Um den Mörder von zwei scheinbar wahllos ausgesuchten Familien ausfindig zu machen, tritt FBI Agent und Psychologe Will Graham (William Petersen) wieder den Dienst an, nachdem er, traumatisiert von seinem letzten Fall, ausgestiegen war. Er lässt seine Frau und seinen Sohn im idyllischen Strandhaus zurück, um sich fortan in die Gedankenwelt der „Zahnfee“, wie der Serienmörder von den Ermittlern genannt wird, zu versetzen. Dabei benötigt er Hilfe, und er sucht den inhaftierten Dr. Hannibal Lecktor (Brian Cox) auf, ausgerechnet den Mörder aus seinem letzten Fall.

MANHUNTER ist die erste Verfilmung des Romans Red Dragon (Thomas Harris) und damit auch der erste Auftritt der Figur Hannibal Lecktor [sic!], welche ein paar Jahre später in THE SILENCE OF THE LAMBS (1991, Jonathan Demme) durch Anthony Hopkins als Hannibal Lecter berüchtigt werden sollte. Regisseur ist Michael Mann (HEAT, MIAMI VICE), und für viele gilt MANHUNTER als der erste echte Michael Mann Film. Korrekt ist, dass zahlreiche Markenzeichen und Themen aus Manns Filmen hier offensichtlich werden (Sehnsucht nach dem Meer und damit das Wasser-Thema, Isolation von Menschen in einem urbanen Dschungel, Einbindung in Architektur), dennoch sollte an dieser Stelle Manns erster Kinofilm THIEF nicht übergangen werden, der meiner Ansicht nach bereits eindeutig die Richtung angibt, welche Mann in den meisten seiner Werke weitergegangen ist. Meine letzte Sichtung von MANHUNTER war über zehn Jahre her (wie die Zeit vergeht!), doch selbst heute noch, im zweiten Anlauf 26 Jahre nach der Premiere, geht von dem Film eine Faszination aus, die auch nicht von der an einigen Stellen schlechten Alterung getrübt werden kann.

MANHUNTER ist ein Film der Achtziger, und diese Tatsache darf man nicht vergessen und sollte sie akzeptieren. In erster Linie trägt der Soundtrack dazu bei („In-A-Gadda-Da-Vida“…). Die Bilder jedoch, eingefangen von Kameramann Dante Spinotti (HEAT, THE INSIDER, ironischerweise auch RED DRAGON) in typischen Mann-Kompositionen, sind zeitlos und können es problemlos mit einigen Thrillern aus heutiger Zeit aufnehmen. Wie die meisten Michael Mann Filme ist auch MANHUNTER atmosphärisch und stilisiert, das aber auf einer Meta-Ebene. Die gezeigten Handlungen nämlich spiegeln den ebenfalls Mann-typischen Realismus. Was er in späteren Filmen perfektionieren sollte (hier muss natürlich HEAT als Vorzeigeobjekt dienen, aber man kann jeden der nach MANHUNTER folgenden Filme nehmen. Besonders MIAMI VICE würde ich in erster Linie als mood film bezeichnen), wird in MANHUNTER ebenso wie in THIEF in weiten Strecken angedeutet. An seinen Filmen gefällt mir besonders dieser Aspekt der Dualität, der sich in so vielen Bereichen widerspiegelt: Realismus vs. Gemütszustand, Protagonist als Spiegel des Antagonisten, von der „Natur“ losgelöster, aber sich nach ihr sehnender Großstadtmensch, Sehnsüchte und Wünsche vs. beruflicher (bzw. krimineller) Alltag.

Der berufliche Alltag, im Falle MANHUNTERS die Ermittlungen zur Festnahme der Zahnfee, wird mit viel Liebe zum Detail dargestellt. Jede Szene bei der Polizei / dem FBI ist hier glaubwürdiger als mittlerweile im Fernsehen verbreiteter CSI-Quatsch und das, obwohl veraltete Technik aus den Achtzigern verwendet wird. Die Rollen werden von den Schauspielern glaubhaft portraitiert, obwohl Mann damals kein großes Staraufgebot bekam. Brian Cox (X2, THE BOURNE SUPREMACY) spielt seine Hannibal-Version mit Intelligenz und ohne Effekthascherei. Seine Screentime ist begrenzt, aber es gelingt ihm, bleibenden Eindruck zu hinterlassen und den Zuschauer zu überzeugen, dass er und Graham eine fürchterliche Vergangenheit haben, die zu dessen Traumatisierung geführt hat. In der zweiten Hälfte des Films bekommt Tom Noonan (HEAT, SYNECDOCHE, NEW YORK) als der getriebene Serienmörder Francis Dollarhyde zunehmend Screentime, und auch er bringt eine glaubhafte Figur zustande, die in einer denkwürdigen Szene, die einen Tiger involviert, weitere Tiefe erkennen lässt.

Am meisten genieße ich an MANHUNTER die visuelle Umsetzung des Materials. Bereits die erste Szene (nach dem Home-Video Intro), in welcher Graham und sein Kollege Jack Crawford (Dennis Farina) auf einem großen Stück Treibgut am Strand sitzen, zeigt die meist asymmetrische Bildkomposition, die sich wie ein roter Faden durch Manns Filme zieht. Beide sitzen mit den Rücken zueinander an jeweils einem Ende des Treibguts wie zwei Pole. Auf der einen Seite das Paradies und die Ruhe am Meer, auf der anderen Seite das drohende Chaos des alten Lebens, getrennt von klarem blauen Himmel. In zwei mittleren Einstellungen des Dialogs wird die Distanz zwischen beiden verdeutlicht, indem Mann, anstatt den klassischen over-the-shoulder shot zu benutzen, den Rücken Farinas wie einen Fels im Vordergrund lässt, um auf Petersen zu schauen und diesen abzugrenzen. Die letzte Einstellung des Films schließt den Kreis am Strand erneut, diesmal in anderer Komposition.
2002 wurde das Buchmaterial von Brett Ratner als RED DRAGON neu verfilmt (mit Edward Norton und Ralph Fiennes in den Hauptrollen und erneut Anthony Hopkins als Hannibal Lecter). Ich kann mich ehrlich gesagt so gut wie gar nicht mehr an den Kinobesuch erinnern außer daran, dass das Remake kaum Eindruck bei mir hinterlassen hat.

MANHUNTER mag ein wenig angestaubt und „eighties“ sein, aber dieses Schicksal teilen auch andere Juwelen wie z. B. Brian De Palmas SCARFACE. Wer sich davon klugerweise nicht abschrecken lässt, entdeckt in Michael Manns Film ein Highlight des Genres und einen vor allem visuell und atmosphärisch beeindruckenden Film. Auf der UK-Blu Ray ist zusätzlich zur Kinofassung der von Michael Mann kommentierte Director’s Cut enthalten!

MANHUNTER
USA 1986
Regie: Michael Mann
Drehbuch: Michael Mann
Kamera: Dante Spinotti
Schnitt: Dov Hoenig
119 min.

8/10

Weitere Michael Mann Reviews:

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s