CHUGYEOGJA (THE CHASER)

Veröffentlicht: 22. Juli 2012 in reviews
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Jung-ho ist ein ehemaliger Polizist, der nun als Zuhälter arbeitet und seine Callgirls den Kunden aus einem heruntergekommenen Büro heraus per Telefon vermittelt. Wenn es ein Problem mit den Freiern gibt, ist er zur Stelle – nicht, weil ihm so viel an den Frauen liegt, sondern weil er Angst um seine Investitionen hat. Nachdem Mi-jin, eines der Mädchen, verschwindet, ist er überzeugt davon, dass der Freier sie gekidnappt und verkauft hat. Was er nicht ahnt ist die wahre Natur des Freiers: Young-min ist tatsächlich ein Serienkiller, der Frauen gerne mit Hammer und Meißel bearbeitet. Diese Erkenntnis dämmert Jung-ho erst im Laufe der nun resultierenden Jagd.
Auf dem ersten Blick eine herkömmliche und geradlinige Handlung, wie sie schon in zahlreichen Filmen vorgekommen ist, weist THE CHASER mindestens zwei große Stärken auf. Erstens ist die eigentlich erwartete Handlung bereits nach kurzer Zeit abgelaufen, denn Jung-ho macht Young-min früh ausfindig und man fragt sich, welche Stolpersteine jetzt noch im Weg stehen. Diese tauchen in Form der südkoreanischen Polizeibehörde auf, welche durch ihr inkompetentes und fahrlässiges Verhalten die vollständige Aufklärung und Rettung massiv beeinträchtigt. Ähnlich wie in Bong Joon-hos MEMORIES OF MURDER steigt die Frustration angesichts der geballten Unfähigkeit der Justiz. So wird aus dem vermeintlichen frühen Ende der Geschichte erst der eigentliche Anfang des Films. Der zweite Punkt, der mich beeindruckt hat, ist die Tatsache, dass man aufgrund der handwerklichen Qualität des Thrillers ahnen würde, den Film eines erfahrenen Regieveteranen zu sehen. Tatsächlich aber ist THE CHASER das Spielfilmdebüt von Na Hong-jin (THE YELLOW SEA). Und er weiß zu beeindrucken: der Regisseur und Drehbuchautor kontrolliert den Film von vorne bis hinten, setzt vor allem Hauptdarsteller Kim Yun-seok (THE YELLOW SEA, PUNCH) ungemein gut in Szene.

Die anfangs gänzlich unsympathische Hauptfigur macht im Laufe der Geschichte die unvermeidliche Wandlung durch, und mit zunehmender Ahnung ob des wahren Schicksals Mi-jins (Seo Yeong-hie) fiebert der Zuschauer mit den Entscheidungen Jung-hos mit und hofft auf ein gutes Ende. In Tradition des modernen koreanischen Films kann sich das Publikum nicht darauf verlassen, dass alles so kommt wie man es erwarten würde. Nas Dramaturgie sorgt in dieser Hinsicht für Hochspannung und grenzenlose Frustration. THE CHASER bietet wieder ein Mal ein Finale, das es in sich hat und die wenigsten unberührt lassen wird. Mir gefällt die gesamte Optik des Films (Kamera: Lee Sung-je), die Montagen nicht nur in den Jagdszenen sind gekonnt und nehmen dem Zuschauer nicht die Orientierung. Der Realismus, der dadurch in den zahlreichen Szenen auf den Straßen Seouls entsteht, ist genau der Grund, warum dieser Thriller anderen Beispielen des Genres, leider besonders aktuellen amerikanischen Vertretern, überlegen ist. Das soll nicht bedeuten, dass das Drehbuch komplett realistisch und ohne Abstraktion ist – im Gegenteil. THE CHASER ist konstruiert, und zwar genauso, dass die Frustration des Zuschauers permanent neu gefüttert wird mit Informationen und Abläufen, die Hoffnungen erwecken und diese dann zunichte machen. Dies erzielt der Regisseur durch die bodenständige Inszenierung, ohne große Effekte, Explosionen oder die Physik missachtende Kämpfe. Dabei lässt er Figuren mit Schwächen und ohne übermenschlichen Superkräfte agieren. Die Polizisten sind keine Übercops, der Serienkiller ist kein Mastermind (er ist intelligent, aber er macht Fehler), und der Zuhälter ist am Rande seiner Kräfte. Irgendwann hält ihn nur noch der pure Wille auf den Beinen, und der Wunsch, der kleinen Tochter Min-jins ihre Mutter zurück zu holen. Jäger und Gejagter treffen in Nas zweitem Film THE YELLOW SEA in vertauschten Rollen erneut spektakulär gegeneinander an. Hier ist Ha Jung-woo (TIME) mit der Rolle des Serienkillers ein wenig unterfordert und kann auch aufgrund der sterotypen Figur weniger Akzente setzen als Kim Yun-seok, der in allen Belangen begeistert.

Fazit

THE CHASER ist ein super Thriller mit hohem Frustrationsfaktor. Das Spielfilmdebüt von Na Hong-jin (THE YELLOW SEA) ist ein überragendes Beispiel für intelligentes, wenn auch brutales Hochspannungskino aus Südkorea.

CHUGYEOGJA [추격자] (THE CHASER)
KOR 2008
Regie: Na Hong-jin
Drehbuch: Lee Shin-ho, Na Hong-jin
Kamera: Lee Sung-je
Schnitt: Kim Sun-min
125 min.

9/10

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