JACKIE BROWNTarantinos JACKIE BROWN kam drei Jahre nach seinem Kultfilm PULP FICTION in die Kinos und hatte eine schwere Aufgabe vor sich: der durch seine beiden ersten Filme zum Superstar avancierte Regisseur, der von den einen für ein Hollywood-Genie à la Orson Welles und von den anderen als überbewertetes B-Movie Konsumopfer eingeordnet wurde, überraschte mit seinem dritten Film, indem er einen Teil seiner Anhängerschaft leicht enttäuschte, gleichzeitig jedoch neue Befürworter für sich gewinnen konnte. Tarantino bewies mit JACKIE BROWN, dass er nicht durch einen freak accident im Hollywood-Pantheon gelandet war, sondern ein ernstzunehmender Regisseur, mit dem weiterhin zu rechnen sein konnte.

Die Stewardess Jackie Brown (Pam Grier) schmuggelt für den Waffendealer Ordell (Samuel L. Jackson) dessen Geld über die Grenze von Mexiko nach Los Angeles. Da sie dort von den Behörden abgefangen wird, befindet sie sich in einer misslichen Lage, die ihr jedoch auch eine profitable Option verspricht: Sie muss Ordell durch eine gestellte weitere Geldübergabe den Behörden ausliefern, die Agenten jedoch gleichzeitig gut genug hinters Licht führen, um sich selbst mit der halben Million Dollar aus dem Staub machen zu können. Dabei soll ihr Kautionsagent Max Cherry (Robert Forster) behilflich sein.

JACKIE BROWN - Pam Grier

JACKIE BROWN basiert auf dem Roman „Rum Punch“ von Elmore Leonard. Die Hauptfigur wurde durch Tarantino zu einer 44-jährigen Schwarzen, die für die schlechteste Airline des Landes ein kümmerliches Jahresgehalt kassiert und Angst davor hat, „wieder ganz von vorne anfangen zu müssen“. Der Clou war die Besetzung mit der beinahe in Vergessenheit geratenen Pam Grier, welche in den Siebzigern durch blaxploitation– (COFFY, FOXY BROWN) und Frauenknastfilme (THE BIG BIRD CAGE) zur Ikone nicht nur für den Fan Tarantino wurde. Das zweite Comeback gebührte Robert Forster (MEDIUM COOL; zahlreiche B-Movies in den Achtzigern, zuletzt auch in THE DESCENDANTS zu sehen). Nicht nur wurden die Karrieren der beiden wiederbelebt, Tarantinos Film ist voll und ganz eine Liebeserklärung an seine Darsteller, denen er die Bühne freigibt, um großartige Leistungen preisgeben zu können. Pam Grier erhielt eine Golden Globe Nominierung für JACKIE BROWN, und Robert Forster wurde für den Oscar nominiert. Zusammen mit Samuel L. Jackson (der nach PULP FICTION erneut den Gangster gibt, allerdings einen wesentlich fieseren und unsympathischeren als Jules es war) spielen diese drei die größten Rollen, jedoch ist auch der restliche Cast in JACKIE BROWN hochkarätig besetzt und steht den Hauptdarstellern in nichts nach: Robert De Niro spielt den Alt-Knacki Louis, der in der modernen Welt mit dem technischen Fortschritt nicht zurecht kommt und auch sonst nicht der hellste ist, Bridget Fonda (wie ich sie auf der Leinwand vermisse!) mimt in der vielleicht herrlichsten Rolle des Films Melanie, die stets zugedröhnte Hausblondine Ordells, Michael Keaton (BEETLEJUICE, BATMAN) und Michael Bowen (welcher in KILL BILL den Krankenpfleger spielt, der die Braut für seine Zwecke während ihres Komas missbraucht) sind die ATF-Agenten, welche Ordell dingfest machen wollen. Chris Tucker (RUSH HOUR) spielt Beaumont, einen von Ordells Lakaien. Und in einer frühen Gerichtsanhörung können wir kurz Sid Haig (bekannt aus zahlreichen TV Serien und blaxploitation Filmen) als Richter und Denise Crosby (Tasha Yar aus Star Trek: The Next Generation) als Verteidigerin sehen.

JACKIE BROWN - Robert Forster

JACKIE BROWN ist ein wesentlich ruhigerer und langsamerer Film als RESERVOIR DOGS und PULP FICTION es waren. Auch die Figuren sind weniger stilisiert und überzeichnet. Tarantino ließ es entspannter zugehen und machte aus JACKIE BROWN in erster Linie einen Schauspielerfilm. Dies ist auch einer von den beiden Aspekten, die mir am Film besonders gefallen: einerseits ist es ein reines Vergnügen, großartige Schauspieler bei der Arbeit zu sehen, und einige Szenen sind schlicht genial, ob es nun große Momente der Hauptdarsteller sind, etwa wenn Ordell nach langem Überlegen, (welches Tarantino seiner Figur in dem Moment glücklicherweise zulässt) zu dem Schluss kommt, dass Jackie Brown ihn verraten hat, oder aber Zwischensequenzen der Nebendarsteller, z. B. De Niros und Fondas Quickie, nachdem Ordell das Haus verlässt, sowie natürlich der den Zuschauer völlig auf dem falschen Fuß erwischende Moment, in welchem Louis der Geduldsfaden endgültig reisst und er überreagiert. Der zweite Punkt, der mir an Tarantinos Film zusagt, ist der trotz chilligem Aufbau spannende und interessant aufgeschlüsselte Plot rund um die Geldübergabe(n) in der Shopping Mall. Hier erinnern die verschiedenen Perspektiven an Kubricks THE KILLING (1956), und das Interesse des Zuschauers wird trotz langer Laufzeit hoch gehalten (generell stören mich lange Laufzeiten nicht, wenn ich Gutes sehe).

JACKIE BROWN - Robert De Niro & Samuel L. Jackson

JACKIE BROWN mag bei vielen Fans in Tarantinos Filmografie eher weiter unten eingeordnet werden, und auch ich gebe den meisten anderen Filmen meist den Vorzug, doch nichtsdestotrotz ist JACKIE BROWN ein rundum intelligenter, gelungener und witziger Film mit zahlreichen großen schauspielerischen Momenten, welche unter anderem Tarantinos Ruf des actor‘s director einbrachten.

JACKIE BROWN
USA 1997
Regie: Quentin Tarantino
Drehbuch: Quentin Tarantino
Kamera: Guillermo Navarro
Schnitt: Sally Menke
154 min.

9/10

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