Zitat absolut nachvollziehen. Film kann nicht nur sein, den Zuschauer von A nach B zu ziehen. Wenn Film als Kunst funktionieren soll, dann muss der Betrachter die Möglichkeit haben, sich mit dem Werk tiefergehend auseinanderzusetzen, und das kann nicht geschehen, wenn jeder Film auf die gleiche Weise aufgebaut ist. Was kann man nun tun, wenn man das ehrliche Interesse hat, Film auf einer anderen Ebene zu konsumieren? Nun, meist hilft ein Blick in die zurückliegende Filmgeschichte bei den alten und vergangenen Meistern des Fachs. Dennoch gibt es keinen Grund für Weltuntergangsszenarien, solange Regisseure wie David Cronenberg (und zahlreiche weitere) aktiv sind, die Film genau so verstehen und ihre Vision in jeder Einstellung ausdrücken, ohne sich durch Szenen zu mogeln. Dies macht für mich (neben der mich interessierenden Thematik der Psychoanalyse) A DANGEROUS METHOD zu einem überaus interessanten Highlight des Filmjahrs 2011. Es lohnt sich, Cronenbergs Film weitere Male zu schauen, um speziell auf die von mir angesprochenen Einstellungen zu achten. Sie sind anders, sie sind untypisch, sie sind speziell. Er verwendet z. B. weite Objektive, welche beide Darsteller inkl. Hintergrund im Schärfenbereich lassen und auch die Größenverhältnisse zwischen den Akteuren verändern. Die Einstellungen sind ruhig, ohne wackelige Handkamera (die natürlich nicht ins Wiener Setting passen würde) und schaffen es, zu einer so spannenden Montage beizutragen, die sich fast ausschließlich mit Gesprächen befasst. Auch Cronenberg ist nicht unumstritten, besonders in seiner eigenen Kultfangemeinde, die ihm ankreidet, seine Genialität, die er in skurrilen und bizarren Filmfantasien auslebte, mittlerweile für mainstreamige und „gewöhnliche“ Filme verraten zu haben. Cronenberg ist sich dieser Kritik bewusst, betont aber auch in zahlreichen Interviews, dass er ausschließlich von Film zu Film denkt, und seine ganzen bisherigen Titel während der Produktion eines neuen Films für ihn nicht existent sind. Ich gehöre zu denjenigen, die sowohl mit seinen skurrilen „Body Horror“ Filmen, aber auch mit seinem „Spätwerk“, sehr viel anfangen können. Sowohl A HISTORY OF VIOLENCE als auch EASTERN PROMISES haben mir gut gefallen, so wie auch sein aktueller Film A DANGEROUS METHOD. Und wenn ich es wie Cronenberg selbst halten soll, also nur von Film zu Film denke, dann ist A DANGEROUS METHOD einfach gut!

Fazit

Spannender Film und sehr überzeugende darstellerische Leistungen aller drei Hauptakteure. Vor allem auch eine mutige Performance von Keira Knightley. Filmisch wie erwähnt hochinteressant und meiner Meinung nach ein Lehrstück für alle angehenden Filmemacher. Kleine Abzüge wie etwas veraltet wirkende CGI beeinträchtigen das Gesamtergebnis kaum, da diese Elemente absolut untergeordnet sind.

A DANGEROUS METHOD
UK, D, CAN, CH 2011
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: Christopher Hampton
Kamera: Peter Suschitzky
Schnitt: Ronald Sanders
99 min.

9/10

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Kommentare
  1. Flo Lieb sagt:

    Landete bei mir in der Flop 10 2011, grauenhaft von vorne bis hinten, allen voran die Knightley *duckundweg*

    • indy sagt:

      Grauenhaft von vorne bis hinten? Da fallen mir ja zahlreiche Titel an, auf die ich diese Beschreibung anwenden würde, aber sicher nicht bei diesem Film! So unterscheiden sich aber nun mal die Geschmäcker!😉

  2. […] ___________________________________ Andere Meinungen aus der Film-Blogosphäre: Going to the Movies (8/10) Indy’s Film Reviews (9/10) […]

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