Nach einem Motorbootunfall liegt Matt Kings (George Clooney) Ehefrau im Koma. Der auf Hawaii lebende Anwalt sieht sich nun mit der Aufgabe des Familienvaters konfrontiert und muss die Verbindung zu seinen beiden Töchtern, Teenager Alexandra (Shailene Woodley) und die zehnjährige Scottie (Amara Miller), wieder herstellen und sich auf ein mögliches Leben ohne die Ehefrau und Mutter einstellen. Gleichzeitig steht ein weiterer großer Einschnitt im Leben der Familie King bevor, da Matt als Hauptverantwortlicher eines Trusts kurz vor dem Multi-Millionen-Verkauf eines großen Stückes Land auf Hawaii steht, welches ihm seine Vorfahren, die sich bis zur Zeit König Kamehamehas zurückverfolgen lassen, anvertraut haben. Als er schließlich von Alexandra etwas über seine Frau erfährt, das ihm bisher unbekannt war (wer den Trailer gesehen hat, kennt diese Information bereits, aber ich halte sie hier lieber zurück – der Trailer spoilert in dieser Hinsicht mehr als meine Besprechung), steht er vor einer Reihe Entscheidungen, die irgendwie alle miteinander verbunden sind.

THE DESCENDANTS erzählt eine Geschichte aus dem Leben. Gewöhnliche Menschen werden von Schicksalsschlägen getroffen und müssen mit ihnen zurecht kommen, um ihr weiteres Leben in den Griff zu bekommen. George Clooneys Charakter Matt gehört zwar zur Oberschicht und sitzt durch den Trust auf einem Batzen Geld, doch er ist ansonsten ein normaler Mensch mit normalen Problemen. Gleich zu Beginn spricht Matt im Voice Over darüber, dass man nicht der Illusion verfallen sollte, Hawaii als ein Paradies und Schlaraffenland anzusehen. Krebs ist hier nicht weniger tödlich, Herzschmerz nicht weniger schmerzhaft. Und so erleben wir Matt als traurigen, mit seinen Töchtern überforderten Vater, der nicht sofort weiss, was zu tun ist und auch nicht gleich die richtige Antwort parat hat. Im Gegenteil: er macht Fehler, fragt gar Alexandras nervigen Freund Sid (großartig: Nick Krause), was dieser an seiner Stelle machen und ihm raten würde. Überhaupt ist dies Clooneys bisher stärkste schauspielerische Leistung, er wirkt durch und durch glaubwürdig und authentisch, meistert die zahlreichen Nuancen, die das Innenleben Matts spiegeln. Ich kannte bisher zwei Filme von Regisseur und Co-Autor Alexander Payne (ABOUT SCHMIDT und SIDEWAYS). THE DESCENDANTS gefällt mir am besten. Bis in die kleinste Nebenrolle wunderbar besetzt, von den Entdeckungen Woodley und Miller, die Clooneys Töchter spielen, über den bereits erwähnten Nick Krause, der es schafft, seine Figur nicht nur als Karikatur-Sidekick darzustellen, sondern als glaubwürdigen Teen mit eigenen Problemen, bis hin zu Beau Bridges als Cousin Hugh, der den Verkauf des Trusts durch die Familie vorantreiben will und dem verbitterten Schwiegervater Scott (ein stark gealterter Robert Forster) – ein gelungenes Ensemble.

Das Setting auf Hawaii ist ein ungewohntes und frisches Bild (nicht nur, Männer in Hawaii-Hemden beim Meeting zuzusehen). Neben Clooneys Spiel gefällt mir vor allem, dass Payne es schafft, den etwas gemächlicheren Lebensstil mit Allerweltsproblemen zu konfrontieren. So betrachten wir in den ersten Einstellungen die Geschichte um Matt King noch beinahe in schmachtender Urlaubsstimmung, um jedoch sehr schnell in die Handlung integriert zu werden und zu realisieren, dass wir uns mitten im Leben von Menschen befinden, die den Bezug zu ihrem (in diesem Fall sogar historisch weitergereichten) Land teilweise verloren haben und diesen erst durch die neue Extremsituation wieder ein wenig herstellen. So ist es keine große Überraschung, wenn Matt im Laufe der Handlung zunehmend Zweifel aufkommen, ob er wirklich das Land verkaufen sollte. Konfrontiert mit dem Quasi-Verlust seiner Frau, der Neuentdeckung seiner Töchter und Gedanken um seine Wurzeln steht der Trust exemplarisch für sein ganzes Leben und seine Familie. Zudem gefällt mir, dass viele kleine Themen und Momente behandelt werden,  mit Auffassungsgabe und Erfahrung aus dem Leben. So spiegelt sich das problematische Verhältnis zwischen Schwiegervater und Matt wider in der Konfrontation zwischen Matt und Alexandras neuem Freund. Und Alexandra sieht sich immer mehr in der Verantwortung, auf Scottie aufzupassen und ihr ein (besseres) Vorbild zu sein.

THE DESCENDANTS ist in wunderschönen Bildern fotografiert (Kamera: Phedon Papamichael), nicht nur die Außenszenen im Inselbundesstaat, sondern auch die Indoor-Aufnahmen wirken nicht gestellt und stilisiert, sondern wie Momentaufnahmen in den jeweiligen Haushalten. Die Schnittfrequenz ist niedrig gehalten und unterstützt dadurch die Handlung und die Gemütszustände der Figuren.
Alexander Payne versteht es wie nur wenige andere, Personen in kritischen Momenten ihres Lebens zu inszenieren und zu zeigen, wie sie mit ihren Erlebnissen oder Entscheidungen leben. Immer mit einer kleinen Prisen Humor, ohne in Slapstick zu verfallen, stets gefühlsbetont und an vielen Stellen herzergreifend, vermeidet er jedoch Kitsch und plumpe Versuche, auf die Tränendrüse zu drücken. THE DESCENDANTS ist ein durch und durch schöner Film mit hoher emotionaler Note, auch einer der besten Filme von 2011.

Fazit

Wunderbares Gefühlskino mit hochtalentierter Besetzung und einer großartigen schauspielerischen Leistung von George Clooney. Ein Film über Wurzeln, Familie, Verlust und Zusammenhalt.

THE DESCENDANTS
USA 2011
Regie: Alexander Payne
Drehbuch: Alexander Payne, Nat Faxon, Jim Rash
Kamera: Phedon Papamichael
Schnitt: Kevin Tent
115 min.

9/10

Kommentare
  1. Jau, nettes Filmchen, wobei ich Paynes andere Filme allesamt höher einstufen würde. Ich für mich merke jedenfalls, dass er nach SIDEWAYS in ein qualitatives Loch gefallen ist (s. das Skript zu CHUCK & LARRY). Das hier ist schon mal ein Anfang🙂

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