THE HOBBIT: AN UNEXPECTED JOURNEY

Veröffentlicht: 19. Dezember 2012 in reviews
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THE HOBBIT: AN UNEXPECTED JOURNEYAchtung, dieser Artikel enthält inhaltliche Spoiler, bitte erst nach dem Kinobesuch lesen!

„In a hole in the ground there lived a hobbit“. Mit diesem Satz beginnt J.R.R. Tolkiens Kinderbuch The Hobbit (1937), welches die Geschichte von Bilbo Baggins erzählt, einem gemütlichen Hobbit aus dem Auenland, der gerne isst, raucht, sein ruhiges Leben genießt und alles andere als Abenteuer im Sinn hat. Doch genau in solch eines wird er durch den Zauberer Gandalf gezogen, der ihn in die Gemeinschaft von 13 Zwergen steckt, um mit ihnen deren lang verlorenen Schatz vom Drachen Smaug zurückzuerobern. The Hobbit war nicht einfach nur ein Kinderbuch Tolkiens, sondern der Auftakt zu einer Welt, die im Kopfe des Autors gigantische Ausmaße anzunehmen begann. Es ist Mittelerde, dessen mehrere tausendjährige Geschichte von Tolkien bis in kleinste Details erdacht wurde: Götter, Rassen, Sprachen, Orte, Flora und Fauna, Zeitalter und Kriege – der Kampf des Guten gegen das Böse in epischen Ausmaßen. Weltberühmt wurde der Linguist schließlich mit The Lord of the Rings (1954), eines der berühmtesten Bücher der Welt und Vorreiter sämtlicher Fantasybücher und -spiele.

Nun wurde The Lord of the Rings, welches lange Zeit als unverfilmbares Buch galt, durch den Neuseeländer Peter Jackson im Jahre 2001 tatsächlich auf die Leinwand gebracht, mit phänomenalem Erfolg. So war es nur eine Frage der Zeit, bis die Meldung, auch eine Verfilmung des Hobbits stehe an, durch den Äther ging. Lange Zeit gab es Konfusion hinsichtlich des Regie-Postens. Diverse Probleme führten dazu, dass Guillermo del Toro abspringen musste und Peter Jackson schließlich, obwohl nur als Producer eingeplant, wieder auf dem Regiestuhl Platz nahm. Auch THE HOBBIT ist als Trilogie angesetzt, obwohl das Buch keine 400 Seiten dick ist. Wer darunter reine Geldgier vermutet, sei diesbezüglich beruhigt: auch wenn sicherlich zusätzliche Einnahmen keine unwichtige Rolle gespielt haben werden, so geht es Jackson und seinen Co-Autoren Fran Walsh und Philippa Boyens vor allem darum, viele Ereignisse, die sich rund um den Hobbit ereignen und vor allem die Verbindung zu den Geschehnissen im Hauptwerk The Lord of the Rings herstellen, in diese Prequel-Trilogie aufzunehmen. Tolkiens Texte sind reichhaltig und voller Informationen. Allein die Anhänge von The Lord of the Rings sind spannende Lektüre und berichten über viele Ereignisse vor und nach dem Roman. Die Verlockung, diesen Schatz an epischen Material zu verwenden, ist verständlich, und das Geek-Herz schlägt bei jedem Tolkien Fan höher. Denn wie wahrscheinlich ist es schon, dass diese Geschichten, gut umgesetzt, sonst auf die Leinwand kommen (meinen Traum, irgendwann einen epischen Silmarillion Film sehen zu dürfen, gebe ich jedoch nicht auf)? So jedenfalls lässt sich die Frage beantworten, wie eine ansonsten recht kurze und geradlinige Geschichte auf drei mal beinahe drei Stunden aufgebläht werden kann: indem nämlich auf vieles mehr eingegangen wird, z. B. Saurons Wiedererstarken, dem Weißen Rat, die alte Geschichte der Zwerge Erebors usw.

THE HOBBIT - Martin Freeman

Ich habe mir im Vorfeld nie wirklich Sorgen um THE HOBBIT gemacht, da mein Vertrauen in Peter Jackson hoch ist. Trotz seiner gelegentlichen Abweichungen vom Buch, die ich nicht alle gutheiße (vor allem die Imladris-Elben in Helms Klamm), war die LOTR Trilogie eine fantastische Umsetzung, die an allen Ecken bestätigte, dass Fans des Buchs am Werke waren und ihnen wichtig war, es nicht zu verraten. Meine einzige „Sorge“ war, dass mich THE HOBBIT nicht so umhauen wird, einfach aufgrund seines wesentlich kleineren Rahmens und Märchencharakters. Nach meiner ersten Sichtung (mindestens eine weitere Kino-Sichtung wird folgen, dazu später mehr) kann ich sagen: mission accomplished! THE HOBBIT: AN UNEXPECTED JOURNEY ist ein toller Film geworden, ist eine bisher gelungene Umsetzung des Buches (bzw. der ersten sechs Kapitel) und ja, erleuchtet mich nicht so sehr wie LOTR. Letzteres ist kein Drama, eigentlich wäre der umgekehrte Fall auch unpassend, da Tolkiens The Lord of the Rings einfach das Hauptwerk ist. Vor allem aber spielt bei mir eines die wichtigste Rolle: ich bin wieder in Mittelerde! Ein Mittelerde, welches durch die Filmemacher nach meinem Geschmack visualisiert wurde von welchem ich nun noch mehr sehen kann. Natürlich spricht hier der Fan und Tolkien-Nerd aus mir, und in solchen Situationen ist keine herkömmliche Film-Review möglich, da man quasi aus eigenem pornographischem Interesse gewisse Dinge sehen will, eine Art Sightseeing durch bereits bekanntes Terrain wünscht und hofft auf adäquate Umsetzung. Dies ist nicht nur ein Film, sondern auch ein Kleine-Jungen(und Mädchen)-Traum. In dieser Hinsicht kann THE HOBBIT mich begeistern und wieder in die geliebte Welt abdriften lassen. Jacksons Auftakt überzeugt also mit der Umsetzung der recht simplen Geschichte, liefert aber gleichzeitig auch Nebenhandlungen, welche z. B. das Erstarken des Nekromanten in Dol Guldur oder von Radagast dem Braunen erzählen. Wie auch in jedem Film der LOTR Trilogie beginnt Jackson mit einem überraschenden Intro. War dies im ersten Teil die epische Schlacht der vereinten Völker gegen Sauron am Ende des zweiten Zeitalters, im zweiten Teil das Wiederaufgreifen des Maiar-Duells Gandalf gegen den Balrog in Moria und im abschließenden Teil die Hintergrundgeschichte Gollums/Sméagols, so beginnt THE HOBBIT: AN UNEXPECTED JOURNEY in zweifacher Hinsicht mit Klasse. Bilbo Baggins (Ian Holm) schreibt seine Memoiren und wir sind Zeugen der Szene unmittelbar bevor Gandalf im LOTR das Auenland besucht und auf Frodo trifft. Ein gewisser positiver Aha-Effekt tritt auf. Gleichzeitig erzählt Bilbo im Off von der Geschichte der Erebor Zwerge, welche aus ihren prächtigen Hallen (eine wirklich fantastische Kulisse) vom Drachen Smaug vertrieben werden und fortan heimatlos in den Blauen Bergen umherziehen. Dieses kolossale Intro dient natürlich auch als Kontrast zu den folgenden eher komödiantischen Szenen im Hause Bilbos (Martin Freeman als Bilbo, nun 60 Jahre vor den Ereignissen), ehe das große Abenteuer für ihn beginnen kann. Martin Freeman gelingt eine großartige Performance, die einerseits erfolgreich Ian Holm emuliert und gleichzeitig neue Energie und Liebreiz in die Figur bringt. Freeman überzeugt bereits in den frühen Szenen, in denen Bilbo droht, zur Karikatur zu werden, und bringt einen glaubwürdigen gemütlichen, überforderten Hobbit rüber, dessen großes Herz und dessen Tuk-Gene ihn schließlich doch das traute Heim verlassen lassen. Die Figur scheint für ihn geschrieben worden zu sein. Die Zwerge, angeführt von Thorin Oakenshield (Richard Armitage), wirken bis auf Thorin und wenigen Ausnahmen (etwa Balin) wie eine homogene Masse, die schwer auseinander zu halten ist, doch das war bereits im Buch der Fall. Wer kann sich schon 13 Zwerge merken? Ich konnte das nicht Mal bei sieben. Dies wird sich mit den Fortsetzungen vermutlich legen. Armitage ist ein interessanter Charakterdarsteller, sieht auch am wenigsten aus wie ein Zwerg und ist eher einem Menschen ähnlich. Hier hatten die Filmemacher wohl am meisten Angst, keine repräsentative Figur für die Zuschauer wie zuvor Aragorn mitwirken zu lassen und wählten diesen Zwischenweg. Trotz all der Comedy verkommen die Zwerge zum Glück nicht zu reinen Witzfiguren, sondern gewinnen im Laufe der Reise zunehmend Sympathiepunkte.

THE HOBBIT - Richard Armitage

Diese Reise verläuft, bedingt durch die Vorlage, nach ziemlich redundantem Muster. Man läuft von Punkt A nach B, gerät dort in eine missliche Lage und wird im letzten Moment doch gerettet, um weiter nach Punkt C zu reisen. Wer das Buch kennt, den wird das nicht negativ überraschen können. Wer es jedoch noch nie gelesen hat und eine einfalls- und trickreiche Dramaturgie erwartet, wird hier wohl ernüchtert. Eine große Stärke des Films ist die Evolution der CGI in den Jahren seit LOTR, und man merkt in beinahe jeder Szene, wie in nahezu absoluter Leichtigkeit einfach alles darstellbar geworden ist, was man sich vorstellen kann. THE HOBBIT zelebriert in den Actionszenen Choreographien (inkl. der Kamera), die naturgemäß der ersten Trilogie überlegen sein müssen. So ist beispielsweise der berühmte Kampf gegen die drei kochenden Bergtrolle so spektakulär und entfesselt, dass man schlichtweg vergisst, überhaupt auch nur ansatzweise nach Punkten zu suchen, die die Magie dieser Szene in ihrer Entstehung entlarven. Hier funktionieren die Größenverhältnisse, die Interaktion der Darsteller mit den CGI-Trollen, die entfesselte Kamera in einer Perfektion, dass man selbst als Kino-Veteran fassungslos bleibt. Kritisch anzumerken habe ich bezüglich der Action-Szenen jedoch, dass sie an einigen Stellen zu übertrieben sind und zur Achterbahnfahrt werden, die bisweilen die Grenzen der Physik überschreitet. Auch die Kamera (Andrew Lesnie) übertreibt es hier und da mit allzu wilden Fahrten. Hier hätte ich mir mehr Realismus wie in LOTR gewünscht, und weniger Schwerelosigkeit und Jump N Run. Während also hin und wieder Szenen beinahe zu Videospielen werden, kriegt Jackson immer wieder die Kurve und zeigt, dass trotz aller Tricks und eye opener immer noch die Menschlichkeit (ist dieser Ausdruck angesichts des Mangels an Menschen überhaupt angebracht?) der Geschichte im Mittelpunkt steht, und einer der stärksten Momente ist das Aufeinandertreffen Bilbos mit Gollum, bei welchem der berüchtigte Eine Ring den Besitzer wechselt. Nicht nur die Perfektion des Capturings von Serkis‘ Performance (der beim Hobbit auch die Regie der Second Unit führte), der Animation Gollums und der Interaktion mit Freeman, sondern vor allem der Moment, in welchem Bilbo unsichtbar mit der Klinge hinter Gollum steht und abwägt, ihn zu töten oder zu umgehen, ist der eigentliche Höhepunkt, nicht nur in seiner Humanität, sondern wie eine Gesamtaussage (Tolkiens) zu verstehen: wenn Bilbo hier Gollum tötet, dann wird Frodo den Ring nicht vernichten können, sondern genauso wie Isildur korrumpiert werden. Dieser barmherzige Akt Bilbos rettet 60 Jahre später ganz Mittelerde. Zwischen all den unglaublichen Effekten, Landschaften, Locations und Action ist es dieser Moment, der das Herz am eingehendsten berührt, uns guten Mutes auf die Fortsetzungen warten lässt und zeigt, dass wir auf dem richtigen Wege sind. THE HOBBIT: AN UNEXPECTED JOURNEY ist ein schöner Fantasy-Film, eine willkommene Rückkehr nach Mittelerde, mit zahlreichen großartigen Momenten, ohne jedoch jemals die epischen und fesselnden Dimensionen der LOTR-Trilogie zu erreichen. Oben beschriebene Herz berührende Szenen und Gänsehaut Momente gab es in der LOTR-Trilogie zuhauf – beim Hobbit sind sie selten. Dazu ist die Geschichte Bilbos und der 13 Zwerge einfach zu infantil und schlicht, dazu steht hier zu wenig auf dem Spiel im Vergleich zur Bedrohung durch Mordor. Nichtsdestotrotz macht der Film einfach Spaß und wird für jüngere Altersgruppen sowieso das absolute Highlight des Genres sein. Als Fan freue ich mich auf die beiden Fortsetzungen und erinnere mich an die Wartezeit nach THE FELLOWSHIP OF THE RING, als ich anfing, all die Szenen aus dem Buch zu rekapitulieren, die in THE TWO TOWERS auf mich warten würden. Genauso verhält es sich beim Hobbit: ich freue mich auf die Spinnen im Mirkwood, auf Dale, auf Smaug, auf Bard, frage mich ob es besoffene Elben geben wird, stelle mir die finale Schlacht vor, und bin gespannt auf weitere Ausarbeitungen der Nebenplots. Und bis dahin verkürze ich mir die Wartezeit mit der Extended Edition von LOTR. Von einer Punktewertung sehe ich ab, da man nicht von drei vollständigen Filmen sprechen kann und ich THE HOBBIT als Gesamttrilogie bewerten möchte.

Meine Meinung zum technischen Aspekt des Films hinsichtlich 3D und der erhöhten Framerate (48 fps) werde in einem separaten Blogeintrag veröffentlichen (UPDATE: jetzt online).

THE HOBBIT - Ian McKellen

THE HOBBIT: AN UNEXPECTED JOURNEY
USA, NZ 2012
Regie: Peter Jackson
Drehbuch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson, Guillermo del Toro
Kamera: Andrew Lesnie
Schnitt: Jabez Olssen
169 min.

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