THIEF

Veröffentlicht: 22. August 2012 in reviews
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Frank ist ein Profi-Dieb. Nach außen hin verkauft er Gebrauchtwagen, doch seiner wahren Berufung geht er nachts nach. Er arbeitet gerne unabhängig und alleine, lediglich wenige Vertraute unterstützen ihn bei seinen Coups. Als nach einem erfolgreichen Einbruch der Mann, der Frank seinen Anteil auszahlen soll, von Männern der Mafia niedergeschossen wird, verlangt Frank sein Geld von ihnen. Beeindruckt von seiner direkten Art und seinen Erfolgen, bietet Mafiaboss Leo (Robert Prosky) ihm eine lukrative Zusammenarbeit an. Diese jedoch handelt ihm viel Ärger ein. Polizeiüberwachung, Wanzen in seiner Wohnung. Er entscheidet sich, nur den einen Auftrag durchzuführen und sich dann von seinen temporären Geschäftspartnern wieder zu trennen.

THIEF ist das Kinofilm-Debüt von Michael Mann aus dem Jahre 1981 (zuvor hatte er den TV Film THE JERICHO MILE gedreht), einer der von mir meist geschätzten amerikanischen Regisseure der Gegenwart. Ein Genre kehrt bei Michael Mann immer wieder, und bereits in THIEF wurde es behandelt: der urbane Crime-Thriller oder Neo-Noir Thriller, der sich oft Menschen auf der anderen Seite des Gesetzes widmet. Und was die große Stärke Manns ausmacht, sind vor allem seine Figuren. Allesamt sind sie überzeugende Männer ihres Fachs, die ihr Werkzeug kennen und zu nutzen wissen, die eine Motivation haben und glaubhaft agieren. Sie bekommen dadurch eine Tiefe, dass sie als Charaktere in Manns Filmen den Zuschauer mitreissen und die Handlung gespannt verfolgen lassen. So ist bereits THIEF ein Thriller der überaus intelligenten Art, mit einem handfesten Plot und einem perfekt ausgearbeiteten Hauptprotagonisten, gespielt von James Caan (THE GODFATHER), der als einsamer Wolf bereits hier auf spätere Figuren in Manns Filmografie anspielt, seien es Robert De Niro in HEAT, Tom Cruise in COLLATERAL oder Johnny Depp in PUBLIC ENEMIES.

Caans Figur hat eine beachtliche Zeit im Gefängnis verbracht, und so teilt er salopp mit, dass der Bundesstaat ihn geformt habe. Im Gefängnis hat er auch seinen Beruf erlernt, von Meisterdieb Okla (Willie Nelson), seinem Mentor und Vaterersatz. In einer fantastischen Szene beschreibt Frank in einem Café sein bisheriges Leben und seine Erkenntnis, dass es nichts gibt, das zählt, nicht einmal er selbst, und dass nur diese Erkenntnis ihn am Leben gehalten hat, sowohl im Gefängnis als auch in der Freiheit. Dies erzählt er Jessie (Tuesday Weld), welcher er beim ersten Date auf frappierend nüchterne Weise ein gemeinsames Leben mit ihm anbietet. Wir kaufen Frank als Figur ab, der in manchen Situationen, z. B. beim Vorstellungsgespräch in einer Adoptionsagentur, seinen Jähzorn nicht unterdrücken kann und dann auf die Gewalt oder Wortausbrüche zurückgreift, die er gelernt hat. Er hat Schwächen und erhebliche soziale Defizite, doch er ist eine echte Figur. Und sobald ein Coup läuft, ist er ganz Profi. Diese Szenen, deren Highlight das Durchbohren der Mutter aller Tresortüren ist, begeistern in ihrer technischen Authentizität, welche wiederum ein Markenzeichen Manns ist. Und über alledem schwebt der allgegenwärtige weitere Protagonist, die Großstadt. THIEF beginnt in Chicago und wechselt dann zum Tresor-Coup nach Los Angeles. Die Motive und Einstellungen, in denen die Charaktere vor dem Lichtermeer der nächtlichen Metropole agieren, wird jeder wieder erkennen, der sich die Filme Manns genauer ansieht.

Die Handlung ist konventionell und birgt nicht viele Überraschungen. Sie ist vorhersehbar, und dennoch gelingt es Mann, dass man als Zuschauer mitfiebert und hofft, dass es dieser Kriminelle schafft, aus dem Schlamassel, in welches er sich hineingeritten hat, wieder heil rauszukommen. Und kommt man schließlich an den Punkt, Sympathie oder gar Begeisterung für die Tätigkeit des Diebesteam zu entwickeln, reisst THIEF uns aus der glorifizierten Vision und zeigt uns die Gewalt, die Gefahr und den Tod, die in diesem Metier einhergehen und hinter jeder Visage lauern können.
THIEF hat keine Action-geladenen Autoverfolgungsjagden, bis auf den letzten Akt keine Schießereien, keine coolen Jungs mit Knarren, sondern knallharte Profis, die in einer intelligenten Geschichte authentisch agieren und ihre Profession glaubwürdig zur Schau stellen; großartige Einstellungen in der Großstadt, das Auge für technische Details und plausibles Verhalten in Extremsituationen. Ein überaus gelungener Start einer großen Kinokarriere.

Fazit

THIEF ist einerseits interessant als eigenständiger hochklassiger Thriller. Weiterhin besteht der Reiz darin, Motive, Einstellungen und Themen festzustellen, welche in zahlreichen weiteren Filmen von Michael Mann weiterverarbeitet, zitiert und wiederholt werden. Man schaut sich Filme wie MANHUNTER, HEAT, COLLATERAL, MIAMI VICE etc. ganz anders an, wenn man auch diesen ersten Kinofilm Manns kennt und die Dinge sich herauskristallisieren, die ihn offensichtlich beschäftigen.

THIEF
USA 1981
Regie: Michael Mann
Drehbuch: Michael Mann
Kamera: Donald E. Thorin
Schnitt: Dov Hoenig
122 min.

9/10

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