PULP FICTIONPULP FICTION ist der Kultfilm der Neunziger und höchstwahrscheinlich auch deren einflussreichster Titel. Etliche Gangsterkomödien und cool guys Streifen, manchmal mit ähnlich fragmentierter Struktur, tauchten nach Tarantinos Film auf, deren Realisierung allein durch die Existenz von PULP FICTION möglich war. Tarantino bewies zudem (bereits mit RESERVOIR DOGS), dass nicht zwangsläufig große Budgets, sondern gute Ideen für gute Filme sorgen, wenn den Künstlern ein kreatives Umfeld bereitgestellt wird und Studios ihnen entsprechende Freiheiten gewähren. Somit ebnete Tarantino etlichen nachkommenden Regisseuren den Weg (z. B. Guy Ritchie), die plötzlich für Projekte grünes Licht bekamen, die ihnen vorher nur vor der Nase zugeschlagene Produktionstüren eingebracht hätten. Dabei ist PULP FICTION in seinen Elementen kein grundorigineller Film, sondern vielmehr ein Sammelsurium von Filmreferenzen, eine Ode an den Film als Entertainment und Kunst selbst und der zahlreichen (teilweise trashigen) Charaktere, Plots, Bilder und Töne seiner Geschichte.

„Let’s get into character“

Diese Filmreferenzen zeigen sich auch bei den Darstellern: Christopher Walken sinniert über seine Gefangenschaft bei den Vietkong und erinnert dadurch an seine Rolle in Ciminos THE DEER HUNTER (1978), Bruce Willis trägt das obligatorische blutdurchtränkte weiße Oberteil, welches durch die DIE HARD Filme Kult erlangte, John Travolta tanzt, Angela Jones ist fasziniert vom Tod (aus dem Kurzfilm CURDLED wurde zwei Jahre nach PULP FICTION der gleichnamige Spielfilm) und Harvey Keitel spielt Mr Wolf, dessen Figur von Jean Renos Cleaner in Bessons LA FEMME NIKITA (1990) inspiriert ist. Originell ist PULP FICTION in erster Linie aufgrund seiner virtuosen Mischung der ganzen Einzelteile, der begnadeten Dialoge und Taratinos Zelebrieren jeder einzelnen Einstellung. Die Dialoge stechen hervor und werden wahrscheinlich von den meisten bei der Frage nach dem Merkmal eines Tarantino-Filmes als erstes genannt. Richtig ist, dass Tarantino die seltene Gabe hat, Charakteren Worte in den Mund zu legen, die dann von den richtigen Schauspielern ausgesprochen so lässig und bodenständig rübergebracht werden können, dass man der Illusion erliegen könnte, seine Dialoge seien realistisch. Das sind sie natürlich nicht, sondern im hohen Grade stilisiert. Tarantinos Stärke liegt aber einerseits genau in dieser Stilisierung, gleichzeitig auch darin, dass er Dialog nicht nur wie in der Mehrheit aller produzierten Filme als Plot vorantreibendes Werkzeug verwendet. Stattdessen lässt er seine Figuren über (scheinbar) völlig belangloses Zeug philosophieren, seien das die Burger-Bezeichnungen in Europa, die Bedeutung einer verabreichten Fußmassage, die Charaktere einer nicht über den Pilotfilm hinaus produzierten Serie, die Qualität von Milchshakes etc.

PULP FICTION - Samuel L. Jackson

Tarantinos Figuren unterhalten sich über Banales, während sie durch ihre Aktionen die Handlung vorantreiben. Man kann gar nicht stark genug betonen, wie selten das in Filmen ist. Seine Dialoge sind witzig, dabei baut er keine Gags im herkömmlichen Sinne ein, keine Witze (der einzige Witz in PULP FICTION ist der schlechte Tomatenwitz, den Mia Vincent erzählt). Die Art der Debatten selbst sorgt für die Komik, der Austausch und die Ansichten der Figuren, die Reaktionen aufeinander, sorgen für den Witz des Gesprochenen. Und diese Figuren sind ausgearbeitet, keine Kopien. Zweifellos sprechen alle Tarantino-Sprache, jedoch unterscheidet man klar zwischen dem spirituellen und Sinn suchenden Jules, dem zynischen, pragmatischen, verpeilten, aber nicht dummen Vincent, dem schlichten, jedoch nach einem Wertesystem sich nicht unterkriegen lassenden Boxer Butch, dem professionellen Cleaner oder dem Tyrannen und Machtmenschen Wallace.

PULP FICTION - John Travolta

Doch Tarantino-Filme, das sind nicht nur die Dialoge, sonst könnte er ausschließlich als Drehbuchautor seine Brötchen verdienen. Seine weitere große Stärke ist das cineastische Auge, geschult durch die Sichtung unzähliger Filme und Kategorisierung in seinem Kopf. Als Zuschauer und ebenso als Cineast spürt man in jeder Einstellung seine Begeisterung für das Medium. Seine Einstellungen sind wohl durchdacht und oft Referenzen seiner Idole oder Filme, die es ihm angetan haben (Sergio Leone ist nur eines dieser Idole, wenn auch eines der wichtigsten). Er dreht seine Filme mit nur einer Kamera, um das Set genauso ausleuchten zu können, wie er es für richtig hält, ohne die Kompromisse eingehen zu müssen, die man vor allem bzgl. des Lichtes beim Aufbau von zwei oder mehr Kameras hat. Dies spiegelt sich dann im Bild wieder, das er im Laufe der Jahre immer weiter perfektioniert hat, das in PULP FICTION zwar schon da ist, jedoch in wesentlich groberer Natur als später beispielsweise in INGLOURIOUS BASTERDS.

PULP FICTION - Uma Thurman

Zu seinem Musikgeschmack, dank dessen er stets die richtigen Tracks für seine Filme aussucht (und den PULP FICTION Soundtrack zu Weltruhm und ständiger Zitation gebracht hat) kommt schließlich noch das Talent, seine Vision auf magnetische Weise kommunizieren zu können. Wer Tarantino in Interviews zuhört, wird von seinem Wortschwall nahezu erschlagen, doch was er von sich gibt, hat stets Hand und Fuß und ist kein Gequatsche und Smalltalk. Aus ihm spricht das pure Selbstvertrauen, genau zu wissen, was er will. Und da er das seinem kreativen Umfeld adäquat weitervermitteln kann, wird er zum Magneten für ganz große Namen. Bereits in RESERVOIR DOGS hatte er mit Harvey Keitel einen großen Befürworter für seine Sache. In seinem zweiten Film konnte Tarantino bereits auf einen erstklassigen Cast zurückgreifen: Samuel L. Jackson, John Travolta (dem er mit der Rolle des Vincent zum Comeback verhalf), Uma Thurman, Bruce Willis, Harvey Keitel, Tim Roth, Ving Rhames, Rosanna Arquette, Chistopher Walken. Diese Menschen vertrauen ihm, und er liebt sie nicht nur als Regisseur, sondern auch als Fan.

PULP FICTION - Bruce Willis

„Oh I‘m sorry, did I break your concentration?“

Was mir nach der x-ten Sichtung von PULP FICTION (wahrscheinlich der Film, den ich am meisten gesehen habe) wieder mal auffällt, ist, dass der Film sehr gut altert, bzw. es gar nicht tut. Durch seine „Filmreferentialität“ und Loslösung aus dem Zeitgeschehen besitzt er kein Element, das im Laufe der Jahre verschleisst. Wer heute PULP FICTION zum ersten Mal sieht, wird wahrscheinlich nicht die Erleuchtung derer haben, die den Film Mitte bis Ende der Neunziger gesehen haben, einfach weil PULP FICTION die Filmgeschichte selbst so nachhaltig beeinflusst hat, er wird aber einen Film sehen, der durchaus als heutiger Release funktionieren würde, ohne von seinem Charme zu verlieren. PULP FICTION ist zeitlos. Und Kult. Und einer meiner Lieblingsfilme.

PULP FICTION
USA 1994
Regie: Quentin Tarantino
Drehbuch: Quentin Tarantino
Kamera: Andrzej Sekula
Schnitt: Sally Menke
154 min.

10/10

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