AMADEUS

Veröffentlicht: 11. März 2012 in flashback reviews
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Jedes Mal, wenn es darum geht, dass ich meine Lieblingsregisseure aufzähle, kommen einige dabei zu kurz. Warum ich sie in dem Moment nicht auf dem Schirm habe, ist schwer auszumachen, gerade weil ich ihre Filme verehre. Einer dieser Regisseure ist Milos Forman. Vier seiner Filme zählen zu meinen Favoriten, die ich fast immer sehen kann und hoch schätze: ONE FLEW OVER THE CUCKOO‘S NEST, MAN ON THE MOON, GOYA‘S GHOSTS und AMADEUS. Letzterer räumte 1985 bei den Oscars kolossal ab (insgesamt acht Trophäen) und begeistert mich jedes Mal von Neuem.
Es war eine mutige Entscheidung, einen solch aufwändigen Film über klassische Musik und über Mozart zu drehen. Man kann nicht sagen, dass der Erfolg (besonders beim primären amerikanischen Publikum) vorprogrammiert war. Dabei handelt AMADEUS nicht in erster Linie von dem größten musikalischen Genie aller Zeiten, sondern es wird aus der Perspektive des Zeitzeugen Antonio Salieri (F. Murray Abraham), Hofkomponist am Wiener Kaiserhof, erzählt. Der war ein durchschnittlich begabter Komponist, hatte aber zumindest das Ohr, gute Musik als solche zu erkennen. Mit dem Auftauchen Mozarts (Tom Hulce) am Hof wird Salieri der Spiegel seines eigenen Mittelmaßes permanent vorgehalten, und während er Mozarts Musik als die Stimme Gottes mit Zittern und Tränen in den Augen liebt, beginnt er, den jungen Exzentriker hassen zu lernen und erklärt Gott selbst, von dem er sich verraten fühlt, den Krieg.

AMADEUS beginnt Jahre später in einer Irrenanstalt, in welcher der uralte Salieri einem jungen Priester seine Geschichte berichtet, die fortan in Form von Flashbacks erzählt wird. Dabei wird gleich zu Beginn die Andeutung gemacht, Salieri könnte für den Tod Mozarts verantwortlich gewesen sein. Diese Theorie, die Salieri zum Bösewicht werden lässt, basiert auf dem Theaterstück von Peter Shaffer, welcher auch das Drehbuch zu Formans Film verfasste. Für die Dramaturgie ist das die beste Entscheidung, denn Salieri funktioniert perfekt als Repräsentationsfigur des Zuschauers. Die Mehrheit der Menschen ist nun mal nicht mit Genialität gesegnet, dafür ein großer Teil mit Ambition, Ehrgeiz und hochfliegenden Plänen. Wie fühlt man sich da, wenn einem plötzlich ein Genie gegenüber steht? Nicht weniger als die musikalische Stimme Gottes zu sein wünscht sich Salieri, doch er muss feststellen, dass ein anderer dazu auserkoren wurde, und diese Erkenntnis lässt ihn verbittert und voller Hass. Ausgerechnet Mozart! Ein kleinwüchsiger Junge mit dem Lachen eines Eunuchen, ein vulgärer Herumtreiber, ein Partylöwe und Witzbold. Hier zahlt sich die Entscheidung Formans aus, Mozart zum anachronistischen Outlaw und Punk zu machen. Seine Perücken unterscheiden sich von den anderen, haben einen Touch Farbe oder einen wirren Schnitt, passen einfach nicht zum Umfeld. Sein kindhaftes Getue und Gelächter zeugen von seiner Unschuld, während gleichzeitig das Feuer in ihm brennt, wenn er etwa dem österreichischen Kaiser für sein neues Werk begeistern will. Man fragt sich, welche Genkombinationen aufeinander treffen müssen, damit wie durch scheinbaren Zufall ein solches Jahrhunderttalent geboren wird. Und so können wir mit Salieri mitfühlen, so hinterhältig und böse er sich auch verhält. Denn die Kränkung, die er erleidet, können wir nachvollziehen. Warum er und nicht ich!?

Gut war auch die Entscheidung, dem ganzen Film die Note von Leichtigkeit zu verleihen und daraus keinen Bildungsfilm zu machen. So gibt es immer wieder Ausflüge in amüsante Szenen, und Forman lässt zahllose Gesichter kurze komödiantische Momente kreieren. Dennoch hat AMADEUS tiefe Momente, die weit in die Gefühlswelt besonders Salieris blicken lassen. Das Spiel von F. Murray Abraham (LAST ACTION HERO, STAR TREK: INSURRECTION) weist unzählige Nuancen auf. Er kontrolliert seine Mimik und blendet in die Hofetikette ein, doch die Anwesenheit Mozarts lässt seine Fassade zunehmend bröckeln, er verliert schneller die Fassung und Gefühle kommen an die Oberfläche, wenn auch nur angedeutet. F. Murray Abraham und auch Tom Hulce (ANIMAL HOUSE) waren in einer Doppelnominierung als beste Hauptdarsteller für den Oscar vorgeschlagen. Letztlich durfte F. Murray Abraham mit der goldenen Statuette nach Hause gehen. AMADEUS gewann auch in weiteren großen Kategorien als bester Film, für das beste Drehbuch und für die beste Regie. Natürlich gingen auch die Oscars für Kostüm, Make Up und Art Direction an AMADEUS. Dazu genügt das Herauspicken einer beliebigen Szene: Mit immensem Aufwand und Liebe zum Detail tragen die fantastischen Kostüme, Perücken und Ausstattung dazu bei, die Atmosphäre entstehen zu lassen. Gedreht wurde überwiegend in Tschechien, wo die historische Kulisse Prags einen Riesenanteil zum Gesamtbild beitragen konnte. Dass schließlich mit Mozarts Klängen eine der wahrscheinlich besten Filmmusik aller Zeiten den Ton schmücken konnte, rundet AMADEUS grandios ab. Nicht zu vergessen bei all dem schönen Beiwerk sollten die rundum guten schauspielerischen Leistungen des Ensembles sein, die von der bezaubernden Konstanze (Elizabeth Berridge) über den steinernen Leopold (Roy Dotrice) bis hin zum zwischen Staatsräson und Spaß abwägenden Kaiser Joseph II. (Jeffrey Jones) reichen. Mit komödiantischem Timing und schön geschriebenen Zeilen tragen die zahlreichen Figuren in jedem Moment etwas zum Gesamtzauber bei.
Die Originalfassung dauerte 160 Minuten. Damals nahm Forman Material heraus, das nicht zwingend für die Handlung benötigt wurde, da die Befürchtung im Raum schwebte, das Publikum könne sich mit der Musik und dem Leben eines seit zwei Jahrhunderten Verstorbenen schwer tun. Im Zuge des DVD-Releases entschied sich Forman, wieder zur gewünschten Fassung zurückzukehren und fügte 20 Minuten des gestrichenen Materials wieder in den Film. Für diese Sichtung habe ich den dreistündigen „Director‘s Cut“ auf Blu-Ray gewählt (die Unterschiede der Versionen kann man hier einsehen). Die Qualität der immerhin fast 30 Jahre alten Bilder auf der BD ist übrigens phänomenal und kann nur weiter empfohlen werden.

Fazit

AMADEUS ist ein großartiger und aufwändiger Film mit viel Humor und Gefühl. Die Person und das Genie Mozarts, erzählt und betrachtet aus der Perspektive des hoffnungslos unterlegenen Rivalen, übt einen starken Reiz aus und lässt den Zuschauer trotz allem eine gewisse Sympathie für Salieri empfinden. Die Musik und damit der Soundtrack stehen außer Frage und müssen an dieser Stelle nicht weiter kommentiert werden. Jeder, der Mozart mag oder die Gefühlswelt Salieris nachvollziehen kann, sollte sich den Film ansehen. Für jeden, der einen farbenfrohen und gut gelaunten Blick auf den Wiener Kaiserhof des 18. Jahrhunderts werfen möchte, ist AMADEUS der richtige Film. Großes, opulentes und historisches Kino.

AMADEUS
USA 1984
Regie: Milos Forman
Drehbuch: Peter Shaffer
Kamera: Miroslav Ondrícek
Schnitt: Michael Chandler, Nena Danevic (Director‘s Cut: T.M. Christopher)
180 min. (Director’s Cut)

10/10

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